Mannheim
„Stadt.Wand.Kunst“: Australierin schwelgt in abstrakten Blumen
Spätestens bis heutigen Dienstag möchte die Künstlerin ihr Wandbild, das als jüngster Beitrag für das Mannheimer Streetart-Projekt „Stadt.Wand.Kunst“ entsteht, aber zu Ende gemalt haben.
Die junge Frau, die vor dem großformatigen Wandgemälde steht und geduldig Fragen beantwortet, scheint selbst als ein Klecks der verspielten Malerei entsprungen zu sein, die sie zurzeit an einer Fassade im H-Quadrat aufträgt. Ihr Arbeitsanzug hat eine wilde Kaskade aus Farben abbekommen. George Rose ist in ihrem Element. Die Australierin steht in der Rangliste internationaler Künstler weit oben, wenn es um Streetart aus dem sonnigen Down Under geht.
International gefragte Künstlerin
Seit mehr als zehn Jahren geht sie Auftragsarbeiten rund um den Globus nach, hat ihre Murals in Europa, Asien und den USA gemalt. Und jetzt macht sie in Mannheim Station, um ein Teil der Galerie von „Stadt.Wand.Kunst“ zu werden. Das internationale Streetart-Projekt der Alten Feuerwache hat sich zum Ziel gesetzt, das größte frei zugängliche Museum für moderne Straßenkunst in Baden-Württemberg zu werden.
Was das angeht, ist man in Mannheim auf einem guten Weg. Mehr als fünfzig großformatige Wandgemälde sind bis Dato in den Quadraten und darum herum entstanden. Das Mural von George Rose reiht sich darin ein. Mit einer Ausbildung im Bereich Design und einem Studium der Bildenden Kunst verbindet sie beide Disziplinen zu einer einzigartigen künstlerischen Praxis, die sich vollständig dem Muralismus verschreibt. Ihr Werk ist eine lebendige Auseinandersetzung mit der Natur, ihrer Schönheit und ihrer Verletzlichkeit.
Atelier in Basel eingerichtet
Häufig rückt die Künstlerin gefährdete und einheimische Flora in den Mittelpunkt, indem sie mikroskopische Details in monumentale Dimensionen überträgt. Inspirationen, die George Rose mit Hilfe von Sprühdose, Pinsel und Sprühpistole zu einem komplexen Ganzen werden lässt, entdeckt sie sowohl in Datenbanken als auch auf ihren Streifzügen, die sie an den Standorten ihrer Murals unternimmt. Das habe sie auch in Mannheim so gemacht, wobei sie grinsend einräumte, dass das eine ganz schön schwierige Geburt gewesen sei.
Bevor George Rose die erste Farbe auf ihre „Leinwand“ im H-Quadrat bringen konnte, musste sie erst einmal vom Boden abheben. Doch der Flug, der sie nach Basel bringen sollte, wo sie zwischenzeitlich ein Atelier eingerichtet hat, wurde wegen starken Regens abgesagt. Als sie endlich in Mannheim eintraf und sich mit Schwung an die Arbeit begab, beendeten anhaltende Regenschauer ihr Werk. Seit ein paar Tagen ist sie wieder dabei, die Fassade mit einer ästhetischen Ornamentik zu versehen, die unter anderem einem bekannten Gebäude in Mannheim entlehnt ist.
Inspiriert durch die Jesuitenkirche
Die Rede ist von der Jesuitenkirche, um genau zu sein, von den verschnörkelten Mustern der Gitter an den Eingangspforten, die tatsächlich Pflanzen nachempfunden sind. Abstrakte Blumen, die in die Höhe wachsen und mit intensiven Farbtönen Übergänge schaffen, sind ein Markenzeichen, für das George Rose bekannt und schon prämiert wurde. „Ich liebe es, an öffentlichen Plätzen wie diesem hier zu arbeiten“, machte sie deutlich. Vor allem die Interaktion mit Anwohnern und Passanten liege ihr am Herzen. Solche Erfahrungen fließen demzufolge in ihre Arbeit mit ein und würden dadurch zu einem Teil ihrer Hinterlassenschaft an den Standorten. So auch in Mannheim.
Ihre Passion für florale Ornamentik, die sie bei ihren Spaziergängen im urbanen Raum immer wieder entdeckt, geht teils auf Kindheitserinnerungen zurück. „Mein Vater arbeitete in Australien als Förster und hat mich immer mal wieder mitgenommen, wenn er in der Natur unterwegs war“, gewährte sie während einer Pressekonferenz vor der entstehenden Wand imaginäre Einblicke in ihr Familienalbum. Menschliche Gesichter finde sie sehr viel weniger interessant. Gerade in der Streetart halte sie solche Motive – im Jargon der Szene Charakter genannt – mittlerweile sogar für eher überdosiert vorhanden.
Organische Formen, wie Bäume und Pflanzen, finde sie zur Darstellung besser geeignet, weil es die Natur auszeichne, sich beständig neu zu erfinden. Und dadurch, dass sie sich von Mustern und Formen aus den Quadraten habe inspirieren lassen, lasse sich das neue Mural in H4 auch als ein Dialog mit der Bevölkerung betrachten. Es wird, so wie das inzwischen alle Wandbilder vom Projekt „Stadt.Wand.Kunst“ an sich haben, zu einem Teil der Identität einer Stadt, die sich in ihrer Geschichte auch beständig neu erfunden hat.