HASSLOCH RHEINPFALZ Plus Artikel Ohne den Blick zum Trainerteam geht es nicht

Im Training mit den Deafboys gibt Nationaltrainer Alexander Zimpelmann (rechts, links Cotrainer Jan Willner) Anweisungen in Gebä
Im Training mit den Deafboys gibt Nationaltrainer Alexander Zimpelmann (rechts, links Cotrainer Jan Willner) Anweisungen in Gebärdensprache.

Handball: Bundestrainer Alexander Zimpelmann aus Freinsheim bereitet sich mit dem Gehörlosen-Nationalteam auf die Weltmeisterschaft im Juli in Kopenhagen vor. Wie aber kommunizieren die Trainer mit den Gehörlosen im Training? Und warum kommen die Sportler in einem Spiel immer wieder mal an die Seitenlinie zum Trainer?

Eine Vorbereitung im Bundesstützpunkt in Haßloch steht auf dem Plan. Die Blicke sind zunächst alle auf eine Tafel gerichtet. Mittendrin steht Alexander Zimpelmann aus Freinsheim, der Bundestrainer der deutschen Gehörlosen-Handball-Nationalmannschaft. Er zeigt mit den Fingern auf die jeweiligen Worte, die sein Cotrainer Jan Willner (Deidesheim) geschrieben hat. Es sind die taktischen Auslösehandlungen wie Sechs:Sechs, Klatsche, Abholen … König, Schorle erlaubt – 5-1-Abwehr. Für den Laien zunächst ein Sprachgewirr, das kaum jemand versteht. Es sei denn, er kennt die Sprache der Handballer.

Die deutsche Gehörlosen-Handball-Nationalmannschaft ist in Haßloch zur Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft. Zimpelmann gestikuliert. Die größte Schwierigkeit für die Trainer liegt in der Kommunikation mit den Spielern. Alle haben mindestens einen Hörverlust von 55 Dezibel. Im Sport dürfen sie keine Hörhilfen nutzen. Deshalb werden visuelle Hilfsmittel eingesetzt, um Worte, die gesprochen werden, leserlich aufzuzeigen. Fast alle Spieler können von den Lippen ablesen.

Blickkontakt ist wichtig

Deshalb ist der Blickkontakt umso wichtiger. Das erfordert für alle Beteiligten erhöhte Konzentration, um die Vorgaben im Spiel umzusetzen. Nicht selten kommt in einer Partie ein Spieler direkt an die Seitenlinie, um sich die taktischen Anweisungen des Trainerteams „abzuholen“. „Es gibt Momente, in denen wir so manche Anweisung von außen nicht verstanden haben und deshalb zum Trainer gehen“, verrät Felix Werling. Der gebürtige Südpfälzer, der im Innenblock verteidigt, macht kein Geheimnis daraus, dass durch die schwierige Kommunikation untereinander mancher Fehler im Abwehrverhalten oder im Angriffsspiel passiert. „Es spielt sich bei uns vieles im Kopf ab, was wir so oft wie möglich geübt haben“, weiß Dominik Götz. Ein lauter Zuruf bringt nichts.

„Es gibt immer noch Spieler, für die wir gebärden müssen“, erzählt Zimpelmann. „In unserer Mannschaft sind nur wenige, die auf die Gebärdensprache angewiesen sind. Daher arbeiten wir lautspracheorientiert. Wir verstehen uns aber inklusiv für alle Arten der Gehörlosigkeit. Deswegen können Trainer Laut- und Gebärdensprache. Wir nutzen aber nicht die Grammatik der Gebärdensprache, sondern machen die Lautsprache begleitendes Gebärden“, erzählt Cotrainer Jan Willner.

Denn in der Gebärdensprache sind Mundbewegungen ein wichtiger Bestandteil. Dass diese Form der Kommunikation kein Thema mehr ist, verneint das Trainerteam. Zwar sorgte das Cochlea-Implantat bei den Gehörlosen für eine Revolution, in dem die gehörlosen Menschen von Beginn an mit der Lautsprache aufwachsen. Aber das Gebärden bleibt weiterhin ein Thema. „Daran ändert sich nichts, dass wir nur wenige Spieler im Team haben, die das benötigen“, so Zimpelmann. Ohne den Blick zum Trainerteam geht es nicht. Dazu kommen auch die stetigen individuellen Ansagen an den einzelnen Spieler. Während Alexander Zimpelmann mit Johannes Schulze, einer der wenigen Handballer, der auf diese Form der Sprache angewiesen ist, gerade gebärdet, spricht Jan Willner von Angesicht zu Angesicht mit Vincent Uben. Das erst 16 Jahre alte Talent im rechten Rückraum ist ein Sportler, der die direkte Ansprache braucht.

„Jeder Spieler benötigt eine eigene Ansprache. Man kennt mit der Zeit die Präferenzen jedes Einzelnen in der Kommunikation“, verrät Willner. Das dreiköpfige Trainerteam, zu dem auch Torwarttrainer Sven Labitzke (Mutterstadt) zählt, überlässt nichts dem Zufall. Auch die Übungsleiter gehen in ihrem fünftägigen Lehrgang in der Haßlocher Pfalzhalle, die künftig Bundesstützpunkt des Deutschen Gehörlosen-Sportverbandes (DGSV) sein wird, an ihre Grenzen. Denn nicht immer sind sie sich sicher, ob alle Akteure ihre Anweisungen verstanden haben. Die Unterstützung des Pfälzischen Handballverbandes (PfHV) haben sie aber.

Ziel ist eine Medaille

„Wir Handballer sind eine Familie, egal, ob jemand gehörlos ist oder nicht. Wir sind füreinander da. Wir haben kein großes Geld. Aber wir haben eine Halle und eine Infrastruktur, so dass wir etwas bewegen können“, sagt PfHV-Präsident Ulf Meyhöfer. Das Ziel ist klar: Die Deafboys, wie die gehörlosen Handballer genannt werden, wollen bei der ersten Teilnahme an der Weltmeisterschaft vom 1. bis 15. Juli in Kopenhagen eine Medaille holen. Nach der Silbermedaille bei den Deaflympics in Brasilien scheint die Zielsetzung keinesfalls utopisch.

Im Lehrgang im Großdorf zeigen sich die Gehörlosen trotz der 27:29 (15:16)-Niederlage gegen die Pfälzer Handball-Auslese deutlich verbessert. „Die Mannschaft hat nach dem jüngsten Lehrgang einen großen Schritt nach vorne gemacht, das Fünf-eins-Abwehrsystem verinnerlicht. Aber der letzte Wille zum gegnerischen Tor hat uns noch gefehlt“, sagt Zimpelmann. Der Feinschliff vor der Abreise nach Kopenhagen, wo die Mannschaft in der Vorrunde auf Kenia, Dänemark und Serbien trifft, soll im Abschlusslehrgang in drei Wochen in Hollenstedt in Niedersachsen erfolgen. Dann dürfte auch der 14-köpfige WM-Kader um die beiden Routiniers Felix Werling und Dominik Götz vom Gehörlosensportclub (GSC) Frankenthal stehen. In Kopenhagen wollen die Frankenthaler ihre WM-Bewerbung 2026 vorstellen.

Mehr zum Thema
x