Interview
Theo Wieder zur Kirchenreform: „Nicht alles bisher Vertraute wird so bleiben können“
Herr Wieder, können Sie die Eckpunkte der Strukturreform kurz skizzieren?
Der starke Rückgang personeller und finanzieller Ressourcen zwingt das Bistum Speyer, eine Struktur zu entwickeln, die es ermöglicht, die haupt- und ehrenamtlichen Kräfte zusammenzuführen und Netzwerke dort aufzubauen, wo künftig die Schwerpunkte für eine gute pastorale Arbeit gesetzt werden. Aus bisher zehn Dekanaten werden neun neue Pfarreien. Die bisherige Dekanatsebene entfällt. Unterhalb der neuen Pfarreiebene gibt es eine oder mehrere Gemeinden. In jeder neuen Pfarrei wird ein Vorstand, bestehend aus Leitendem Pfarrer, einem Pastoral- oder Gemeindereferenten, der Verwaltungsleitung sowie Ehrenamtlichen gebildet. Diesem obliegt die pastorale und verwaltungsoperative Leitung der Pfarrei. Ein aus Vertretern der Gemeinden und Vertretern der Verbände gebildeter neuer Pfarrsynodalrat soll wesentliche pastorale Grundentscheidungen treffen. Jeder Pfarrei angegliedert wird das Zentrale Pfarrbüro, dem Kontaktbüros in den bisherigen Pfarreien zugeordnet sind.
Was wird sich für die Pfarrei Heilige Dreifaltigkeit konkret ändern?
Sie wird künftig einer neuen Pfarrei angehören, die das bisherige Dekanat Speyer mit nach heutigem Stand rund 47.000 Katholiken umfasst. Dieser Pfarrei werden etwa 18 hauptamtliche Mitarbeitende zugeordnet sein. Der Sitz der neuen Pfarrei muss noch festgelegt werden. Das bisherige Pfarrbüro in der Vierlingstraße bleibt als Kontaktbüro und als Dienstsitz pastoraler Mitarbeitenden erhalten. Im Gebiet der bisherigen Pfarrei können anhand bestimmter Kriterien eine oder mehrere Gemeinden gebildet werden.
Wie beurteilen die Pfarreigremien das Reformpapier?
Die Gremien haben die Vorschläge des Bistums umfassend diskutiert und ihre Bewertungen in den Reformprozess eingebracht. Dabei war uns besonders wichtig, dass die pastoralen Themen stärker gewichtet werden müssen. Denn Strukturüberlegungen allein schaffen noch keine zukunftsfähige Kirche. Diesen Forderungen wurde Rechnung getragen. So liegt der Diözesanversammlung ein Antrag vor, der die geistlichen Aufgaben in Pfarrei und Gemeinden in den Mittelpunkt stellt. Der Bistumsleitung wird darin aufgegeben, Überlegungen anzustellen, wie die Verkündigung der Frohen Botschaft und die Gestaltung eines aktiven Glaubenslebens gut gelingen kann. Den wesentlichen organisatorischen Vorschlägen des Reformprojekts haben die Pfarreigremien zugestimmt.
Bergen größere pastorale Einheiten nicht die Gefahr, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl vor Ort verlorengeht?
Diese Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen. Der Rückgang personeller Ressourcen zwingt aber im Interesse der Aufrechterhaltung eines guten Gottesdienst- und Katecheseangebots sowie der Spendung der Sakramente zu einer engen Zusammenarbeit in größeren Teams. Die Gläubigen werden sich dabei auf Veränderungen einstellen müssen. Nicht alles bisher Vertraute wird so bleiben können. Auch bei zurückgehenden kirchlichen Angeboten wird aber Gemeinschaft im Glauben und im Leben möglich sein. Das Zusammengehörigkeitsgefühl in einer Gemeinde ist nicht in erster Linie von Strukturen abhängig, sondern wird durch den Willen geprägt, diese Gemeinschaft als für das eigene Leben wertvoll zu wollen und hierfür einen eigenen Beitrag einzubringen.
Wird dem ohnehin schon überlasteten kirchlichen Personal nicht noch mehr zugemutet?
Die anstehende Strukturreform soll gerade dieser bisher schon bestehenden und oft beklagten Überlastung des kirchlichen Personals entgegenwirken. Die Verwaltung der neuen Pfarrei wird einer Verwaltungsleitung übertragen, die das Pastoralteam entlastet. Wenn durch klare Regelung der Zuständigkeiten erreicht werden kann, dass sich das pastorale Personal nicht mehr um eine Vielzahl von Verwaltungsaufgaben kümmern muss, sehe ich gute Chancen, die angesprochene Überlastung zu vermeiden und zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit zu kommen. Ich bin zuversichtlich, dass dies durch die neuen Überlegungen bei positivem, zukunftsorientiertem Denken aller Beteiligten gut gestaltet werden kann.
Ist die Reform ein gangbarer Weg, um aus der Kirchen- und Glaubenskrise herauszuführen?
Das ist eine schwierige Frage. Die unzweifelhaft bestehende Kirchen- und Glaubenskrise dürfte ihre Ursache nicht in strukturellen Unzulänglichkeiten haben. Dies geht viel tiefer. Es hat mit einer seit Jahrzehnten gewachsenen starken Säkularisierung in unserer Gesellschaft zu tun, die durch Ereignisse wie den schrecklichen Missbrauchsskandal verstärkt wurde und dazu geführt hat, dass sich viele Menschen von Kirche und Glauben abgewendet haben. Dennoch bleiben die entscheidenden Lebensfragen bestehen. Strukturreformen sind ein Mittel zum Zweck und geben auf diese zentralen Fragen, die uns zwingen, uns mit uns selbst, mit unserem Leben und unserem Verhältnis zu Gott zu beschäftigen, keine Antworten. Ich bin aber für mich überzeugt davon, dass die Beschäftigung mit Fragen des Glaubens ein Weg ist, sich guten Antworten auf diese schwierigen Lebensfragen zu nähern. Eine Kirche und ihre Gemeinden können dabei helfen, Wege zu Gott zu finden oder neu zu entdecken.