Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Legendäre Lieder: „Mundorgel“-Konzert mit Marc Pointner

Heute hier, morgen dort: „Mundorgel“-Konzerte gibt Marc Pointner auch regelmäßig im Gleis 4.
Heute hier, morgen dort: »Mundorgel«-Konzerte gibt Marc Pointner auch regelmäßig im Gleis 4.

„Die Affen rasen durch den Wald“ oder „Sag mir wo die Blumen sind“: Diese und andere Klassiker stimmte Gitarrist Marc Pointner bei einem „Mundorgel“-Konzert gemeinsam mit seinem Publikum an. Es war die letzte Kulturveranstaltung der Frankenthaler Reihe „Musik im Garten“ in diesem Jahr.

„Eigentlich ist das Lied ein bisschen sexistisch, der Mann darin wird von seiner Frau verprügelt“, grübelte Sänger und Gitarrist Marc Pointner in Bezug auf das Lied „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“. Noch blutiger geht es textlich in dem ebenfalls zu Gehör gebrachten Stück „Sabinchen war ein Frauenzimmer“ zu. Solange es jedoch bei fiktiven Erzählungen in Reimform bleibt, die keine Umsetzung in der Wirklichkeit erfahren, kann man weiterhin diese Weisen singen. Immerhin sind die Gedanken frei, wie ein anderes Volkslied, das in der Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ verewigt wurde, musikalisch verdeutlicht.

Mit dem Liederbuch aufgewachsen

Dem gemeinschaftlichen Singen unter freiem Himmel wohnten vor allem ältere Besucher bei, die mit dem roten Liederbuch „Mundorgel“, das viele aus dem Musikunterricht in der Schule kennen und das vor 70 Jahren zum ersten Mal in Druck ging, aufgewachsen sind. Dabei hatten etliche Teilnehmer ein eigenes Exemplar der „Mundorgel“ mitgebracht, aus gebräuntem Papier bestehend. In den vergangenen Jahren wurde die „Mundorgel“ inhaltlich überarbeitet und von politisch bedenklichen Liedtexten befreit, die sich als historisch belastet herausstellten und unkritisch das Militärwesen glorifizierten. Häufig bewegt sich Gitarrist Marc Pointner, 56, der beruflich als Werkarzt bei der BASF in Ludwigshafen arbeitet, im edlen Jazz-Genre, mit seinem Band-Kollegen Gereon Hoffmann als Duo. „Totale Hingabe an das Produkt!“, animierte Gitarrist Marc Pointner die sangesfreudige Besucherschaft, ordentlich Leidenschaft in die Stimme zu legen.

In der grünen Oase hinter dem Frankenthaler Kunsthaus gab Moderator Pointner, der konzentriert in seinen Unterlagen blätterte, mit seinen Gästen zahlreiche Stücke zu Gehör wie „Die Moritat von Mackie Messer“ aus der Brecht’schen „Dreigroschenoper“, „My Bonnie (Lies over the ocean)“ und „Heute hier, morgen dort“ von Liedermacher Hannes Wader. Als Wiege der deutschen Liedermacher-Szene gilt die Burg Waldeck im Hunsrück, auf der ab 1964 viele Liedermacher wie Franz Josef Degenhardt, Reinhard Mey und eben jener Hannes Wader bei von der Hippie-Kultur geprägten Festivals auftraten. 2012 veröffentlichten die Toten Hosen eine Coverversion des Songs „Heute hier, morgen dort“ auf ihrem Erfolgsalbum „Ballast der Republik“. Was geht am Grund des Meeres zwischen den Fischen vor sich? Darüber fantasierte das Lied „Die Flunder und der Harung“, das von einer Liebesgeschichte mit zwei Wasserbewohnern erzählt und davon, wie Geld den Charakter korrumpieren kann.

Pur und unverfälscht

Im Frankenthaler Kulturzentrum Gleis 4 tritt Gitarrist Pointner jeden Monat als geselliger „Mundorgel“-Interpret auf. Dabei erweckt der Szene-Musiker nicht nur Stücke, die in dem legendären roten Liederbuch stehen, klanglich zum Leben, sondern ebenso Werke fern der Anthologie, die es wert sind, für die Nachwelt erhalten zu bleiben. Denn kanonisiertes Liedgut will gepflegt werden. Deshalb handelte es sich bei der Veranstaltung im Rahmen von „Musik im Garten“ um ein minimalistisches Gesangskonzert, reduziert auf das kompositorische Wesen der überlieferten Lieder. Pure und unverfälschte Strophen in ihrem Naturzustand. Von TV- und Bühnenkomiker Mike Krüger brachte die Zusammenkunft den Gassenhauer „Der Nippel“ zu Gehör. An dieser Stelle hätte Vorsänger Marc Pointner die lesenswerte Autobiografie „Mein Gott, Walther“ von Mike Krüger über sein bewegtes Leben als Sekundärliteratur zur Hand nehmen und ein, zwei Passagen daraus vorlesen können, um das „Mundorgel“-Konzert mit Hintergrundwissen auszustatten.

„Einfach ein Mädchen küssen, ich weiß ja nicht, ob das heute noch geht“, überlegte Moderator Marc Pointner bezogen auf die Nummer „Rote Lippen soll man küssen“ von Cliff Richard. Von Udo Jürgens sang die zusammengekommene Gemeinschaft den Klassiker „Griechischer Wein“. In diesem Stück berichtet ein Ich-Erzähler davon, wie er unterwegs ein Wirtshaus betritt und mit den dortigen Gästen köstlichen Rebensaft die Kehle runterlaufen lässt.

Außerdem sang der gemischte „Mundorgel“-Chor noch Lieder wie „Ein Hase saß im tiefen Tal“, „When the saints go marching in“, „Im Frühtau zu Berge“, „Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehn“, „Kreuzberger Nächte“, „Wenn wir erklimmen“, „Da sprach der alte Häuptling“ und das Palz-Lied der Anonyme Giddarischde. Bis plötzlich ein Regenguss herabstürzte und dem Gesang ein nasses Ende bereitete.

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