Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Lernpaten: Rückenwind für abgehängte Schüler

„Zeit senden ist besser als GEld spenden“, findet Lernpatin Martina Kraus (links). Gemeinsam mit Camilla Flöther und Hermann Dei
»Zeit senden ist besser als GEld spenden«, findet Lernpatin Martina Kraus (links). Gemeinsam mit Camilla Flöther und Hermann Deichfuß sowie etwa 30 weiteren Ehrenamtlichen engagiert sie sich als Lernpatin.

Ihren ersten Einsatz hatten die Lernpaten vom Frankenthaler Mehrgenerationenhaus (MGH) vor zehn Jahren. Nachhilfe als Ehrenamt – ein Erfolgsmodell, das bis heute Schule macht und zuweilen mehr ist als die bloße Vermittlung von Wissen.

Eine dieser Erfolgsgeschichten erzählt Zeitspender Hermann Deichfuß, der per Zufall für seinen Patenschüler aus der Türkei den Weg zur Ausbildung ebnete. Der Richter aus Frankenthal suchte für den jungen Kurden einen gebrauchten Laptop. Der Händler, der auch Dienstleitungen für Computer anbietet, fand Gefallen an dem Schüler, der gerade an der Andreas-Albert-Berufsschule das Berufsvorbereitungsjahr absolviert. Noch ist der Ausbildungsvertrag zum Mediengestalter nicht unterschrieben, aber die Chancen stehen gut.

Bei Deichfuß ist das Ehrenamt als Lernpate für den nun 20-Jährigen eine Premiere. „Ich war neugierig auf andere Kulturen und wollte mal raus aus dem Milieu der deutschen Akademiker in meinem Job“, erinnert sich der 61-Jährige an seinen Start im MGH vor anderthalb Jahren. Er ist einer der wenigen Zeitspender, die zusätzlich zum Beruf Nachhilfe geben. „Schnell war klar, dass die Aufgabe länger dauert als nur eine Wochenstunde“, meint Deichfuß schmunzelnd – inzwischen hilft er auch der Familie bei Behördengängen und will für „seinen Kurden“ so lange da sein, wie dieser es benötigt.

„Ohne Sie hätte ich das nicht geschafft“

Das schönste Erlebnis ihrer Karriere als Lehrerin bescherte Camilla Flöther aus Weisenheim am Sand ihr Patenschüler aus dem Iran. Als dieser mit ihrer Hilfe einen guten Realschulabschluss schaffte, schickte er ihr ein Handyfoto vom Zeugnis mit dem Text: „Ohne Sie hätte ich das nicht geschafft.“ Mit dem Zeugnis erhielt der heute 22-Jährige einen begehrten Ausbildungsplatz zum Kfz-Mechatroniker. „Das war wie ein Ritterschlag“, erinnert sich die emeritierte Oberstudienrätin.

Flöther hatte sich vor drei Jahren beim MGH gemeldet, weil sie nach ihrer Laufbahn als Pädagogin das Lehren „in seiner reinen Form ohne Noten und Konferenzen“ reizte. „Man ist sehr frei als Lernpatin. Und kann anderen das Wichtigste weitergeben – Wissen und Zeit.“ Außerdem sei sie in diesem Ehrenamt gefordert, müsse Ideen sammeln und sich in neue Fächer einarbeiten. „Das hält geistig fit“, freut sich die agile 68-Jährige.

„Lehrer sind überfordert“

„Zeit spenden ist besser als Geld spenden“, fasst Martina Kraus ihre Beweggründe für das Ehrenamt zusammen. Als die drei Kinder aus dem Hause waren, wurde die Beamtin zur Lernpatin. Das war vor sieben Jahren. Bis zur Pandemie gab die Neu-Frankenthalerin drei Schülern Nachhilfe. Sie erweiterte ihr Ehrenamt und gründete am MGH eine Gruppe für Konversation, die sogar in multikulturellen Kochrunden daheim mündete. Für die Teilnehmerinnen an Sprachkursen übernahm Kraus die Betreuung von Kleinkindern und Babys. Aktuell unterstützt die 55-Jährige an der Friedrich-Ebert-Realschule Schüler in der Mittelstufe, die Probleme mit dem Lesen haben. Der Bildungsrückstand erschreckt sie. „Die Lehrer sind überfordert.“

Im Normalfall ist es so gedacht, dass Lernpaten direkt im MGH unterrichten. Doch dort herrscht Platzmangel. Und in den Schulen mehren sich in der Bildung abgehängte Schüler mit und ohne Migrationshintergrund. „Inzwischen gibt es noch zwei weitere Schulen, in denen unsere Lernpaten vor Ort helfen – in der Grundschule Mörsch und in der Friedrich-Ebert-Grundschule“, berichtet Kerstin Görlitz, die im MGH die Lernpatenschaften koordiniert. Der Vorteil dabei sei, dass dieses Angebot für die Patenschüler direkt in den Schulen sehr niederschwellig sei und Anfahrtswege entfallen.

Paten für ältere Schüler gesucht

Was unterrichten die Paten am häufigsten? Es seien die Schlüsselfächer Deutsch und Mathematik, so Görlitz. Seitdem das Projekt im Jahre 2013 aus der Taufe gehoben wurde, hätten über 180 Lernpaten mitgearbeitet und rund 250 Lernpaten-Schüler mit Wurzeln in anderen Ländern, aber auch deutsche Kinder und Jugendliche unterstützt. Aktuell gibt es am MGH 35 dieser Paten. Auf der Warteliste stehen etwa 30 Schüler. Das Problem: Viele Lernpaten trauen sich nur Nachhilfe auf Grundschulniveau zu, sodass es für Jugendliche in weiterführenden Schulen an Helfern mangelt.

Zur Sache: Lernpaten

Das Projekt Lernpaten ist Teil vom Veranstaltungskonzept des Mehrgenerationenhauses Frankenthal und wird finanziert vom Bundesprogramm „Miteinander-Füreinander“. Es soll helfen, die Bildungschancen aller Heranwachsenden zu erhöhen, die beim Wissenserwerb nicht mitkommen. Die Gründe dafür und die Herkunft spielen keine Rolle. In dem Projekt arbeitet meist ein Pate mit einem Schüler zusammen, der Betreuungsschlüssel ist also maximal hoch. Die Anmeldung für beide Seiten ist sehr unbürokratisch. Für die Lernpaten ist ein Führungszeugnis nötig. Wer Lernpate werden möchte, kann sich im Frankenthaler MGH in der Mahlastraße 35 , Telefon 06233 3558911 sowie per Mail an mgh@frankenthal.de, melden.

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