Frankenthal „Musik spricht mich überall schnell an“

Worms. Dem Musiker, Komponisten und Festivalleiter Rüdiger Oppermann wird das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Oppermann wird damit für seine Verdienste um den Dialog der Kulturen geehrt. Vor der offiziellen Verleihung im Herbst sprach die RHEINPFALZ mit dem Künstler.
Das war keine bewusste Entscheidung. Mein Wandertrieb hat mich schon sehr früh in die Ferne getrieben. Während meine Freunde ihr Studium anfingen, war ich schon auf großen Reisen. Mit 21 Jahren war ich in Afrika. Das war lange bevor solche Reisen üblich wurden. Wie haben Sie sich vorbereitet? Bei meinen ersten Reisen bin ich ziemlich naiv einfach losgegangen. Es gab damals auch für abgelegene Gegenden keine Bücher oder Ähnliches. Wie haben Sie dann die Musik der zuerst fremden Kulturen entdeckt? Ich habe schnell gemerkt, dass mich überall die Musik schnell anspricht und ich schnell etwas davon lernen kann. So habe ich zu exotischen Kulturen über die Musik eine Verbindung gefunden, weil ich mitspielen konnte. Aber Sie haben schon vor Ihren Reisen Musik gemacht? Ich habe schon Musik gemacht, aber ich hatte nie geplant, daraus einen Beruf zu machen. Eigentlich wollte ich eine eher bürgerliche Laufbahn einschlagen und habe Sozialpädagogik studiert. Haben Sie eine formale musikalische Ausbildung? Nein, auf keinem Gebiet. Ich habe mir wirklich alles selber erarbeitet. Aber ich habe auch ganz klein angefangen. Ich hatte als Kind Klavier- und Cello-Stunden, habe aber schon sehr früh auch eine parallele Musikwelt gehabt mit Folk- und Protestsongs, Pfadfindern und Bob Dylan. Irgendwann hat diese zweite Welt die erste überrundet. Dann habe ich als Sozialpädagoge aufgehört und mit Straßenmusik angefangen. Also ganz von unten. Dann wurden Sie ein Weltreisender in Sachen Musik? Ich habe das nicht bewusst angestrebt, das ist irgendwie zu mir gekommen. Bestimmte Länder und Kulturen haben mich schon mein Leben lang fasziniert – andere weniger. Ich war in Süd- und Südostasien, Zentralasien, Afrika, während ich noch nie in Südamerika war. Demnächst werde ich zum ersten mal nach Australien kommen, während ich in Asien und Afrika schon sehr oft gewesen bin. Was haben Sie als verbindende Elemente der Musikkulturen erlebt? Wo konnten Sie anknüpfen? In Afrika war es der Rhythmus, das kam mir gleich vertraut vor – obwohl ich nie Trommel gespielt habe. Aber ich habe andere Instrumente dort gelernt, auch die afrikanische Harfe, die natürlich für mich eine weitere Verbindung herstellt. In Asien ging es mehr um Melodie. Für mich wirkte das nicht exotisch, ich habe da gleich einen Bezug gefunden. Insofern finde ich den Umgang mit sogenannter exotischer Musik nicht schwierig und keine besondere Leistung von mir. Es ist auch nicht so, dass mir Musik gefällt, nur weil sie exotisch ist. Es gibt auch Sachen, die mich einfach nicht ansprechen. Für viele Europäer sind andere Tonleitern und Rhythmen ungewohnt und unverständlich. Warum ist das bei Ihnen nicht so? Meine musikalischen Interessen sind extrem breit und deshalb kann ich manche Sachen in Verbindung bringen und Bezüge herstellen. Haben Sie ein Beispiel dafür? Als in den 70er-Jahren die Minimal Music mit Philipp Glass und Steve Reich aufkam, fiel mir gleich auf, dass diese Komponisten Prinzipien anwenden, die ich schon mal gehört hatte. Westafrikanische Musik und Gamelanmusik, wie sie auf Bali üblich ist, standen da Pate. Da bin ich in diese Länder gefahren und habe vor Ort die Originale kennengelernt. Langfristig ist das dann auch in meine Kompositionen eingeflossen. Inwiefern? Ich habe eine Vorliebe für wiederholende rhythmische Strukturen – aber nicht im Sinne mechanischer und perfekter Wiederholungen, sondern mit dem menschlichen Faktor, mit Lebendigkeit und der Möglichkeit von Variation und Improvisation. Also weniger wie notierte Minimal Music, sondern eher wie in Asien und Afrika. Ihr Instrument, die Harfe, kommt in fast jeder Kultur vor. Ist das eine Art Universalschlüssel? Hm ... ja, das könnte man so sehen. Natürlich bekomme ich schnell Verbindung zu einheimischen Harfenspielern. Aber die Harfe ist für mich nicht das einzige Instrument, das mir gefällt. Ich schreibe auch für ganz andere Instrumente. Sie sagten, es gebe Musikstile, die Sie nicht ansprechen. Was denn? Die Vermischung mit westlichem Pop, Worldbeat, Ethnopop, das interessiert mich nicht. Für mich ist das Pop mit ein paar exotischen Gewürzen. Mich reizen viel mehr die Originale. Da steckt noch viel erdige Kraft, aber man findet auch tiefe Spiritualität. Nehmen sie etwa Nomaden, die ich in Zentralasien besucht habe. Die besitzen wenige Dinge, aber die sind wunderschön. Und in ihrer Musik verwenden sie wenige Töne, aber die sehr bewusst und kraftvoll. Eine praktische Frage: Wie machen Sie sich in abgelegenen Gegenden verständlich? Da brauche ich Dolmetscher. Die finde ich bei Rundfunksendern oder in Museen. Es müssen Einheimische sein, die Bildung haben und sich für ihre Kultur interessieren. Die bezahle ich als Assistenten. Austausch ist etwas Gegenseitiges. Was bringen Sie denn als Europäer für die fernen Kulturen mit? Natürlich bin ich dort als Europäer. Für einheimische Musiker ist die europäische Strukturiertheit und Organisation etwas Interessantes, insbesondere wenn sie nach Europa kommen. Die Organisation und der Ablauf eines Konzertes, die fokussierte Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die ihrer Musik zuteil wird, ist für sie oft ganz neu. Ich bringe auch fremde Kulturen zusammen, die sich nicht kannten. Es gehört zur Organisation, eine gemeinsame Stimmung der Instrumente zu finden. Da können wir als Europäer den Dialog organisieren. Wenn’s ans Organisieren geht, fühle ich mich sehr deutsch (lacht). Aber ich sehe es als Aufgabe für uns Europäer, mit unserer Bildung, Organisation und Technik, zu helfen, den Dialog zwischen Kulturen zu organisieren.