Frankenthal
Pfalzinstitut: Was ein Forscher zu Inklusion herausgefunden hat
Stark vereinfacht lautet die Antwort auf die Kernfrage des Frankenthaler Wissenschaftlers: Ja. Die Wirklichkeit ist wie immer komplexer, aber unterm Strich bleibt für Alexander Hüther die Erkenntnis: „Dass das Konzept Förderschule keinen Gegensatz zur Inklusion darstellt, sondern eine Ergänzung für Kinder, für die Inklusion nicht die beste Wahl ist.“ Und das gilt nach seiner Überzeugung und nach der von PIH-Leiterin Ina Knittel insbesondere für Schüler mit Hörschädigung.
Beide legen Wert darauf, dass auch eine Förderschule mit sehr spezifischem Profil und großem Einzugsgebiet wie das Pfalzinstitut längst mehr Inklusion praktiziert als wohl die meisten Regelschulen. Zwei Zahlen belegen das laut Hüther: Nur noch elf Prozent der hörgeschädigten PIH-Schüler werden sozusagen exklusiv unterrichtet, 83 Prozent hingegen in einem „inklusiven Setting“, das heißt gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen ohne Handicap. „Das ist eine sehr erfreuliche Quote“, sagt der Soziologe.
Und sie spricht Hüther zufolge dafür, dass die Bemühungen des PIH, sich für Hörende zu öffnen, erfolgreich sind. Dirk Meyer, Leiter der Sekundarstufe 1, registriert immer häufiger Anfragen von Eltern hörender Kinder aus dem Schulbezirk Frankenthal. „Das ist ein weiterer Farbtupfer auf unserer Palette“, sagt er. Und diese Schüler profitierten dann ebenso wie ihre hörgeschädigten Kameraden von den anderen Rahmenbedingungen der Förderschule: kleinere Klassen als an Regelschulen, eine ruhige Arbeitsatmosphäre und der höhere Personalschlüssel.
„Defizite früher erkannt“
Alexander Hüthers Forschungsprojekt hat auch zum Vorschein gebracht, was die Eltern Hörender darüber hinaus im Blick haben: die soziale Komponente. „Die Befragungen haben ergeben, dass schnell nicht mehr zwei Gruppen nur miteinander lernen, sondern ein Klassenverband entsteht, in dem die Behinderung keine Rolle mehr spielt.“ Mit diesem Verständnis starteten sie schon in die Sekundarstufe. Neben diesem Effekt sieht Rektorin Knittel den zählbaren: überdurchschnittlich gute Leistungen. Die Pädagogin führt sie darauf zurück, dass Defizite früher erkannt und schneller bearbeitet würden.
Auch sie führt es auf die Art und Weise zurück, wie am Pfalzinstitut gearbeitet werden kann: In Klassen mit zwölf bis 14 Kindern oder Jugendlichen könne sich niemand verstecken – weder diejenigen mit, noch diejenigen ohne Hörschädigung. Der umgekehrte Fall, dass hörgeschädigte Schüler an Regelschulen mit größeren Klassen gleichsam untergehen, sei wiederum recht häufig. Der Grund liegt für Forscher Hüther auf der Hand: Kinder, die schlecht hören, brauchen ihm zufolge eine ruhigere Umgebung, direkte Ansprache und zuweilen zusätzliche technische Hilfsmittel. Das alles von Lehrern ohne förderschulpädagogischen Hintergrund zu verlangen – da gerate Inklusion eher an Grenzen als bei anderen körperlichen Einschränkungen. Pro Jahrgang gebe es deshalb auch immer ein bis zwei Rückkehrer von der Regel- zur Förderschule.
Gleichwertige Abschlüsse
Stufenleiter Dirk Meyer sieht davon das politisch gewollte Konzept der Inklusion nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Die Ziele beider Welten seien nicht nur gleichwertige Abschlüsse, sondern die Vorbereitung auf die Arbeitswelt und das Vermitteln der Fähigkeit zum eigenständigen Lernen. Deswegen sei der Übergang von der Schule in den Beruf ein zentrales Thema am PIH: Auch da sei der Vergleich von Förder- und Regelschulen, den Hüther mit der im Wissenschaftsverlag Median veröffentlichten Studie liefere, wichtig. Ina Knittel bringt es auf eine knappe Formel: Gute Bildung koste Geld, Investitionen in Bildung zahlten sich aber aus.
Lesezeichen
Alexander Hüther, „Inklusion an der Förderschule“, Median-Verlag, Heidelberg, 2021, ISBN 978-3-941146-83-9.