FRANKENTHAL
IG-Metall-Bevollmächtigte Mohme: Kurzarbeitergeld erhöhen
Wären Sie ab heute Arbeitsministerin, was würden Sie als erstes tun?
Ich würde das Kurzarbeitergeld erhöhen. Auf Dauer sind Einkommensverluste von bis zu 40 Prozent nicht zu stemmen für die Beschäftigten.
Die Kritik am Kurzarbeitergeld war Ihre erste Amtshandlung als Erste Bevollmächtigte der IG-Metall-Geschäftsstelle Ludwigshafen-Frankenthal. Sie sagten, es sei ungerecht. Inwiefern?
Insofern, dass nur die Arbeitgeber die kompletten Sozialabgaben des Kurzarbeitergeldes erstattet bekommen. Es wäre aus unserer Sicht gerecht, wenn auch der Arbeitnehmeranteil der Sozialbeiträge an die Beschäftigten weitergegeben wird.
Corona bedroht am stärksten die Existenz Solo-Selbstständiger und Kleinunternehmer. Aber die sind selten Ihre Klientel ...
Wer die größten wirtschaftlichen Verlierer in der durch Corona bedingten Krise sind, das will ich nicht vergleichen. Für jeden ist die eigene Situation am schlimmsten. Unsere Mitglieder haben schon vor der Kurzarbeit haarscharf mit ihrem Gehalt kalkuliert. Und es kann auch sein, dass größere Unternehmen vor dem Aus stehen werden. Die langfristigen ökonomischen Auswirkungen sind noch nicht absehbar.
Wie ausgelastet sind die Unternehmen, deren Arbeitnehmer Ihre Geschäftsstelle betreut?
Die Spannbreite ist groß: Unsere Betriebe, die von der Automobilindustrie abhängig sind, sind seit vier Wochen in Kurzarbeit, teilweise in Kurzarbeit null – weil sie gar nichts mehr absetzen können. Etwa der Automobilzulieferer Borg-Warner in Kirchheimbolanden ist seit vier Wochen in Kurzarbeit null. Es gibt auch einige Betriebe, die noch voll ausgelastet sind und noch voll arbeiten. Und es gibt Betriebe, die sagen: Im Moment geht’s noch, aber wir wissen nicht, was danach kommt.
Wie sieht es in den großen Frankenthaler Firmen aus?
Howden und Bender sind voll ausgelastet. Auch bei KSB gibt es momentan wenig Probleme, da ist noch keine Kurzarbeit notwendig. Bei KBA wird kurz gearbeitet.
Sprechen wir von Arbeitsschutz. Ist der verschärfte Gesundheitsschutz in den Betrieben gewährleistet?
Die meisten Betriebe haben den Arbeits- und Gesundheitsschutz gut umgesetzt. Zu 100 Prozent gut funktioniert das Thema Homeoffice. In der Produktion ist das naturgemäß schwieriger. Da kann ich meine Arbeit nicht mit nach Hause nehmen. Und bin teilweise gezwungen, näher an meinem Kollegen zu stehen als 1,50 Meter. Weil ich bestimmte Dinge im Team erledigen muss. Aber auch da ist in vielen Betrieben viel passiert: Man hat versetzte Schichten eingeführt, die Abstände in Pausenräumen vergrößert.
Das klingt so positiv. Gibt es keine schwarzen Schafe?
Die gibt es. Namen will ich nicht nennen. Es gibt ein Unternehmen, das wir betreuen, in dem 50 Prozent Leiharbeitnehmer in der Logistik schaffen. Deren Gesundheitsschutz interessiert die Geschäftsleitung nicht wirklich.
Kann man schlussfolgern, dass dort, wo viele Leiharbeiter sind, der Gesundheitsschutz vernachlässigt wird?
Nein. Ich würde eher sagen, dass die Sicherheitsbestimmungen bis auf wenige Ausnahmen funktionieren. Und dort sind wir in Kontakt mit Betriebsräten, um dies zu verbessern.
Wo sehen Sie aus Sicht Ihrer Gewerkschaft akuten Handlungsbedarf?
Wir haben Ende März einen Solidar-Tarifvertrag abgeschlossen, der eine Aufzahlung während Kurzarbeit vorsieht. Das muss jetzt in den Betrieben umgesetzt werden. Zusätzlich wird die Arbeitsorganisation im Zuge der gelockerten Corona-Beschränkungen komplizierter. Vorher mussten alle Arbeitnehmer ihre Kinder daheim betreuen. Ab 4. Mai gehen die Kinder teilweise wieder zur Schule. Das kann zu größeren Spaltungen in den Betrieben führen. Außerdem ist die Frage, wie die Arbeit in den Betrieben wieder anläuft, die ganz früh auf 100 Prozent Kurzarbeit null gegangen sind. Die müssen den Betrieb in Volllast mit den neuen Bestimmungen im Gesundheitsschutz ja jetzt einführen, haben das noch vor sich, was andere Unternehmen bereits seit Wochen praktizieren.
Was ist bei der IG Metall durch Corona in die zweite Reihe gerückt?
In den Hintergrund geraten sind unsere Qualifizierungen für die Betriebsräte. Und das ist ein Herzstück unserer Arbeit. Wochenendseminare kann man schlecht virtuell abhalten. In begrenztem Umfang können wir das durch Videokonferenzen abfedern.
Auch Ihre Amtseinführung lief nicht so wie geplant ...
Meinen Beginn als Erste Bevollmächtigte habe ich mir anders vorgestellt. (lacht) Ursprünglich sollte ich bei einer Delegiertenversammlung am 31. März zu Günter Hoetzels Nachfolgerin gewählt werden. Die Wahl wird vertagt, der Vorstand hat mich kommissarisch eingesetzt. Außerdem wäre jetzt die Hochphase unserer Tarifrunde mit Warnstreiks. Und jetzt ist alles anders. Und das ist eine Situation, auf die man sich weder vorbereiten kann, noch kann man jemanden fragen: Wie hast du das denn damals gemacht? Man ist absolut ins kalte Wasser geschubst worden. Aber das geht allen in der Geschäftsstelle so.
Was muss man sich vorstellen unter dem Titel Erste Bevollmächtigte?
Der Titel ist ein sehr alter Begriff und klingt vermutlich etwas antiquiert. Umgangssprachlich kann man auch Geschäftsführerin sagen. Damit können die Leute mehr anfangen.
Mit Ihnen verfügt Ihre Geschäftsstelle nun über eine weibliche Spitze. Ist das selten in einer Gewerkschaft, die viele Männerberufe vertritt?
Wir sind immer noch eine männlich geprägte Gewerkschaft – bedingt durch die Betriebe, die wir vertreten. Stark vertreten ist bei uns die Metall- und Elektroindustrie, in der viele Männer beschäftigt sind. Seitdem die Textil- und Kleidungsindustrie hinzugekommen ist, sind es etwas mehr Frauen. In unserem Bezirk Mitte, zu dem Thüringen, Hessen, Saarland und Rheinland-Pfalz zählen, gibt es 27 Geschäftsstellen und ebenso viele Erste Bevollmächtigte, von denen nur zwei Frauen sind. Da haben wir durchaus Nachholbedarf in Sachen Gleichberechtigung.
Wie geht es der IG Metall in Ihrem Bereich?
Leider verzeichnen wir gegenüber 2019 einen leichten Rückgang an Mitgliedern um 1,5 Prozent. Das sind zirka 200 Austritte. Jetzt haben wir in unserem Bereich, der von Kirchheimbolanden über Eisenberg, Frankenthal und Ludwigshafen bis nach Speyer und Schifferstadt reicht, 9300 Mitglieder.
Wird Corona die Gewerkschaften stärken?
Das bleibt abzuwarten. Sowohl in der aktuellen Krise als auch vorher gilt: Wichtig ist es, sichtbar zu sein für die Beschäftigten. Und ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern.
INTERVIEW: KLAUDIA TOUSSAINT