Frankenthal
Kita-Besuch ab Dienstag stundenweise möglich
„Die Betonung liegt auf ,eingeschränkt’“, sagt Beigeordneter Bernd Leidig (SPD). Den Bedürfnissen von Kindern und Eltern stünden begrenzte Personal- und Raumkapazitäten gegenüber. Richtschnur für die Verantwortlichen sind vom Land gemeinsam mit zahlreichen Initiativen und Verbänden entwickelte Leitlinien zur „Kinderbetreuung in einem Alltag mit Corona“. Diese bereits zum 2. Juni in allen 18 städtischen Kindertagesstätten umzusetzen, nennt Jan Kardaus, Leiter des Bereichs Familie, Jugend und Soziales, ambitioniert. Für jede Einrichtung habe man in den zurückliegenden Tagen eine individuelle Lösung entwickelt. Die jeweilige Kita-Leitung habe dabei auch Elternvertreter eingebunden.
Mehr als ein paar Stunden pro Woche für jedes Kind sind meist nicht drin. „Alle sollen kommen können, aber eben nicht so wie früher“, sagt Andrea Schlossarczyk, Leiterin des Familienbüros. Die Planung sei nicht einfach. Priorität sollen die 314 Vorschulkinder haben. So ist es auch in den Leitlinien festgelegt. Sie wolle man gut auf den Übergang in die Schule vorbereiten. Dazu gehört das Einüben der Hygiene- und Abstandsregeln.
Maximal 15 Kinder pro Gruppe
Als Arbeitgeber müsse die Stadt das Wohl ihrer 265 Erzieherinnen im Blick haben, sagt Leidig. Auch für sie bedeutet der neue Kita-Betrieb viel Organisationsaufwand. Pädagogisches Arbeiten sei unter diesen Rahmenbedingungen völlig anders, betont Schlossarczyk. Weil maximal 15 Kinder zusammen betreut werden können, würden Gruppen getrennt. „Da kann es dann sein, dass der beste Freund an einem anderen Tag in die Kita kommt.“ Sich frei in der Einrichtung und auf dem Außengelände bewegen: Auch das ist aktuell nicht möglich.
Parallel zu den neuen Gruppen läuft die Notbetreuung weiter. Etwas über 200 der insgesamt 1464 Kita-Kinder nutzen sie. In diesen Gruppen gibt es laut Familienbüro noch freie Plätze. Bei einem erneuten Anstieg der Infektionszahlen brauche man schnell Entlastungsmöglichkeiten für Eltern in systemrelevanten Berufen. Sie können bei Bedarf erweiterte Betreuungszeiten, etwa am Wochenende und abends, nutzen. Vereinzelt sei das bislang in Anspruch genommen worden. „Es wird schwieriger werden, das personell zu leisten“, sagt Andrea Schlossarczyk.
Ferienbetreuung für Berufstätige
Anfangs sei die Nachfrage nach Betreuungsplätzen „überraschend“ gering gewesen. Auch jetzt rechnen die Verantwortlichen damit, dass einige Eltern ihre Kindern nicht in die Kita bringen – aus Sorge vor Ansteckung mit dem Coronavirus oder, weil sie die Betreuung inzwischen anders organisiert haben.
Weil viele Berufstätige in den vergangenen Wochen die Kita-Schließung auch mit Urlaubstagen überbrückt haben, fordert beispielsweise der Stadt-Elternausschuss ein erweitertes Betreuungsangebot in den Sommerferien. Weil jeweils nur neun der 18 Kitas für drei Wochen geschlossen sind, könnten Kinder in dieser Zeit in eine andere Einrichtung kommen, sagt Leidig. Man wolle hier in den nächsten Wochen den Bedarf erfragen. „Alle werden wir nicht bedienen können“, befürchtet Schlossarczyk. Denn: „Auch unsere Erzieherinnen brauchen ihren Urlaub“, sagt Kardaus.
Zur Sache: Wie Kirchen, Waldorfschule und Pfalzinstitut ihre Kitas öffnen
Vorschulkinder, Rückstellungskinder sowie Zwei- und Dreijährige mit ihren Geschwisterkindern: Das sind in der integrativen Kindertagesstätte des Pfalzinstituts für Hören und Kommunikation (PIH) die Ersten, die ab Dienstag wieder in die Einrichtung kommen. Mit 36 Kindern zusätzlich zu den 26, die bereits in der Notbetreuung waren, rechnet Leiterin Marion Walther. Anders als in anderen Einrichtungen gibt es hier für alle eine Ganztagsbetreuung. „Unsere Kinder brauchen feste Zeiten und Rituale“, sagt Walther. Außerdem kommen etliche mit Fahrdiensten nach Frankenthal. Stundenweise lohne sich das nicht. Etwa 80 Kinder besuchen die integrative Kita, rund die Hälfte sind Förderkinder. Weil jeweils zwei Erzieherinnen fest eine Gruppe betreuen und gruppenübergreifende Dienste etwa in der Mittagszeit wegfallen, können nicht von Anfang an alle Kinder aufgenommen werden. „Leider. Mir fehlt einfach das Personal“, sagt Walther, die sich gut in die schwierige Situation der Eltern hineinversetzen kann. Um ein gutes Angebot leisten zu können, hätten die Erzieherinnen in der Krise auf ihre Zeit für Planungs- und Schreibarbeiten verzichtet. „Selbst als wir ganz am Anfang keine Masken hatten, waren alle da“, lobt Walther ihr Team.
Waldorf-Kita: Start am Dienstag mit zwei Gruppen
Mit zwei Gruppen à 15 Kindern startet am Dienstag der Waldorfkindergarten den eingeschränkten Regelbetrieb. Zehn der 49 Kinder waren bislang in der Notbetreuung. Um die Kontakte gering zu halten, gebe es versetzte Gartenzeiten und unterschiedliche Bring- und Holzeiten, teilt Geschäftsführer Carsten Felgenhauer mit. Die Eltern seien überwiegend sehr verständnisvoll. Man hoffe, bald Normalbetrieb zu haben, damit wieder alle Kinder Zugang zur Kita bekommen.
Katholische Kitas: viele Details zu klären
Weil noch viele Details zu klären seien, startet der eingeschränkte Betrieb in den beiden katholischen Kindertagesstätten erst am 8. Juni. In St. Ludwig sind aktuell acht der 75 Kinder in der Notbetreuung, in Mörsch sind es zehn. Derzeit frage man bei Eltern telefonisch den Bedarf ab. Pfarrer Stefan Mühl rechnet damit, dass in beiden Kitas ab 8. Juni etwa 70 Kinder sein werden. Allerdings könne er in Mörsch nur zwei der sechs Erzieherinnen einsetzen, weil die übrigen zu Risikogruppen gehören. Priorität sollen Vorschulkinder sowie deren Geschwister und Kinder berufstätiger Eltern haben, die einen Ganztagsplatz haben. Diese wollen man ganztags aufnehmen. Ansonsten wolle man zumindest vormittags ein Angebot machen. „Die Hygieneregeln im Kita-Alltag umzusetzen, ist nicht einfach“, sagt Mühl.
Protestantische Kitas: Bedarf wird noch erfragt
„Einen Balanceakt“ nennt Dekanin Sieglinde Ganz-Walther den Betrieb der drei protestantischen Kitas in Zeiten von Corona. Es gelte, die Bedürfnisse von Kindern, Eltern, aber auch die Fürsorge für das Personal im Blick zu behalten. „Es sollen keine Ungerechtigkeiten entstehen“, sagt sie. Allerdings werde das Angebot ab 8. Juni je nach Einrichtung unterschiedlich sein, weil nicht überall alle Erzieherinnen einsetzbar sind. Von 248 Kindern nutzten 53 die Notbetreuung. Wie viele in den nächsten Wochen noch dazu kommen, erfrage man noch. Den Vorschulkindern wolle man zumindest vormittags ein pädagogisches Angebot machen. Das Verständnis für die Nöte der Eltern sei in den Kitas groß. „Alle Teams sind sehr bemüht, da höre ich kein Jammern“, lobt die Dekanin.
Einwurf: Mehr Alltag
Der Spagat, den die Verantwortlichen im Rathaus und die Erzieherinnen in den einzelnen Einrichtungen seit Wochen leisten, ist enorm. Einerseits gilt es, die Infektionsgefahr klein zu halten, andererseits will man Eltern unterstützen, die Kinderbetreuung und Beruf nur schwer unter einen Hut bekommen. Was jetzt unter dem Titel „eingeschränkter Regelbetrieb“ kommt, ist jedoch keine echte Entlastung für Familien. Das wissen alle. Gut möglich, dass sich viele deshalb lieber weiter irgendwie durchwurschteln, weil ihnen der Aufwand für zwei bis drei Stunden Kita-Zeit pro Woche zu hoch ist. Daraus zu schließen, dass es keinen Bedarf gibt, wäre allerdings falsch. Alle hoffen auf mehr. Mehr Alltag.