Frankenthal „Jetzt will ich Gas geben“

„Mein Versprechen ist, dass alle Menschen, die hier aktiv sind, meine Aufmerksamkeit bekommen“, sagt David Maier.
»Mein Versprechen ist, dass alle Menschen, die hier aktiv sind, meine Aufmerksamkeit bekommen«, sagt David Maier.
Herr Maier, wie lange sind Sie im Amt?

Seit Oktober. Und jetzt darf man auch nicht so lange rumsitzen. Jetzt will ich Gas geben. Wie haben Sie die Arbeit mit Volker Gallé aufgeteilt? Wir haben uns recht früh darauf verständigt, dass Herr Gallé nach wie vor die städtischen Kulturprofile bearbeitet. Die Stadt Worms setzt ja in ihrer Kulturentwicklung auf vier Profile: die Nibelungen, den Dom, das jüdische Worms und das Worms der Reformation. Dazu kommen noch weitere kleinere Themenkomplexe wie das Festival Wunderhoeren für Alte Musik, das er ins Leben gerufen hat. Was bleibt da noch für Sie? Der Bereich der Kulturförderung – ganz grob gesagt – liegt auf meinem Schreibtisch. Dazu gehört, Ansprechpartner zu sein für die freie Kulturszene. Ich finde diese Aufteilung plausibel, weil ich immer schon städtisch institutionell gearbeitet habe, selbst aber aus der freien Szene komme. Ich hoffe, tiefer in die Materie einsteigen und noch stärkere Impulse hineingeben zu können. Was ist die Stärke der Stadt Worms? Worms verfügt über eine sehr vielfältige und heterogene Kulturszene. Natürlich haben wir hier ein sehr präsentes kulturhistorisches Erbe – das gilt es zu pflegen und zu nutzen für die Stadtentwicklung und für die Außendarstellung. Ich finde, das macht die Stadt seit vielen Jahren hervorragend. Es muss daran weitergearbeitet werden – Stichwort: SchUM, die gemeinsame Bewerbung um den Titel Unesco-Kulturerbe von Worms, Speyer und Mainz. Ich würde aber die Stärken der Stadt nicht auf diese historischen Kulturprofile begrenzen. Was mich immer schon an Worms begeistert hat, ist, dass so viele Menschen hier Kulturarbeit machen, selbst einen Beitrag leisten wollen. Das bildet sich beispielsweise in unserer Kulturnacht ab. Wenn man Ihrer beider Profil anschaut, könnte man vom Bewahrer und vom Erneuerer sprechen. Was halten Sie davon? Das klingt zwar erst mal ganz nett und nach einer passenden journalistischen Überschrift. Aber Herr Gallé hat in den vergangenen Jahren so viele neue Impulse und Ideen eingebracht und die Stadt Worms mit der Metropolregion Rhein-Neckar vernetzt – ich glaube, das würde ihm nicht gerecht. Aber klar ist: Wir werden zwei verschiedene Handschriften haben. Jeder setzt andere Impulse. Volker Gallé hat ein sehr starkes historisches Interesse und da viel für die Stadt entwickelt, auch für den Worms Verlag. 2021 werden Sie die Stelle ganz übernehmen. Bis dahin müssen Sie sich auch da eingearbeitet haben. Ja, aber davor habe ich überhaupt keine Angst. Im Gegenteil. Ich war immer offen, zu lernen und bin nie dogmatisch an Themen herangegangen. Ich habe alles eingeatmet, was ich vorgefunden habe und daraus meinen Antrieb entwickelt. Ich empfinde es als unglaubliches Privileg, jetzt in diesen zwei Jahren Übergangszeit noch von meinem Vorgänger lernen zu dürfen. Ich war kürzlich in Mainz beim Empfang unseres Ministers für die Kulturschaffenden. In den Gesprächen wurde mir bewusst, dass diese Übergangsphase in Kommunen eher unüblich ist. Kam der Antrieb von Herrn Gallé, sich ein Stück weit zurückzuziehen? Es steht mir nicht zu, über die Beweggründe von Herrn Gallé zu sprechen. Aber der Vorschlag zur Arbeitsteilung kam von ihm. Dann denkt er über seine Zeit hinaus. Ich möchte ihm jetzt nicht zu viel Honig ums Maul schmieren. Aber das zeugt von Weitsicht. Sie waren zwei Jahre Kulturreferent in Offenbach bei Frankfurt. Haben Sie Ihre Zelte dort ganz abgebrochen? Ja. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Nehmen Sie etwas mit aus der Zeit an Erfahrungen? Auf jeden Fall. Man muss nicht unbedingt an Kulturpolitik oder der Finanzsituation von Kommunen interessiert sein, um zu wissen, dass Offenbach mit vielerlei Herausforderungen zu kämpfen hat, der sich auch die Kulturarbeit stellen muss – etwa dem hohen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund. Ich bin sehr dankbar für meine Erfahrungen in Offenbach – nur nicht für die drei Stunden Autofahrt täglich. Oberbürgermeister Kissel wünscht sich den Aufbau eines Jugendkulturzentrums. Das Thema kulturelle Bildung wird für mich auch in Worms ein ganz wichtiger Aspekt. Da muss ich mich erst einmal einarbeiten in das, was ich hier vorfinde. Ich habe mich schon mit dem Kinder- und Jugendbüro getroffen. Und ich will in den Beirat für Migration gehen. Ich habe zwar in Worms schon immer Kulturarbeit gemacht, aber man kann eben nicht alles kennen und wissen. Was andernorts Referent oder Amtsleiter heißt, nennt sich in Worms Koordinator. Was hat es damit auf sich? Es ist sehr besonders. Die Kraft dieser Position liegt meines Erachtens vor allem in der Moderation und Netzwerkarbeit, in der Kraft des Worts und des Arguments. Und mit dieser Kraft hat Herr Gallé hauptsächlich gewaltet. Natürlich gibt es auch Budgets. Aber die Kulturkoordination ist eine Stabstelle im Büro des Oberbürgermeisters, die hervorgegangen ist aus der Schaffung einer städtischen Veranstaltungs-GmbH: als Schnittstelle zur Politik. Ein Kulturamt gibt es in Worms nicht mehr. Sie haben mit der Reihe Stille Töne und dem Festival Pop up schon Akzente gesetzt, als Sie noch gar nicht Kulturkoordinator waren. Hegen Sie schon neue Pläne? Ja. Ich habe natürlich einige Ideen mitgebracht. Aber es wäre zu früh, schon darüber zu sprechen. Mein Fokus liegt jetzt zuallererst einmal darauf, dass ich der Kulturszene sage: „Hey, ich bin da, ich bin euer Verbündeter.“ Ganz oben auf meiner Agenda ist, die Kulturtreibenden zu treffen. Ich will deren Bedürfnisse erfahren und meine Hilfe anbieten. Ich möchte Synergien schaffen und Netzwerke stärken. Im Lauf der nächsten Monate wird sich dann herauskristallisieren, wie ich meine Ideen einspeisen kann in ohnehin stattfindende städtische Prozesse wie die Entwicklung eines Tourismuskonzepts. Sie haben im vergangenen Jahr ein Buch über Kulturwirtschaft veröffentlicht. Was habe ich mir darunter vorzustellen? Die Kulturwirtschaftsförderung liegt mir schon immer am Herzen. Kultur und Wirtschaft werden oft als zwei Felder dargestellt. Für mich gibt es da keinen Widerspruch. Es gibt so viele Unternehmer, die in der Kulturwirtschaft tätig sind. Sie sollten meiner Meinung nach noch mehr Aufmerksamkeit erfahren. Der Bereich wird von mir in Worms ganz sicher einen leichten Anschub erfahren. Ganz praktisch: Wer ist das, der Kulturwirtschaft betreibt – auch jemand der Beschallungssysteme vermietet, der Bühnen aufbaut? Eher nicht. Gemeint sind Kreative, also Grafiker, Fotografen, Buchverlage, der Rundfunk, Architekten, Spieleentwickler und einige mehr. Kulturwirtschaft: Das hört sich an, als könnte man mit Kultur Geld verdienen. Das wäre mal was ganz Neues. (lacht) Ich sag’s mal anders: Man kann mit dem schöpferischen Akt Geld verdienen. Ob das dann Kulturarbeit oder Kreativwirtschaft ist, darüber scheiden sich die Geister. Ich glaube nur, dass die Kreativität, die es in der Stadt gibt, einer steten Pflege und Aufmerksamkeit bedarf. Mein Versprechen ist, dass alle Menschen, die hier aktiv sind, meine Aufmerksamkeit bekommen werden. | Interview: Birgit Möthrath

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