Frankenthal „In deutschen Besitz übergegangen“

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Ältere Frankenthaler erinnern sich noch gerne daran: Das Kaufhaus Moritz Nachmann in der Bahnhofstraße war in seiner Blütezeit das bedeutendste der Stadt. Die jüdische Inhaberfamilie engagierte sich auch im gesellschaftlichen Leben. Die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten führte zu einem Bruch: Das Haus wurde verkauft, die ihrer Freiheit beraubten Firmengründer starben in den 1940er-Jahren in Theresienstadt.

Als in der „Frankenthaler Zeitung“ am Samstag, 23. Oktober 1897, die Anzeige erschien, dass der Kaufmann Moritz Nachmann abends „um 5 ½ Uhr“ in der Bahnhofstraße 24 „ein der Neuzeit entsprechendes größeres Geschäft, den Frankenthaler Bazar“, eröffne, konnte niemand vorhersehen, dass das Kaufhaus Moritz Nachmann eines Tages das bedeutendste der Stadt sein würde. Nachmann, geboren am 20. November 1862 in Nordenstadt (Kreis Wiesbaden), war im September 1897 in Frankenthal zugezogen und wohnte in der Bahnhofstraße 24. Mit 36 Jahren, im Januar 1899, heiratete er in Mannheim die zwölf Jahre jüngere Meta Rosenmeyer. Sie zog zu ihm nach Frankenthal. Das Geschäft nahm eine erfreuliche Entwicklung. Als dann noch am 22. November 1899 der Sohn Ludwig zur Welt kam, war das Familienglück vollkommen, und man blickte erwartungsfroh in die Zukunft. Drei weitere Kinder kamen noch hinzu: Siegfried Kurt 1902, Irma 1904 und Hans Arthur im Jahr 1910. Ab dem April 1906 wohnte die Familie Moritz Nachmann in der Bahnhofstraße 2-4, wohin auch das Geschäft verlegt wurde. Im Herbst 1913 kaufte der Vater das Anwesen für 135.000 Mark von den Metznerschen Erben. Am 3. November 1915 eröffnete Nachmann zudem eine Filiale in Lambsheim in der Marktstraße. Wie lange diese bestand, lässt sich nicht mehr feststellen. Zur Weihnachtszeit gab es im Kaufhaus Moritz Nachmann immer eine große Spielwaren-Ausstellung. Sie zog besonders Kinder aus Frankenthal und dem Umland an. Noch heute schwärmen ältere Frankenthaler, dass es „keine schöneren mehr in der Stadt gegeben hat“. Moritz Nachmann setzte seine Tatkraft aber nicht nur für sein Kaufhaus ein. Bei der Neuwahl des Synagogenrats für die Wahlperiode 1930-35 wurde er gewählt. Er blieb dann auch während der ersten Jahre der NS-Zeit ab 1933 Mitglied dieses Gremiums bis zu seinem Wegzug nach Mannheim am 28. Juni 1937. Bis dahin hatte seine Ehefrau Meta zwölf Jahre lang den Israelitischen Frauenverein in Frankenthal geleitetet; sie legte das Amt erst wegen des Wegzugs nach Mannheim nieder. Moritz Nachmann war auch ein Förderer des Fußballvereins Frankenthal 1900/02 e.V., der ihn auf der Weihnachtsfeier am 25. Dezember 1932 für 25-jährige Mitgliedschaft ehrte. Auch seine beiden Söhne Ludwig und Siegfried Kurt engagierten sich dort. Siegfried Kurt Nachmann, der als Kaufmann im väterlichen Geschäft arbeitete, war über viele Jahre Spielausschuss-Vorsitzender des Vereins, der 1928/29 einen Meistertitel errang. 1931 wurde er für seinen Einsatz vom Süddeutschen Fußball- und Leichtathletikverband ausgezeichnet. Ludwig Nachmann hatte sich nach dem Abitur freiwillig zum Militär gemeldet und als Frontsoldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Nach dem Jurastudium in Heidelberg, das er mit der Promotion abschloss, schlug er die Laufbahn eines Rechtsanwalts ein. Ende 1926 eröffnete er in der Frankenthaler Bahnhofstraße 34 seine Kanzlei. 1927 heiratete er in Mannheim-Feudenheim die 22-jährige Thekla Sohn. Die Familie, die in Frankenthal zuletzt in der Luitpoldstraße 3 (heute: Friedrich-Ebert-Straße) wohnte, bekam zwei Töchter. Auch Ludwig setzte sich für den Fußballverein ein: Bei der Meisterschaftsfeier im April 1929 hielt er die Festansprache. 1931 wurde er zum Vorsitzenden gewählt und blieb es bis zum 17. März 1933. Dann legte er „wegen der besonderen Verhältnisse“ – die Nazis hatten auch in Bayern die Macht übernommen – sein Amt nieder. Als Anwalt bekam er immer weniger Aufträge; im April 1937 gab er seine Zulassung zurück. Wie seine beiden Brüder wanderte er in die USA aus. Siegfried Kurt war ledig, sein Bruder Hans Arthur verheiratet. Sie ließen sich in Philadelphia nieder. Das vierte Kind der Nachmann-Eltern, die Tochter Irene Irma, hatte 1930 in Frankenthal den evangelischen Kaufmann Rudolf Weynen geheiratet. Im Januar 1932 war ihre Tochter Irmgard zur Welt gekommen. Am 31. Oktober 1936 zog die Familie nach München. Die Ehefrau und Mutter überlebte die Haft in den Konzentrationslagern Auschwitz und Ravensbrück. Am Freitag, 29. November 1935, berichtete die „Frankenthaler Zeitung,“ dass „das Geschäft von M. Nachmann am Marktplatz durch Kauf in christliche Hände übergegangen ist und heute eröffnet wird“. Erfreulich sei, dass „der neue Inhaber, Herr Otto Hain aus Worms, das gesamte Personal mitübernommen hat, und damit kein Arbeitsplatz verloren gegangen ist“. In einer Anzeige am selben Tage betonte der neue Geschäftsinhaber: „Durch Kauf ist das Geschäft M. Nachmann in Frankenthal in deutschen Besitz übergegangen.“ Laut Handelsregister-Bekanntmachung vom 4. März 1936 wurde das bisherige Geschäft „Frankenthaler Bazar M. Nachmann“ unter der Bezeichnung „Hain am Markt, Inh. Otto Hain“ weitergeführt. Das zugehörige Anwesen Bahnhofstraße 2-4 kauften die Eheleute Karl Otto Hain und Margarete Lydia geb. Schneider im November 1938. Danach verlangten sie eine Reduzierung des Kaufpreises, weil sie eine „Arisierungsabgabe“ zahlen sollten. Die bisherigen Eigentümer des Anwesens, Moritz und Meta Nachmann, wurden von den Nationalsozialisten am 21. August 1942 von Mannheim nach Theresienstadt deportiert. Moritz Nachmann starb dort, 81 Jahre alt, am 27. November 1943. Seine Ehefrau starb mit 69 Jahren ebenfalls in Theresienstadt am 28. April 1944. Ihre Angehörigen leben heute in den USA und in Wiesbaden.

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