Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel „Sie schrecken vor nichts zurück“ – die Autorin Maryam Aras über das Regime im Iran

Verlässliche Informationen und Bilder zu den jüngsten Protesten im Iran gibt es nur wenige. Dieses Foto soll am 9. Januar in Teh
Verlässliche Informationen und Bilder zu den jüngsten Protesten im Iran gibt es nur wenige. Dieses Foto soll am 9. Januar in Teheran entstanden sein und oppositionelle Demonstranten zeigen.

Die Kölnerin stellt ihr Buch „Dinosaurierkind“ am 27. Februar beim Festival „Lesen.Hören“ in der Alten Feuerwache vor.

Im Kino entdeckte Maryam Aras 2017 ihren Vater – auf der Leinwand. Als Student protestierte er 1967 in Berlin gegen den Schah von Persien. Mit „Dinosaurierkind“ schreibt die Autorin über das Aufwachsen in einer Familie oppositioneller Exiliraner in Deutschland. Vor ihrem Auftritt beim Literaturfestival „Lesen.Hören“ in Mannheim spricht sie mit Marco Partner jedoch auch über die aktuelle Situation im Iran.

Frau Aras, können Sie erklären, was genau Dinosaurierkinder sind?
Das sind die Kinder der zweiten Generation iranischer Eltern, die vor der Islamischen Revolution 1979 ins Exil gegangen sind. Dinosaurier ist zunächst einmal eine interne Lingo, mit der Oppositionelle der 60er Jahre, die wie mein Vater nach Europa kamen, ihre älteren Freunde, die unmittelbar nach dem Putsch von 1953 flohen, bezeichneten. Sie legten den Grundstein für die Exilopposition und die iranische Diaspora.

Auf dem Klappentext ihres Buches heißt es, Sie schrieben eine Familiengeschichte, in der der Luxus, unpolitisch durchs Leben zu gehen, nie existiert habe. Ist es das Erbe der Dinosaurierkinder, in eine Vorgeschichte hineingeboren zu werden?
Ja, als Kinder politischer Aktivisten, die sowohl gegen den Schah als auch gegen Ayatollah Khomeyni gekämpft haben, ist man geprägt. Ich hätte vielleicht auch andere Entscheidungen in meinen Leben treffen können. Vielleicht aber auch nicht. Letztlich habe ich meine eigene Geschichte daraus gemacht, indem ich alles in Literatur gepackt und auch nach dem deutschen Kontext in dieser Vorgeschichte gesucht habe.

Sie wurden wohl fündig, in ihrem Buch verweben Sie die 68er-Bewegung mit der Geschichte Ihres Vaters. Was war der Auslöser?
Der Initiationsmoment war im Sommer 2017. Ich saß in einem Programmkino in Köln im Rahmen einer Themenwoche zum 2. Juni 1967, als gegen den Besuch des Schahs Mohammad Reza Pahlavi protestiert wurde. Bei den Bildern zum Vorabend, dem 1. Juni, sah ich dann meinen jungen Vater in der Menge sitzen, er war damals 23 Jahre alt. Ich kannte die Geschichte von seinen Erzählungen, es gab die Conföderation Iranischer Studenten (CISNU). Aber ihn so zu sehen, hat mir gezeigt, dass seine Lebenswelt und die offizielle 68er-Geschichte eigentlich zusammengehören. Er und seine iranischen Freunde haben die Straßenbewegung der 68er mitinitiiert und eigentlich einen Platz in der deutschen Geschichte verdient. Gerade im Vergleich zu den „Jubelpersern“ blieben die iranischen Studenten auf der anderen Seite unsichtbar, das ist eine Dysbalance.

Haben Sie mit Ihrem Vater nach der Filmnacht darüber geredet? Und wo war er am 2. Juni 1967, als Polizisten und die „Jubelperser“ auf Demonstranten einschlugen und der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde?
Er sagt, dass er sich nicht erinnert, was er am 2. Juni gemacht hat. Er war noch in Berlin, aber wohl nicht vorm Schöneberger Rathaus oder der Deutschen Oper, sagt er. Auch wenn er mir schon viel erzählt hat und ich viel ausgegraben habe, werde ich viele Details doch nie erfahren. Nach der Doku ging mein erster Griff ans Handy, um ihn anzurufen. Er war überrascht, weil er von dem Film nichts wusste, und er war verblüfft, dass ich ihn sofort erkannte. Er ist ja nur so zwei Sekunden im Bild.

Gleich im Einstieg Ihres Buches erfährt man, dass Sie als Kind quasi stellvertretend für Ihren Vater in den Iran reisten. Wie haben Sie das Land damals wahrgenommen?
Es bedeutete zunächst einmal Familie, in einer Form und Größe, die ich so nicht kannte. Als Kind war es ein Paradies – im Privaten. Aber ich wusste schon als Elfjährige, warum mein Vater nicht mitfliegen kann, warum ich ein Kopftuch tragen muss oder es abends Straßenkontrollen von Paramilitärs gab. Als ältere Teenagerin veränderte sich dann noch mal der Blick, die kindliche Unschuld wich immer mehr …

Ab 2022 wurde der Slogan „Frauen, Leben, Freiheit“ nach dem Tod von Masha Amini auch in Deutschland hörbar. War das für Sie mit Hoffnung verbunden?
Ja, Hoffnung ist immer da. Es war nicht der erste Protest, seit 1999 gibt es Studentenproteste. Aber darin, wie jung diese Bewegung war und wie klar durch die Parole der feministische Kontext vermittelt wurde, das ganze System aus Sicht der Frau abzulehnen, das war neu, inspirierend und beeindruckend.

Nun gibt es seit Ende Dezember grausame Meldungen, Morde und Zahlen. Von über 18.000 Toten ist die Rede. Können Sie aufgrund des abgeschalteten Internets Kontakt zu Ihrer Familie im Iran anhalten?
Derzeit leider nicht. Nur über Umwege weiß ich, dass es ihnen gut geht. Die Bilder von abgefeuerten Schüssen auf Zivilisten sind extrem niederschmetternd. Mit den Zahlen zu jonglieren, bin ich vorsichtig, es wird wahrscheinlich Monate dauern, bis wir verlässliche Zahlen haben. So oder so gibt es unfassbar viele Tote, das Regime geht mit Brutalität und scharfer Waffengewalt gegen die eigene Bevölkerung vor. Das ist schrecklich und zeigt, was wir schon immer wussten: dass sie wirklich alles tun, um an der Macht zu bleiben und vor nichts zurückschrecken.

Auf der Straße wird nicht mehr nur „Frauen, Leben, Freiheit“ oder „Tod dem Diktator“, sondern auch „Es lebe der Schah“ gerufen. Nicht mehr nur Studenten, auch einfache Händler protestieren, aber nicht alle mit einer Stimme. Ihr Vater hatte gegen den Schah protestiert. Das klingt als Laie paradox und ambivalent. Was sagen Sie, warum wird im Iran nach 47 Jahren wieder nach einem König gerufen?
Das ist sehr komplex, und es ist auch wichtig, dass man da Komplexität aushält. Wir wissen nicht, wie viele Menschen im Iran sich eine Monarchie wünschen oder einfach pragmatischer sind und hoffen, dass der Schah-Nachkomme in Washington, Reza Pahlavi, eine Integrationsfigur für den Übergang sein kann. Viele Menschen, die nach der Revolution geboren sind, wissen, dass sie mit einem Bildungssystem der versuchten Gehirnwäsche großgeworden sind. Dazu gehört auch ein anti-monarchistisches Narrativ, das nun in die Gegenseite umschlagen kann.

Was genau meinen Sie damit?
Im nachvollziehbaren Hass erscheint das Schah-Regime vielleicht als das kleinere Übel, wird aber oft romantisiert und verklärt. Dazu gehören auch die Bilder von Frauen in Miniröcken aus den 70er Jahren in Teheran. Diese Art Leben war aber nur einer sehr kleinen Elite zugänglich. Es gab gute Gründe, warum damals protestiert wurde: koloniale Ausbeutung, Armut, Klassismus, Unterdrückung allen Widerstandes – darum sind in den 1970ern Millionen von Menschen auf die Straße gegangen. Letztlich denke ich, dass die Mehrheit heute genau weiß, kein Kandidat des Trump- oder Netanjahu-Lagers kann Demokratie bringen. Das kann und wird nur die iranische Gesellschaft selbst.

Noch Fragen?

Maryam Aras wurde 1982 in Köln geboren und studierte Islamwissenschaften, Anglistik und Politikwissenschaften. Sie arbeitet als Kritikerin, Autorin und Literaturvermittlerin persischsprachiger Lyrik und Prosa. 2025 erhielt sie den Kurt-Tucholsky-Preis. Am Freitag, 27. Februar, 19 Uhr, ist sie mit „Dinosaurierkind“ beim Festival „Lesen.Hören“ in der Alten Feuerwache in Mannheim zu Gast.

Maryam Aras stellt ihr Buch „Dinosaurierkind“ am 27. Februar beim Festival „Lesen.Hören“ in der Alten Feuerwache vor.
Maryam Aras stellt ihr Buch »Dinosaurierkind« am 27. Februar beim Festival »Lesen.Hören« in der Alten Feuerwache vor.
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