Frankenthal
Neues Ausbildungsjahr: Stadtwerke besetzen fast alle Stellen
Herkömmlicherweise beginnt ein Ausbildungsjahr in Deutschland am 1. August oder 1. September. Anders bei den Stadtwerken: Dort werden die Jüngsten im Unternehmen zu Beginn der letzten Sommerferienwoche in den Kreis der insgesamt 255 Mitarbeiter aufgenommen. Nicht am Stammsitz in der Wormser Straße allerdings, sondern mit einem einwöchigen Workshop auf der Burg Altleiningen. In einer kompakten Einführungswoche wird den elf jüngsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erst einmal Basiswissen für den Umbruch vermittelt: Wie lege ich ein Girokonto an? Welche Versicherungen brauche ich zwingend? Wie kommuniziere ich im Auftrag der Stadtwerke mit Kunden? Neben dem Ernst des Berufslebens kommt aber auch der Erlebnisfaktor nicht zu kurz in den ersten Tagen als neuer Mitarbeiter: So hatten die sieben jungen Männer und vier Frauen unter anderem die Aufgabe, eine Stadt energetisch zu planen, nicht nur am Reißbrett, sondern auch mit verschiedenen Materialien im Burghof.
Die ersten Tage im neuen Lebensabschnitt in entspannter Atmosphäre zu gestalten, das ist eines der Prinzipien, an denen die beiden Coaches festhalten. Andreas Reiß zeichnet verantwortlich für die technische Ausbildung bei den Stadtwerken, sein Kollege Patrick Försch für die kaufmännische. Dass sie beide Zweige ganzheitlich denken und nicht nebeneinander her ausbilden, ist ein weiterer innovativer Ansatz, den sie seit ihrem Wechsel nach Frankenthal im Abstand von einem halben Jahr verfolgen. Der 39-jährige Reiß hat Anfang 2023 zehn Jahre Berufserfahrung als Fachbereichsleiter an der Mannheimer Handwerkskammer mitgebracht, sein zwei Jahre jüngerer Kollege Försch war vorm Wechsel im Sommer 2022 nach Frankenthal Ausbilder und Personalentwickler in Wiesbaden und Heidelberg.
Psychologe, Motivator und Kumpel
„Als Ausbilder ist man heutzutage nicht nur Vorgesetzter, man ist auch Psychologe, Erzieher, Motivator, Kumpel“, weiß Reiß. Es gehe längst nicht nur darum, Stellen in der Anlagenmechanik, Elektronik, Fachinformatik, Energiewirtschaft, Verfahrenstechnik, Gebäudetechnik, Umwelttechnik oder im gesamten kaufmännischen Bereich zu besetzen. Es gehe mindestens so sehr darum, Schulabgänger erstmal fit zu machen für die Anforderungen im Berufsleben im Allgemeinen, Defizite aus der Schulzeit und in der Persönlichkeitsentwicklung nachzuholen oder auszugleichen. An der eigenen Einstellung und Lebensplanung als Azubi zu planen, ist den Chefs mindestens so wichtig, wie die Erwartungen zu vermitteln, die der neue Arbeitgeber an seine Mitarbeiter hat.
Die Qualität so mancher Bewerbung, manche Einstellung oder Fragestellung im Bewerbungsgespräch erschreckt Reiß und Försch. Im kaufmännischen Bereich staunt Försch über mangelnde Vorkenntnisse in Mathematik oder Deutsch. Manche Kandidaten hätten zuvor nie ein Bewerbungsgespräch simuliert und seien entsprechend nervös oder verunsichert. „Da ist insgesamt noch viel Luft nach oben“, bewerten sie die Bildungspolitik.
Behaupten gegen die BASF
Aber die beiden neuen Chefs belassen es nicht bei Klagen. Sie nehmen sich Zeit für ihre Azubis, wenden sich ihnen zu, erkennen einige aus vorherigen Begegnungen auf Jobmessen wieder. „Es überrascht manchen, wenn wir ihn persönlich ansprechen und Erinnerungen auffrischen“, beobachten Reiß und Försch. Diese persönliche Note kann auch ein Wettbewerbsvorteil sein gegenüber dem Werben des Chemieriesen in der Nachbarstadt Ludwigshafen.
Mit ihrem Konzept aus Fordern und Fördern ist es den beiden Ausbildungsleitern gelungen, fast alle Ausbildungsplätze bei den Stadtwerken zu besetzen. Vakant geblieben sind nur zwei: einer aus organisatorischen Gründen in der Energie- und Gebäudetechnik. Und einer in einem Segment, in dem man die Stadtwerke nicht gleich verortet: Im Bäderbetrieb, also für das Strandbad und das Ostparkbad, suchen sie auch kontinuierlich nach neuen Mitarbeitern.
Zwei Jahrgangsbeste
Unter den jeweils drei Elektronikern und Anlagenmechanikern finden sich nicht nur Männer, vier der elf Stadtwerke-Azubis sind weiblich. Im Ausbildungsjahr davor haben 15 Azubis angefangen bei den Stadtwerken, im noch pandemiegeprägten Jahr zuvor waren es nur sechs. Allesamt haben sie gute Aussichten, übernommen zu werden. „Eine Garantie sprechen wir nicht aus, für gut ausgebildeten Nachwuchs haben wir aber immer Bedarf“, erklärt Reiß. Im Büromanagement und unter den Industriekaufleuten haben die Stadtwerke gerade Jahrgangsbeste gestellt.
„Viele Schüler sind überfordert mit der Fülle an Angeboten auf dem Jobmarkt einerseits und der komplexen Umstellung aufs Berufsleben andererseits“, so Förschs Erfahrung. Mit einem neu gestalteten Bewerberportal, einem überarbeiteten Messeauftritt, vor allem aber der direkten Ansprache und Erreichbarkeit wollen sie sich als familiärer Arbeitgeber in einem Berufsfeld mit Zukunft abheben. „Bei uns ist man eben keine Nummer, bei uns ist man Teil der Stadtwerke-Familie.“
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