Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel PIH-Soziologe: Plädoyer fürs gemeinsame Lernen

 Zahlen aus 30 Jahren zeigen: Vom gemeinsamen Lernen an der Förderschule profitieren hörende und hörgeschädigte Kinder und Jugen
Zahlen aus 30 Jahren zeigen: Vom gemeinsamen Lernen an der Förderschule profitieren hörende und hörgeschädigte Kinder und Jugendliche.

Über die pädagogische Arbeit mit hörgeschädigten Kinder und Jugendlichen hat wohl kaum jemand so intensiv und so lange geforscht wie Alexander Hüther. Wissen und Erfahrung aus drei Jahrzehnten Arbeit am Pfalzinstitut für Hören und Kommunikation (PIH) hat der Diplom-Soziologe, der Ende Juni in Ruhestand geht, nun in zwei Publikationen gepackt.

Unkonventionell – dieses Adjektiv beschreibt ziemlich treffend den Weg, wie der seinerzeit als Selbstständiger arbeitende Hüther 1992 zu seinem festen Job gekommen ist. Der damalige Institutsdirektor Herbert Breiner – sozusagen der Erfinder des Konzepts der präventiven Integration am PIH – habe ihn angerufen, um Unterstützung beim Verfassen eines Papiers gebeten und ihm dann eine Stelle zur wissenschaftlichen Begleitung der am Pfalzinstitut geleisteten Arbeit angeboten – anfangs noch in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg, sehr schnell aber komplett unabhängig.

Wie geht’s den Kindern?

Wenn Alexander Hüther sich an diese Zeit erinnert, dann fällt ihm direkt ein Aspekt ein: Dass sich zu Beginn seiner Tätigkeit als Soziologe das Interesse vieler Außenstehender vor allem darauf konzentrierte, wie es denn klappt, wenn zwei Lehrer parallel eine Klasse mit hörgeschädigten und hörenden Schülern unterrichten. „Dazu wollte jeder Zahlen. Aber die viel naheliegendere Frage hat keiner gestellt: Wie geht es den Kindern?“, berichtet der 65-Jährige. Genau um dieser Frage nachzuspüren, hat Hüther dann erstmals ein Schema für soziometrische Untersuchungen entwickelt.

Dieser Grundlagenarbeit ist letztlich zu verdanken, dass so viele Daten und darauf beruhende Erkenntnisse über den Unterricht von Hörgeschädigten und Hörenden an der Schule des PIH und die Inklusion an Regelschulen gesammelt worden sind wie wohl nirgendwo sonst in Rheinland-Pfalz und Deutschland. Und das nicht nur für die Primarstufe, sondern seit 2003 auch für die Sekundarstufe I bis zur zehnten Klasse. Die grundlegende Erkenntnis ist aus Hüthers Sicht über drei Jahrzehnte die gleiche geblieben: Gemeinsames Lernen im Umfeld der Förderschule mit ihren besseren personellen Voraussetzungen zieht die Leistung nach oben.

Das „fundierte Aber“

Der Blick auf Lernerfolge über einen längeren Zeitraum ist ein Aspekt, den Alexander Hüther, der an der Uni Mannheim Soziologie, Sozialpsychologie, politische Wissenschaft und Zeitgeschichte studiert hat, ausgeleuchtet hat. Der zweite mindestens ebenso wichtige ist die Frage, wie soziale Integration in unterschiedlichen pädagogischen Settings verläuft. Auch hier sind die Rückmeldungen eindeutig: Je länger Lerngruppen aus Kindern und Jugendlichen mit und ohne Hörschädigung zusammen sind, desto weniger spielt der Unterschied eine Rolle. „Der Mensch rückt in den Vordergrund – nicht die Behinderung.“

Der Soziologen betont dabei immer wieder: Das Pfalzinstitut sei nicht als Konkurrenz zur Inklusion – also dem Unterricht von Schülern mit Handicap an Regelschulen – zu sehen, sondern als spezielle Ergänzung des schulischen Angebots für Hörgeschädigte. Seine Forschungen setzten mit ihrem speziellen Fokus auf inklusive Settings an einer Förderschule „dem Postulat einer Schule für alle ein wissenschaftlich fundiertes Aber“ entgegen, wie Hüther im Nachwort seiner jüngst erschienenen Gesamtschau „Empirische Sozialforschung an der Schule mit dem Förderschwerpunkt Hören“ festhält. Denn: Fakten erleichterten die Argumentation.

Zum Forschen ermutigen

Zu seinem beruflichen Ausstand ist Hüther ein Punkt ganz besonders wichtig: Er würde sich wünschen, dass die Forschung an Fördereinrichtungen weitergeht und nicht ein Alleinstellungsmerkmal des PIH bleibt. Sie eröffne die Möglichkeiten, „hieraus wertvolle Informationen zur Schulentwicklung zu erlangen und mit Hilfe der hieraus gewonnenen Ergebnisse langfristig die Qualität der Einrichtung zu sichern und zu verbessern“. Wie mühsam das sein kann, verdeutlicht der passionierte Musiker am Beispiel der Einführung des Konzepts der präventiven Integration am PIH mit dem Zitat aus einem Rocksong. Über dem dazugehörigen Schaubild, das Rückschläge und Fortschritte zeigt, steht die Zeile von AC/DC: „It’s a long way to the top, if you wanna rock’n’roll.“ Sinngemäß: Der Weg an die Spitze und zum Erfolg ist lang.

Lesezeichen

  • „Empirische Sozialforschung an der Schule mit dem Förderschwerpunkt Hören. Ausgewählte Ergebnisse aus Studien und Analysen zur Situation von Schülerinnen und Schülern am Pfalzinstitut für Hören und Kommunikation in Frankenthal/Pfalz“, ISBN 978-3-732285-60-0.
  • „Beiträge zur Situation von Schülerinnen und Schülern mit Hörschädigung“, Sammlung von Veröffentlichungen aus den Jahren 2001 bis 2022, erhältlich unter anderem in der Pfalzbibliothek Kaiserslautern, Bismarckstraße 17, Telefon 0631 3647-111, E-Mail info@pfalzbibliothek.bv-pfalz.de.

Seit 1992 beim Pfalzinstitut: Alexander Hüther.
Seit 1992 beim Pfalzinstitut: Alexander Hüther.
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