Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Jan Plewka singt Rio Reiser und „Ton Steine Scherben“ im Capitol

Jan Plewka und die „Schwarz-Rote Heilsarmee“ im Capitol. Warum die Musiker graue Bärte und Perücken tragen, dafür gibt’s untersc
Jan Plewka und die »Schwarz-Rote Heilsarmee« im Capitol. Warum die Musiker graue Bärte und Perücken tragen, dafür gibt’s unterschiedliche Erklärungsansätze.

„Wenn nicht jetzt, wann dann?“ singen die Höhner im Radio. Und das passt, schließlich ist wieder Handball-WM. „Wann, wenn nicht jetzt?“ sangen am Donnerstag im Mannheimer Capitol jedoch Jan Plewka und die „Schwarz-Rote Heilsarmee“, und das ist von „Ton Steine Scherben“.

„Kleine Tore, große Männer, das ist der Trend der Zeit. Handball ist der Sport für Kenner, jederzeit zum Wurf bereit“, heißt es sportlich-preisend im Text der Spaß-Combo aus Köln, die im anstehenden Karneval wieder vermehrt zu hören sein wird. „Und der Wald, in dem du vor Jahr'n noch gespielt hast, hat plötzlich ein steinernes Gesicht“, klingt es dagegen politisch-kritisch bei den Agitrockern „Ton Steine Scherben“ - und bei Jan Plewka. „Und die Wiese, auf der du g'rade noch liegst, ist morgen 'ne Autobahn.“ Plewka zeigt sich nur bei diesem Song, der der aktuellen Tournee den Namen gibt, oberkörperfrei, und die Band spielt ihn laut, schnell, druckvoll und treibend.

Was Heinrich Schliemann in Troja entdeckte

„Jan Plewka singt Rio Reiser 2 - Wann, wenn nicht jetzt?“ ist die Fortsetzung einer „Reminiszenz an den König von Deutschland“, einer Show mit viel Musik und ein wenig Theater, die vor rund 20 Jahren am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg startete und lange lief. Damals bereits mit Jan Plewka und der vierköpfigen „Schwarz-Roten Heilsarmee“, deren Besetzung bis heute unverändert geblieben ist. Der Gitarrist Marco Schmedtje, Dirk Ritz am Bass, Martin Engelbach hinterm Schlagzeug und Lieven Brunckhorst, der sich nicht nur am Keyboard, sondern als wahrer Multiinstrumentalist beweist, verbergen sich in Mannheim zu Beginn mit langen grauen Bärten unter langen grauen Perücken. Warum? Um indezent auf das Alter hinzuweisen, das sie erreicht haben, oder vielleicht auf das Alter der Songs, die sie performen? Tatsächlich greifen sie mit ihrer Auswahl weiter zurück als noch im ersten Teil ihrer „Reminiszenz“, in dem Songs aus der Solo-Zeit Rio Reisers den Schwerpunkt ausmachten: „Alles Lüge“, „Für immer und dich“ oder eben „König von Deutschland“, die Mitte der 1980er Jahre große Erfolge waren, als „Ton Steine Scherben“ sich aufgelöst hatten.

Im vergangenen Sommer noch waren die Ex-Scherben Kai Sichtermann und Funky K. Götzner als „Kai & Funky von Ton Steine Scherben feat. Birte Volta“ unter freiem Himmel am Alter, ganz in der Nähe des Capitol, zu erleben. Nur wenige Wochen darauf starb mit R. P. S. (Ralph Peter Steitz) Lanrue das neben Reiser gewiss einflussreichste Mitglied der Band. Und jetzt setzt Jan Plewka sich einen Tropenhelm auf, leuchtet mit der Taschenlampe in die Gesichter im gut besuchten Auditorium und gibt einen Archäologen: „Als Heinrich Schliemann Troja entdeckte, da frug man ihn, was er gefunden habe, und er antwortete: Ton Steine Scherben.“

„Macht kaputt, was euch kaputt macht“ wird um CDU und AfD erweitert

Schon früh, vielleicht zu früh, auf seiner Setlist der Ausgrabungen steht mit „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ die Debütsingle und einer der wahrhaft ikonischen Titel der Band, der beim gesittet sitzenden Publikum in Mannheim aber noch keine gereckten Fäuste oder Mitgrölen hervorruft, bis Plewka tagesaktuell die Parteienkürzel CDU und AfD in den Text einbaut und spürbar die Leute erreicht. „Das tut echt gut, diese Lieder zu singen“, erklärt der 54-jährige Sänger und Schauspieler. „Ihr seht hier einen wütenden Menschen“, sagt der Hamburger und plädiert dafür, die bevorstehende Chance zu nutzen, sich „aus diesem Albtraum rauszuwählen“: „Es geht um die Demokratie!“

Politische Songs („Keine Macht für niemand“, „Sklavenhändler“), Apokalyptik („Warum geht es mir so dreckig?“,„Blinder Passagier“) und Liebeslieder („Nur dich“, „Komm, schlaf bei mir“) halten sich die Waage, bis am Ende eines eher kurzen, dennoch erfüllenden Konzertabends bei „Junimond“ das ganze Publikum mitsingt. Jan Plewka dirigiert diesen Chor.

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