Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Komponist Wolfgang Müller-Steinbach gibt Tipps zum Hören und Verstehen von Brahms-Sinfonie

„Musik hören und verstehen“: Unter diesem Titel hält der Frankenthaler Komponist Wolfgang Müller-Steinbach regelmäßig Einführung
»Musik hören und verstehen«: Unter diesem Titel hält der Frankenthaler Komponist Wolfgang Müller-Steinbach regelmäßig Einführungen in klassische Werke.

Musik hören und verstehen: Voller Lebensmut oder trostlos und düster? An der 4. Sinfonie von Johannes Brahms scheiden sich die Geister. Egal, wie Sie das Werk hören, wir verraten hier einen Trick, mit Hilfe dessen Sie die Anfangstöne des ersten Satzes nicht mehr vergessen werden.

„Noch strahlt das Licht!“. Wenn Sie diesen Satz langsam und deutlich vor sich hin sprechen, dann haben Sie den Rhythmus und die Stimmung der vier ersten Melodietöne der vierten Sinfonie von Johannes Brahms genau getroffen und damit auch gleichsam einen Leitspruch für das ganze Werk ausgesprochen. Statt dieser Worte hätten Sie auch „Der Herbst ist schön!“ als Motto vor sich hin sprechen können, denn es handelt sich bei Brahms' e-Moll-Sinfonie zweifellos um ein herbstliches Werk aus seiner letzten Schaffensperiode (komponiert 1894/95, zwei Jahre vor seinem Tod).

Falls Sie die Worte wirklich laut ausgesprochen haben, werden Sie die geheimnisvoll schwingenden Anfangstöne dieser Melodie nicht mehr vergessen können, sobald Sie sie einmal gehört haben. Nutzen Sie die Möglichkeit, die sich Ihnen im Konzertsaal nicht bietet, die CD ungefähr nach 40 Sekunden anzuhalten und sofort noch einmal von vorne anzuhören; dann haben Sie das vollständige erste Thema in sich aufgenommen und werden seine Weiterentwicklungen in dem langen ersten Satz verfolgen und genießen können. Brahms hat dafür gesorgt, dass das Ende dieses Themas (wie gesagt, nach etwa 30 bis 40 Sekunden, je nach Tempowahl des Dirigenten) nicht überhört werden kann, vorausgesetzt, der Dirigent beachtet die genauen Lautstärken-Vorschriften gewissenhaft: Nach nur geringfügigem An- und Abschwellen der durchweg leise zu spielenden Takte steigert sich der Themenschluss bis zum forte, in dem eine einsame Oboe klagend (oder triumphierend?) den Schlusspunkt setzt.

Unterschiedliche Meinungen nach Uraufführung

Triumph oder Klage? So gegensätzlich wird auch die gesamte Sinfonie aufgefasst. Für viele drückt sich in ihr trotz der gedämpften, etwas verschleierten e-Moll-Grundstimmung Brahms' Haltung aus, den Herbst seines Lebens in voller Vitalität zu durchleben, und wer sie so hört, der wird beim Anhören gleichsam neuen Lebensmut schöpfen können. Andere empfinden das Gegenteil: Viele durchaus kompetente Hörer waren verwundert über die begeisterte Aufnahme des Werks bei seiner Uraufführung im Oktober 1895 in Meiningen. Sie fanden vor allem den ersten Satz trübe, trostlos, voller norddeutsch grübelnder Düsternis. Hoffentlich haben Sie eine Aufnahme, die den Schwung, die Leidenschaft und die Melodienseligkeit dieser Musik hörbar werden lässt (zum Beispiel: Wiener Philharmoniker, Carlo Maria Giulini, 1990, Deutsche Gramophon).

Auch wenn Sie nichts von „Sonatenform“, vom Wechsel zwischen „Themen“ und „Weiterführungen“ wissen (oder wissen wollen), werden Sie beim Anhören des ganzen Satzes immer wieder an besonderen Stellen anhand der vier Anfangstöne („Noch strahlt das Licht!“) diese Melodie wiedererkennen, obwohl sie meist nicht wörtlich wiederholt wird. Im ersten Hauptteil des Satzes (der sogenannten Exposition) verschwindet sie allerdings bald völlig. Sie macht einer Fülle von musikalischen Einfällen Platz, ausdrucksvollen Melodien der Geigen oder der hohen Blasinstrumente zwischen kraftvollen Bläsersignalen. Dann aber, nach einigen erstaunlich lakonischen, wie einzelne Tropfen fallenden Zweitonmotiven der Holzbläser im Wechsel mit gezupften Streichern (ein besonders „analytisch“ hörendes Ohr wird darin eine Weiterentwicklung der Anfangsmelodie erkennen) sowie einer besonders schwärmerischen melodischen Aufwallung der Geigen stockt der Fluss der Musik zweimal. Es ist keine Pause, sondern eine geheimnisvolle, fast impressionistische Klangfläche aus lang gehaltenen Bläserakkorden, verschleiertem Paukenwirbel, kaum hörbaren Trompetensignalen und auf- und absteigenden Unisono-Gängen der Streicher, alles im pianissimo. Und dann bricht sich unerwartet der vorige Schwung wieder Bahn, die Lautstärke nimmt zu, nach „forte“ (laut), „più forte“ (lauter) wird zum ersten Mal „fortissimo“ (sehr laut) erreicht; zwei kurz abgerissene Akkordschläge des ganzen Orchesters markieren einen deutlichen Einschnitt ...

Hörer absichtlich in die Irre geführt

Und was spielen dann plötzlich die Flöten und die Fagotte über der vom Satzanfang her unbewusst vertrauten sanften Wellenbewegung der Begleitung? Soll das die Wiederkehr des Anfangs sein? Aber sie spielen ja nur dreimal hintereinander die zwei ersten Töne, und das gleich noch einmal, einen Ton tiefer? Doch wenn dann die Violinen übernehmen, glauben wir einige Takte lang, es gehe wirklich von vorne wieder los, und jetzt folge schon der Schlussteil des Satzes, die sogenannte Reprise. Hier führt Brahms den Hörer absichtlich in die Irre: Nach wenigen Takten nimmt alles einen anderen Verlauf, und wir merken, dass soeben der Mittelteil des Satzes, die „Durchführung“ begonnen hat.

Wenn Sie nicht die Zeit haben, den ganzen Satz zweimal anzuhören (er dauert je nach Temperament des Dirigenten mindestens zwölf, manchmal über fünfzehn Minuten), sollten Sie hier, nach etwa vier bis fünf Minuten, noch einmal von vorne beginnen. Es wird sich Ihnen nicht nur alles viel besser einprägen, sondern Sie werden auch neue Einzelheiten wahrnehmen, so etwa gleich zu Beginn die geheimnisvoll aufwärtsstrebenden Begleitfiguren der Bratschen und der Celli, die zwar äußerst leise sein sollten, bei guten Aufnahmen aber dennoch deutlich zu hören sind.

Nun können Sie den ganzen Satz ohne weitere „Hilfen“ zu Ende hören. An zwei Stellen begegnet Ihnen die Anfangsmelodie stark verändert, aber unverkennbar: Zu Beginn des dritten Teils, der erwähnten „Reprise“, in „Umkehrung“: Alle Abwärtstonfolgen erklingen jetzt aufwärts, und umgekehrt; die vier Wörter des „Mottos“ könnten Sie aber unverändert dazusprechen. Und ganz am Schluss im Bass (!): Kraftvoll, fortissimo, Melancholie und Resignation sind verschwunden, der Satz endet in energischem, selbstbewusstem, lebensfrohem Auftrumpfen.

Die Serie

Eine Stelle immer wieder und bewusst anzuhören – das ist im Konzert nicht möglich. Wir nutzen in dieser Serie die veranstaltungsfreie Zeit und geben Anregungen, wie man zuhause Musik hören und verstehen kann. Unser Autor, der Frankenthaler Komponist Wolfgang Müller-Steinbach, leitet unter diesem Titel auch eine Reihe der Volkshochschule.

Der Komponist: Johannes Brahms

Der Komponist, Dirigent und Pianist Johannes Brahms (1833 bis 1897) gilt neben Anton Bruckner und Felix Draeseke als der bedeutendste Sinfoniker seiner Zeit. Seine Kompositionen werden der Spätromantik zugeordnet. Brahms’ bekanntestes Werk ist das Deutsche Requiem.

Ob auf CD, Schallplatte oder per Streaming: von der Brahms-Sinfonie gibt es zahlreiche Aufnahmen.
Ob auf CD, Schallplatte oder per Streaming: von der Brahms-Sinfonie gibt es zahlreiche Aufnahmen.
Die Sinfonie in e-Moll schrieb Johannes Brahms zwei Jahre vor seinem Tod.
Die Sinfonie in e-Moll schrieb Johannes Brahms zwei Jahre vor seinem Tod.
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