Frankenthal
Interview: Inklusion darf keine Ausnahme sein
Herr Leger, wir sitzen gerade am Rathausplatz. Ist das ein ungünstiger Ort für blinde Menschen?
Absolut. Der Platz ist ein schwieriges Terrain für alle Menschen mit Handicap, schon allein wegen der Pflastersteine. Und bei Veranstaltungen ist dort nichts mehr so, wie man es kennt. Den Wochenmarkt etwa betrete ich ohne meine Frau Gabi überhaupt nicht. Generell sind Veranstaltungen wie das Strohhutfest oder das Herbstspektakel problematisch für Personen, die mit dem Gehen, Sehen oder Hören Probleme haben.
Seit einem halben Jahr sind Sie Frankenthals erster Barriere-Scout. Was ist das für eine Tätigkeit?
Die Initiative geht vom Berliner Verein Sozialhelden aus, der sich für Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung einsetzt. Er hat eine Kampagne gestartet: Bundesweit sind Menschen mit Behinderungen als Scouts ehrenamtlich aktiv. Sie sind Experten in eigener Sache und wissen am besten, wo es klemmt. Sie haben sich das Wissen nicht angelesen, sondern als Betroffene eigene Erfahrungen gemacht.
Was tut ein solcher Scout?
Wir beraten jeden, der es wünscht. Wir bewerten Situationen aus unserer Perspektive. Wir sind für alle da: für Behörden, Firmen, Ladeninhaber und Privatpersonen.
Sie bewerten also den Grad der Barrierefreiheit und sprechen Empfehlungen aus. Was bewerten Barriere-Scouts konkret?
Alles, wo Menschen unterwegs sind: Wohngebäude, Restaurants, Geschäfte, Hotels, Kultureinrichtungen, Unternehmen und so weiter. Es wurde sogar schon ein Fußballstadion auf Barrierefreiheit hin untersucht.
Woran hakt es denn am meisten?
Geschäfte und Kneipen haben oft Stufen und zu schmale Türen für Gehbehinderte. In öffentlichen Gebäuden fehlen häufig Toiletten für Menschen im Rollstuhl. Nicht jeder Aufzug ist für den Rollstuhl geeignet. Leitsysteme und Beschilderungen an Bürotüren für Blinde zum Ertasten sind selten. Kaum jemand denkt an Alarmmeldesysteme oder Türklingeln, die für gehörlose Menschen geeignet sind.
Ich denke auch an die Dreifaltigkeitskirche am Rathausplatz. Über die vier Stufen am Eingang beschweren sich seit Jahren Senioren, die nicht mehr gut zu Fuß sind. Weil die Kirche denkmalgeschützt ist, darf die Treppe aber nicht umgebaut werden.
Das ist ein großes Thema. Meine klare Haltung: Der Mensch geht vor Denkmalschutz. Inklusion darf keine Ausnahme sein.
Wie wird man Barriere-Scout?
Dazu können sich neben Betroffenen auch Personen ohne Handicap ausbilden lassen. Ich habe eine Onlineschulung bei den Sozialhelden gemacht. Unter anderem haben eine Rollstuhlfahrerin referiert und ein Architekt, der sich auf barrierefreies Bauen spezialisiert hat. Zum Schluss musste ich in meinem Wohnort ein Gebäude analysieren. Ich hatte das Rathaus gewählt.
Was haben Sie dort für Mängel entdeckt?
Vieles, was ich kritisiert habe, ist schon in Planung. Was neu war für die Stadtverwaltung: Im Bereich des Bürgerservices können Rollstuhlfahrer die elektrische Tür nicht öffnen. Ohne Verrenkungen kommen sie nicht an den Knopf. Und am Automaten muss man ja eine Wartenummer ziehen und vorher sein Anliegen auswählen. Daran bin ich als blinder Mensch gescheitert.
Hatten Sie schon einen Auftrag?
Im Juli 2022, noch bevor ich Barriere-Scout geworden bin, habe ich eine Zweigstelle der Stadtverwaltung in der Karolinenstraße begutachtet.
Wie kommen Sie durch die Stadt?
Bekannte Wege funktionieren, die habe ich im Kopf. Für neue Ziele kann ich ein Mobilitätstraining beantragen. Ein akustisches Navigationssystem mit GPS ist nur bedingt nützlich, es hat eine Unschärfe von zehn Metern. Bei Häuserzeilen ist das schon viel. Und teilweise sind die Stadtpläne nicht auf dem neuesten Stand. Kurzfristige Hindernisse wie Mülltonnen, Räder und so weiter berücksichtigt das Navi eh nicht. Wenn ich nur einmalig wohin muss, begleitet mich meine Frau.
Und wie sieht es mit Urlaub aus?
Meine Frau ist sehgeschädigt, wir haben kein Auto. Wir sind also auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Der Ludwigshafener Hauptbahnhof ist sehr schlecht für Blinde. Er hat kein Bodenleitsystem mit Rillen und Noppen, die man mit dem Stock ertasten kann. Und die Höhe der Bahnsteige ist sehr verschieden. Man weiß niemals, ob es hoch oder runter geht. Oder ob nicht ein Spalt zwischen Zug und Bahnsteig ist.
Was kritisieren Sie in Frankenthal ?
Es gibt meines Wissens kaum Leitsysteme. Und uns fehlen Blindenampeln mit akustischem Signal. Im Stadtbereich gibt es höchstens 17 davon. Das alles ist zu wenig. Ich schätze, es gibt 80 bis 100 sehgeschädigte Frankenthaler. Und ich weiß nicht, wie viele Tausende betagte Einwohner Probleme mit dem Sehen, Hören und Laufen haben oder diese noch bekommen. Die Gesellschaft wird ja immer älter.
Zur Person
Thomas Leger stammt aus Großniedesheim und ist seit seiner Geburt blind. Er arbeitete im Sauerland und in Frankenthal in der Finanzverwaltung und lebt seit 1995 in Frankenthal. Der 59-Jährige ist Vorstandsmitglied im Blinden- und Sehbehindertenbund (BSB) Pfalz. Bei Beratungsbedarf ist Leger erreichbar unter Telefon 06233 436785 oder per E-Mail an barrierescout-t.leger@online.de. Er nimmt ausschließlich Ortstermine im Stadtgebiet Frankenthal an.