Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Rettungshundeführer aus Frankenthal seit 38 Jahren weltweit im Einsatz

Lebende Personen aufzuspüren, das sei für Hund und Herrchen „wie ein Sechser im Lotto“, sagt Hans-Hubert Werling, hier mit den B
Lebende Personen aufzuspüren, das sei für Hund und Herrchen »wie ein Sechser im Lotto«, sagt Hans-Hubert Werling, hier mit den Border Collies Tobi und Luchs.

Erdbebenopfer, Ertrunkene und Vermisste: Etwa 1000 Einsätze hat Hans-Hubert Werling schon hinter sich. Der 66-jährige Frankenthaler ist der dienstälteste Rettungshundeführer der Feuerwehren von Rheinland-Pfalz. Es gab Momente in den 38 Jahren, die hat er bis heute nicht vergessen.

Wir treffen Werling bei sprichwörtlichem Hundewetter. Das Übungsgelände der Rettungshundestaffel der Freiwilligen Feuerwehr Frankenthal westlich der L523 in Richtung Bobenheim-Roxheim ist schlammig, Windböen treiben Schneeregen durch die Luft. Dem Zwei-Meter-Mann ist das egal. „Wir rücken bei jeder Wetterlage aus.“ Wie damals 1988: Der Rettungshundeführer war nach Armenien beordert worden. Bei 30 Grad minus suchte er nach Erdbebenopfern. Übernachtet wurde im Zelt.

Drei Jahre zuvor hatte der Einsatzort Mexiko City geheißen. Bei Temperaturen von 40 Grad. Zehn Tage lang suchten Werling und seine sieben Kollegen aus Rheinland-Pfalz nach Verschütteten des größten Erdbebens in der Geschichte des Landes. „Es war so heiß, dass unsere Hunde im Springbrunnen unseres Hotels baden durften“, erinnert er sich an den denkwürdigsten Einsatz seines Lebens. Das Team konnte 26 Menschenleben retten. Kurz vor dem Heimflug fand Werling in den Trümmern eines Kindergartens ein 16 Monate altes Kind. „Ein Moment, den ich nie vergessen werde. Dafür stehen wir zu jeder Uhrzeit auf und schlagen uns viele Kilometer um die Ohren“, sagt er.

Belastendes bei Spiel mit Hunden verarbeitet

Damals gab es noch keinen Kriseninterventionsdienst. Der Frankenthaler erzählt, dass die belastenden Erlebnisse in ihm abgelaufen seien „wie in einem Film“. Verarbeiten konnte er sie später daheim im Ostpark – beim Ballspiel mit seinen Hunden. Und durch Gespräche mit anderen Rettungshundeführern, mit denen er seine Erlebnisse teilte.

Die Weichen zu seinem Ehrenamt wurden schon in Werlings Kindheit gestellt. Er trat in die Fußstapfen von Großvater Anton und Vater Robert, die beim Deutschen Roten Kreuz aktiv waren, und gründete 1968 die DRK-Jugendabteilung in Frankenthal. Der Elektroinstallateur bei den damaligen Pegulan-Werken trat der Betriebsfeuerwehr bei und absolvierte seine Grundausbildung bei der Freiwilligen Feuerwehr. Als dort bekannt wurde, dass Werling einen Hund besaß – Schäferhund Arco – wurde er für die noch im Aufbau befindliche Rettungshundestaffel angeworben.

Sondererlaubnis trotz Altersgrenze

38 Jahre ist das nun her, und für den rüstigen Junggesellen ist das mittlerweile zehnköpfige Team seine Familie, mit der er viel Zeit verbringt – 40 Stunden jährlich beim Feuerwehrübungsdienst, sechs Stunden in der Woche beim Training mit den Hunden und bei bis zu 30 Einsätzen im Jahr. „Ich möchte diese Zeit nicht missen, ohne sie wäre ein großes Loch in meinem Leben.“ Ans Aufhören denkt Werling noch lange nicht. Eigentlich wäre mit 63 Jahren Schluss gewesen. Doch Gisela Böhmer erwirkte als derzeitige Leiterin der Frankenthaler Staffel eine Sondererlaubnis für Werling. „Denn auf seinen Erfahrungsschatz als altem Hasen greifen alle 50 Hundeführer der freiwilligen Feuerwehren im Bundesland gern zurück“, sagt sie.

Eine der vielen Anekdoten, die über Werling kursieren, ist folgende: Vor 15 Jahren war Böhmer noch ein Frischling in der Truppe und sollte bei einer Übung mit ihrem Dobermann Murphy in einem Abrissgelände versteckte Personen aufspüren. „Ich stand in einem langen Korridor, als Murphy plötzlich an einer Wand kratzte“, erzählt sie. „Doch da war nichts, kein Spalt und kein Loch.“ Plötzlich hörte Böhmer durch die Wand die vertraute Stimme Werlings, die rief: „Vertrau deinem Hund!“

Werling: Hund übertrifft Technik

„Das, was du siehst, ist nicht das, was passiert. Du musst mit deinem Hund mitdenken“, lernte Böhmer damals von Werling, der wegen seiner fantasievollen Verstecke den Spitznamen „Briefkasten-Opfer“ verpasst bekam. Auch nach all den Jahren ist der Hundefreund fasziniert von den Fähigkeiten der Fellnasen. „Der Hund steht über der Technik.“ Mit seinem ausgezeichneten Geruchssinn und Gehör sowie seiner Geländegängigkeit sei er immer noch dem Live-Detector, einem speziellen Hörgerät, und der Live-Cam, einer Kamera, die wie ein Endoskop in schwer zugängliche Hohlräume reicht, überlegen.

Lebende Personen aufzuspüren, das sei für Hund und Herrchen „wie ein Sechser im Lotto“, sagt Werling. „Der Hund freut sich mit seinem ganzen Körper. Ist das Opfer tot, ist er völlig niedergeschlagen, als ob er trauern würde.“ Gezählt hat er die lebend Geretteten seiner bislang rund 1000 Einsätze nicht. Vielleicht, weil es nicht ethisch sei, zwischen Lebendfund und Totfund zu unterscheiden, mutmaßt er. Letzteres komme vor, wenn die Truppe zur Wassersuche ausrückt, wofür die Frankenthaler Staffel als einzige Truppe im Bundesland ausgebildet ist. Dabei können die Rettungshunde von einem Boot aus Ertrunkene in bis zu 35 Metern Wassertiefe orten.

Einsätze ohne Fund belastend

Am belastendsten seien Einsätze, die mit dem „do not finish“ enden. So heißt es in der Fachsprache, wenn das Opfer nicht gefunden wurde. „Dann kann man keinen Punkt darunter setzen und fragt sich ständig, was man falsch gemacht hat“, sagt Werling. Im Nachhinein habe es sich nie herausgestellt, dass ein Hund eine Person „überlaufen“, also übersehen hätte. Er erzählt von einem ergebnislosen Einsatz in Winnweiler. Jahre später wurde die Leiche der vermissten Seniorin von Pilzsammlern in einem anderen Waldgebiet gefunden.

Die Arbeit eines Rettungshundes ist laut Werling Leistungssport: „20 Minuten im Einsatz sind für ihn umgerechnet so anstrengend wie für uns ein Tag im Bergwerk.“ Trotzdem ist es für seine beiden Vierbeiner – die Border Collies Tobi und Luchs – der schönste Moment, wenn aus dem Funkmeldeempfänger der schrille Alarm ertönt, der das Zeichen zum Ausrücken gibt. Es sei dann schon vorgekommen, dass ihm seine Hunde den Empfänger gebracht haben, sagt Werling schmunzelnd und zeigt auf die Bissspuren auf dem Gerät.

Info

Rettungshundestaffel steht im Netz unter rettungshundestaffel4.de und auf Facebook unter Feuerwehr Frankenthal.

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