Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Neuer OB will Zeit bis zum Amtsantritt intensiv nutzen

Im Moment des Triumphs eine Umarmung: Nicolas Meyer freut sich mit Frau Carolin über 55,4 Prozent der Stimmen bei der Oberbürger
Im Moment des Triumphs eine Umarmung: Nicolas Meyer freut sich mit Frau Carolin über 55,4 Prozent der Stimmen bei der Oberbürgermeisterwahl am Sonntag.

Nicolas Meyer ist der strahlende Sieger des Wahlabends am Sonntag. Ab 1. Januar 2024 führt der FWG-Mann als neuer Oberbürgermeister die Stadtverwaltung. Im RHEINPFALZ-Interview spricht er über Gründe für seinen Erfolg und verrät, was an ihm, dem gebürtigen Münchner, das Pfälzischste ist.

Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als am Sonntag die ersten Ergebnisse gekommen sind und Sie deutlich vorne lagen?
Als ich das erste Diagramm gesehen habe, konnte ich das kaum glauben. Wir waren uns zunächst über die Unterscheidung zwischen Urnen- und Briefwahl nicht im Klaren. Wie aussagekräftig ist das jetzt? Ich habe mir immer wieder gesagt: Das ist der Anfang, es ist nicht viel ausgezählt, der Abend ist noch lange. Ich habe selbst viele Wahlen verfolgt. Häufig fängt es ganz gut an und schmilzt im Laufe der weiteren Auszählung ab. Aber logisch – ich habe mich natürlich gefreut, dass der Balken so nach oben ausschlägt.

Wann war der Zeitpunkt, als Ihnen klargeworden ist: Das kann im ersten Anlauf klappen?
Als nur noch vier Stimmbezirke auszuzählen waren, habe ich schon gedacht: Selbst wenn ich pro Bezirk einen Prozentpunkt verliere, reicht es wohl. Es gab früh voreilige Gratulanten. Aber ich habe zurückhaltend agiert und gesagt: Wir freuen uns, wenn es am Schluss noch so ist.

Aktuell ist es fast wie direkt nach einem Fußballspiel. Da fällt selbst gestandenen Profis die Analyse des Geschehens schwer. Trotzdem: Was war ausschlaggebend für Ihren Sieg?
Wie im Fußball muss man den Teamgedanken hochhalten. Natürlich stehe ich irgendwie vornedran und bin präsent, aber es hat von Anfang bis Ende bei uns im Team sehr, sehr gut funktioniert. Und es sind bei einem solchen Wahlkampf einige mit an Bord: ein Kern von Leuten, auch eine Agentur, die aus dem Hintergrund unterstützt, vor allem aber das persönliche Umfeld, Familie, Eltern, Schwiegereltern, meine Frau, die mir den Rücken freigehalten hat. Es hat sich über die gesamten acht Monate eine Dynamik entwickelt, die richtig Spaß gemacht hat.

Wie groß war der Anteil Ihres Konzepts, Bürger über Beteiligungsformate in den Entstehungsprozess des Wahlprogramms einzubinden?
Wir haben damit, denke ich, bei den Leuten einen Nerv getroffen, weil wir nah dran waren. Wir sind raus in die Vororte gefahren, haben viele verschiedene Formate angeboten – sowohl analog als auch digital. Wir waren erreichbar über alle Kanäle bis hin zu Whatsapp. Wer mich angeschrieben oder angerufen hat, hat in der Regel tagesaktuell eine Antwort bekommen. Die war dann mal einen Tick kürzer, aber die Menschen haben schon gemerkt: Da ist Engagement dahinter. Und das haben wir während des ganzen Wahlkampfs durchgezogen. Aus den Anregungen und Impulsen ist nach unserer Bewertung ein richtiges Bürgerwahlprogramm geworden. Da steht nicht nur drin, was wir tun wollen, sondern auch, wie wir es tun wollen. Das hat viele abgeholt.

Haben Sie davon profitiert, dass die Leute offenbar die Schnauze voll hatten, wie es vorher gelaufen ist?
Genau aus dem Grund bin ich angetreten. Ich war selbst unzufrieden. Ich habe deshalb nie jemandem einen Vorwurf gemacht. Es waren harte Krisenjahre in einer ohnehin schon schwierigen Situation. Insgesamt war zu viel Stillstand und zu wenig Bewegung. Es gab bestimmt in Frankenthal eine Wechselstimmung, von der wir profitiert haben. Ich finde, wir haben einen guten Wahlkampf gemacht – mit all den Elementen, die ich beschrieben habe. Am Schluss ist noch mal Dynamik reingekommen mit der erneuten Kandidatur von Herrn Hebich und der Absage des Strandbadfests.

Acht Monate Wahlkampf sind ein langes Stück. Gab es auf dieser Strecke den Moment, in dem sie gedacht haben: Was habe ich mir angetan?
Angetan ist das falsche Wort. Aber es gibt immer Augenblicke, in denen man im Team Entscheidungen treffen muss: Welche Strategie setzt man auf? Was tut man – und was tut man nicht? Es treten unheimlich viele mit Tipps und Ratschlägen an einen heran. Wir haben versucht, uns immer treu zu bleiben, sind nicht jedem Rat gefolgt. Ich erinnere mich an mehrere Momente, in denen es hoch herging – beispielsweise zum Kampagnen-Kickoff kurz vor Weihnachten. Das alles mit meiner Arbeit in Mannheim zu vereinbaren, war echt anspruchsvoll. Aber das Feedback der Leute und die positiven Rückmeldungen – das hat mich durch diese acht Monate getragen. Das war Motivation pur.

Sie haben sechs Monate Zeit, bis es losgeht. Wie werden Sie dieses halbe Jahr nutzen? Gibt’s eine Art Training für Neu-Oberbürgermeister?
Die Zeit werde ich gut und intensiv nutzen müssen, insbesondere für Gespräche mit den Fraktionen, mit den Amtsleitern und mit Vertretern aus den Vororten. Es geht darum, sich kennenzulernen, gemeinsam Prioritäten zu setzen und einen Fahrplan festzulegen. Insoweit, sage ich, beginnt die Arbeit als OB für mich nicht am 1. Januar 2024, sondern relativ bald nach einem kleinen Urlaub. Ich werde alle Zeit nutzen, die mir neben der Arbeit zur Verfügung steht.

Sie sind ab dem neuen Jahr OB, haben aber keine eigene Mehrheit im Stadtrat, wo nur drei FWG-Vertreter sitzen. Wie wollen Sie damit umgehen?
Diese Frage wurde häufig gestellt. Im Frankenthaler Stadtrat gibt es keine feste Koalition, bei jedem Antrag wird individuell abgestimmt. Das ist gut so. Von daher muss ich mit Überzeugungskraft agieren und mit guten Vorlagen aus der Verwaltung heraus. Es geht darum, Dinge vertrauensvoll vorzubereiten und Grenzen abzustecken, sodass Vorschläge dann mehrheitsfähig sind. Dass eine Stadt von einem Parteilosen oder einem FWGler gelenkt wird, ist längst kein Einzelfall mehr. Nehmen Sie Marc Weigel in Neustadt oder Christian Greiner in Andernach. Der OB-Wahlkampf hat mir gezeigt, dass wir Kandidaten bei den großen Themen nicht so weit auseinander lagen. Da will ich ansetzen und Konsens schaffen.

Die Erwartungen an Sie sind gewaltig. Sie haben Veränderung versprochen und angekündigt. Wie soll das im Amt und angesichts der Zwänge, die es mit sich bringt, gelingen?
Unser Programm enthält Visionen, Ziele und Lösungsvorschläge. Es ist die Essenz aus über 1000 Gesprächen und Kontakten. Die Agenda, die sich daraus ergibt, müssen wir auf den Weg bringen. Und ja: Der Stadtrat entscheidet bei großen Weichenstellungen und es gibt politische Prozesse, bei denen ein Kompromiss herauskommt. Wichtig ist am Anfang, nichts zu überstürzen, die Verwaltung kennenzulernen und Stallgeruch anzunehmen.

Der amtierende OB hat auch deshalb keine zweite Amtszeit angestrebt, weil ihm die mit dem Posten verbundene Belastung zu viel geworden ist. Wie wollen Sie Familie und Beruf unter einen Hut bekommen?
Ich habe schon immer viel gearbeitet. Meine bisherigen dienstlichen Verwendungen waren allesamt fordernd und zeitintensiv. Meine Familie weiß, dass ich viel arbeite und das auch gerne tue. Das wird als Oberbürgermeister sicher mehr und intensiver – gerade an den Wochenenden. Ich bin aber guter Dinge, dass wir das schaffen. Ich will mir beispielsweise den Sonntag als Familientag freihalten. Das habe ich schon im Wahlkampf so gemacht.

Sie sind vor fünf Jahren aus München hierher gezogen und jetzt der gewählte Oberbürgermeister. Was ist an Ihnen das Pfälzischste und was ist an Ihnen das Bayerischste?
Das Pfälzischste an mir ist, dass ich sehr gesellig bin. Das habe ich nicht nur in den letzten fünf Jahren geschätzt, sondern schon in meiner Kindheit und Jugend, als ich meine Oma und Tante regelmäßig in Frankenthal besucht habe. Geselligkeit und Miteinander zeichnet die Region aus, da füge ich mich gut ein. Das Münchnerischste oder Bayerischste ist meine Vorliebe für Bier, für ein frisch gezapftes Helles, das man hier inzwischen auch in ein paar Lokalitäten bekommt.

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