Fussball RHEINPFALZ Plus Artikel Thomas Seidenspinner denkt nicht an Rücktritt vom Rücktritt

Die Liebe zum Fußball ist nach wie vor groß. Doch Thomas Seidenspinner zieht es jetzt eher aufs Rad.
Die Liebe zum Fußball ist nach wie vor groß. Doch Thomas Seidenspinner zieht es jetzt eher aufs Rad.

Als Fußballtrainer ist der Eppsteiner Thomas Seidenspinner mit 55 Jahren Frührentner. Vor fast drei Jahren stieg er nach einem Kurzgastspiel beim ASV Mörsch aus. Und er sagt: „Das soll so bleiben.“ Womit ein Rücktritt vom Rücktritt ausgeschlossen ist. Für einen Verein würde er sich allerdings doch noch mal auf die Trainerbank setzen.

Es gibt Trainer, die sitzen noch im Rentenalter auf der Bank. Giovanni Trapattoni war so einer. Mit 74 Jahren wurde sein Vertrag als irischer Nationaltrainer aufgelöst, obwohl er sich selbst wohl noch nicht als „Flasche leer“ empfunden hatte. Andere gehen früher und dann doch nicht. Jupp Heynckes kam aus dem Ruhestand zurück zum FC Bayern München. Huub Stevens, der nicht zum ersten Mal den Rücktritt vom Rücktritt wagte, und Christian Gross kehrten aus dem Ruhestand zurück, beide zu Schalke 04 in die Erste Fußball-Bundesliga.

Thomas Seidenspinner ist mit Blick auf die Corona-Situation froh, die Ausstiegs-Entscheidung getroffen zu haben. Möglichkeiten, weiterzumachen, seien da gewesen. Gleich fünf Angebote habe er nach seiner Ansage, Schluss zu machen, bekommen. Zuletzt habe im vergangenen Jahr noch einmal ein Verein angefragt, bei dem er nach eigener Aussage vor nicht allzu langer Zeit noch zugegriffen hätte. Die Absage sei ihm jetzt nicht schwer gefallen. Er ist sich sicher, dass er noch wüsste, was er machen müsse. Für einen Verein würde er dann doch eine Ausnahme machen, fällt ihm im Laufe des Gesprächs ein. „Wenn der FC Bayern München anfragen würde ...“

Verständnis für Gross, Heynckes und Stevens

Heynckes, Stevens und Gross kann Seidenspinner jedoch verstehen. Bei Heynckes sei das Risiko klein gewesen, bei einem Verein wie Bayern München. Stevens hätte die kurze Zeit im Rampenlicht auf seine Art sicher genossen. Und Gross könne, wenn das mit Schalke gutgehe, schnell wieder im Geschäft sein. Seidenspinner glaubt nicht, dass diese Trainer in erster Linie das Geld lockt.

Die Kollegen und Spieler in unteren Klassen, die aktiv sind, bedauert er ob der Corona-Situation. Seidenspinner befürchtet, dass gerade in den „Sperrholzligen“, so nennt er die Klassen, in denen meist zweite Mannschaften am Ball sind, viele Spieler nach der langen Zwangspause den Vereinen fehlen werden, weil sie nicht wieder einstiegen. „Im Alter von 15 bis 28, als aktiver Fußballer für den das Training ein wichtiger Bestandteil, ein Automatismus war, wäre ich an einer solchen Situation kaputtgegangen“, sagt Seidenspinner.

Große Liebe zum Fußball

Nach wie vor sei seine Liebe zum Fußball groß. Der Montag sei der Tag, an dem er spät zur Arbeit gehe, weil er den lokalen Fußball in der Zeitung sondiere. Allerdings: Auf die Plätze hinaus treibt es ihn nicht. „Das hatte ich viele Jahre, vielleicht schon zu viele“, meint Seidenspinner. Aber der Bildschirm daheim sei oft grün. Bundesliga – und da insbesondere die Spiele seines Favoriten 1. FC Köln – schaut er sich an. Bei weniger hochkarätigen Bundesliga-Spielen zieht er die englische Premier League vor.

Und ihm, als kommunikativem Typ, der zu seiner aktiven Zeit als Trainer schon mehr im Blick hatte als das Geschehen auf dem Platz, der beim TSV Eppstein als „Träner“ eine eigene Kolumne schrieb, der ein eigenes Kabarett-Programm dem Fußball widmete – fehlt da nicht was, wenn er im Sessel sitzt? „Irgendwie schon, aber auch nicht“, meint Thomas Seidenspinner. Wenn er jedoch jetzt zum Fußball gehe, wäre er Zuschauer, nicht Trainer. „Das wäre anders.“

Trainer in Freinsheim, Frankenthal und Lambsheim

Einige Trainer-Stationen hat Seidenspinner absolviert: FV Freinsheim, Vatanspor Frankenthal, TSV Eppstein, VfR Frankenthal, Eintracht Lambsheim, ASV Mörsch. Gerade die letzte Station sei nicht gut gelaufen: „Vielleicht hatte ich nicht den richtigen Draht“, sucht er die Ursache für den relativ schnellen Abgang auch bei sich. Doch er sei immer im Guten mit den Leuten gegangen.

Auch wenn er im Rückblick feststellen muss, dass er nirgends den tollen Abgang gehabt habe. In Freinsheim hätte man sich von ihm ein paar Tage vor Saisonschluss „Knall auf Fall“ getrennt, Vatanspor habe er „durch die Hintertür“ verlassen. Am meisten beschäftigt ihn aber wohl der Abgang beim TSV Eppstein, wo er fast zehn Jahre lang Trainer und im Verein verwurzelt war. „Das hätte ein anderes Ende verdient gehabt“, meint er. Da habe er lange dran „geknabbert“.

Familie als Rückhalt

Seine Familie, insbesondere seine Frau, habe sein Engagement immer mitgetragen. Andere Dinge hätten unter dem Fußball gelitten. Aufhören auf Zeit, das sei für ihn nichts gewesen. Ein wenig stolz sei er auf sich, nicht umgekippt zu sein.

Er bewundere Leute wie beispielsweise den Frankenthaler Günther Golfier, der zuletzt in Weisenheim am Sand trainierte, die den Trainerjob richtig lange gemacht hätten. Das sei Sache der Einstellung. Im Kopf fühle er sich ebenfalls noch jung genug, um vieles mitmachen zu können.

Kein Verständnis für Löw

Es gebe aber aus seiner Sicht Trainer, die den Absprung verpasst hätten. Bundestrainer Joachim Löw zählt er dazu. Seine Entscheidungen in puncto Thomas Müller und Mats Hummels versteht Seidenspinner „nullkommanull“. Damit habe Löw von sich abgelenkt. Spätestens zwei Jahre nach dem WM-Titel in Brasilien hätte er nach Ansicht des Eppsteiners gehen müssen. Doch er sei verliebt in den Kaffee vor dem Spiel und seinen Pullover. Nun habe die Nationalmannschaft eine zweitklassige Abwehr. „Hummels, zentral, mit seiner Ausstrahlung und seiner Vita ...“, lässt Seidenspinner den Satz unvollendet und trotzdem mit klarer Aussage. Und von Thomas Müller sei er ein Riesenfan. „Der macht einfache Dinge, bereitet Tore vor, rennt in Räume, in denen man keine anderen Spieler findet.“

Während die jüngeren Spieler sicher immer einmal wieder einen höheren Gipfel bezwingen könnten als diese erfahrenen, seien Hummels und Müller aber auf dem „Heilbronner Höhenweg“ unterwegs. Nun müsse die Nationalmannschaft wohl erst bei einem großen Turnier erneut scheitern. Wobei er das nicht hoffe, aber befürchte.

Fan des 1. FC Köln

Seinen deutschen Lieblingsverein fand Seidenspinner auf dem Betzenberg, wohin ihn der Vater und der Onkel mitgenommen hatten. Zum Spiel FCK gegen FCK. Mit acht Jahren sei er vom Kölner Geißbock fasziniert gewesen. Die Mutter habe ihm ein selbstgemachtes T-Shirt mit Geißbock-Aufdruck zu Weihnachten geschenkt. Merchandising sei da noch nicht so weit gewesen. Heinz Flohe sei sein großes Vorbild gewesen.

Heute fährt Thomas Seidenspinner Rad, Touren von 30 bis 40 Kilometern Länge. Dabei kommt er nach eigener Aussage auch mal an einem Fußballplatz vorbei. Dann verweile er wenige Minuten am Zaun, um dann weiterzufahren.

Rückkehrer I: Huub Stevens grantelte in dieser Saison noch mal kurz in Königsblau.
Rückkehrer I: Huub Stevens grantelte in dieser Saison noch mal kurz in Königsblau.
Rückkehrer II: Jupp Heynckes gewann mit Bayern München 2013 die Champions League.
Rückkehrer II: Jupp Heynckes gewann mit Bayern München 2013 die Champions League.
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