Frankenthal
Grabowsky: Vorerst letzter Gig beim Strohhutfest
Sprühendes Feuerwerk vom Dach des Café Mirou, eine Runde im Gummiboot auf den Händen des Publikums und, na klar, die Strohhutfest-Hymne – das wird es nach dem 9. Juni 2023 erst einmal nicht mehr geben. Genau diesen Kick, den das Heimspiel auf dem Rathausplatz freitags beim „Feschd“ Jahr für Jahr bedeutet hat, den werden die Grabowskys natürlich am meisten vermissen. Dennoch steht der Entschluss: Nach vielen Hundert Konzerten wird der Auftritt der Band in Frankenthal am gewohnten Tag zur gewohnten Zeit nicht nur der einzige in diesem Jahr, sondern auch auf absehbare Zeit der letzte sein.
„Wir haben uns alle lieb“
„Wie und ob es weitergeht, das wissen wir noch nicht“, sagt Alex Hüther. Der Gitarrist und musikalische Kopf von Grabowsky beugt jeglichen Gerüchten vor: „Wir haben uns trotzdem alle lieb“, betont er beim RHEINPFALZ-Gespräch im Café Ideal. Nach 29 Jahren („Eine wahnsinnig lange Zeit“) sei „ein bisschen die Luft raus“, räumt Hüther ein. Die Band stehe mit ihren Songs für Partystimmung und Vollgas auf der Bühne, bei aller Routine und Erfahrung stecke aber „sehr viel mehr dahinter als man denkt“.
Dieses Niveau zu halten und dem eigenen Anspruch gerecht zu werden, das gelinge nur mit regelmäßigen Gigs, sagt Sänger Olli Herrmann. „Insofern ist es für uns keine Alternative, das Ganze auf die großen Anlässe zu beschränken: Strohhutfest, Gleis 4 und vielleicht noch Stadtfest in Mannheim“, findet er. „Grabowsky – das geht entweder gescheit oder eben nicht“, fasst Schlagzeuger Erhan Yilmazlar zusammen. Für alle sei spürbar, dass sich die Konzentration auch während der Corona-Zwangspause stärker auf andere musikalische Projekte verlagert habe. Und: Auf halber Flamme weiterzumachen, „das hat das Ganze nicht verdient“, bekräftigt Alex Hüther.
Die Sache mit dem Brief
„Das Ganze“ – damit umschreibt der 64-Jährige eine ziemlich einzigartige Erfolgsgeschichte in der regionalen Musikszene: Eigene Songs, noch dazu auf Deutsch – nicht wenige haben Grabowsky mit diesem Konzept Mitte der 90er-Jahre ein schnelles Ende prophezeit. Dass genau diese Mischung aus eingängigem Rock und, sagen wir mal, lebensnahen Texten beim Publikum verfängt und über einen derart langen Zeitraum offenbar nicht an Reiz verliert – darüber staunen die Grabowskys einerseits, andererseits wissen sie auch genau, wo es herkommt. „Wir haben diese Rolle angenommen, verkörpert und nach außen getragen“, sagt Olli Herrmann.
Zwei Anekdoten dazu: Als Alex Hüther vor Jahren bei der Post einen Brief abholen wollte, habe der Schalterbeamte ihm erklärt, der könne wohl kaum für ihn gedacht sein, weil er an Hüther und nicht an Grabowsky adressiert sei. Die andere Geschichte: Nach einem Konzert im Irish House in Kaiserslautern erkundigte sich der Barkeeper bei den an der Theke versammelten Musikern, ob sie denn tatsächlich alle Grabowsky hießen. Solche Geschichten – wie auch die auf den Oberarm tätowierte Strophe eines Songtextes – gibt es unzählige.
Gemeinsam viel erlebt
Aber was bedeutet es, einer dieser fünf Köpfe zu sein, die so viel gemeinsam erlebt haben? Einerseits ein enormes Zusammengehörigkeitsgefühl zu erleben und andererseits auch eine Menge aushalten zu können, erklärt Sänger Christian Gass. Mit seinen 15 Jahren als Frontmann neben Herrmann sei er „die Aushilfe, die am längsten dabei ist“, sagt Gass. Seine beiden Vorgänger in dieser Rolle, Stefan Born und Willi Brausch, hätten jeweils „nur“ sieben Jahre geschafft. Beide werden übrigens – neben ein paar weiteren Gästen – auch am Strohhutfest-Freitag mit von der Partie sein.
Wie es wohl sein wird, zum vorerst letzten Mal auf die Rathausplatz-Bühne zu klettern? Ein Gänsehautmoment, bestimmt. Olli Herrmann schließt nicht aus, dass dabei die eine oder andere Träne verdrückt wird. Erhan Yilmazlar ist überzeugt, „dass es emotional wird“. Wenn die Band auftrete, „dann passiert viel auf der Bühne, aber noch mehr davor und danach“. Er sei sicher, „dass es krass wird, da oben zu stehen“, sagt Herrmann. Wegen der vielen Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Strohhutfest – von den ersten Auftritten im Juso-Zelt über die Auftritte in der August-Bebel-Straße bis hin zur zentralen Hauptbühne und dem festen Platz im Programm.
Auf keinen Fall musikmüde
Und was kommt nach dem Fest? „Wir werden alle auf den Bühnen irgendwo in der Pfalz wieder auftauchen“, kündigt Alex Hüther an. Er mit seiner Formation „M.A.D.S.“, Chris Gass als Drummer mit der Coverband „Revoc“, Erhan Yilmazlar mit der „Gitarrenkombo Vogelfrei“ und Olli Herrmann als „Dubbeglasbruder“. Bühnen- oder musikmüde fühle sich insofern keiner, betonen die Grabowskys. Nur Bassist Jürgen Hauser tritt aus beruflichen Gründen kürzer als vor der Pandemie.
Ob der Strohhutfest-Gig („Wir werden schon noch mal proben.“) mit dem inzwischen sprichwörtlichen Innenstadtbelastungstest tatsächlich der letzte der Band überhaupt sein wird, das lassen die Grabowskys offen. „Für die Entscheidung jetzt haben wir uns viel Zeit genommen“, erklärt Mastermind Hüther. Dafür spräche beispielsweise, dass es ein vorproduziertes Album mit neuem Material und weiteren zeitlosen Lebensweisheiten gibt. Eine solche hat auch Schlagzeuger Yilmazlar zur Zukunft der Kapelle parat: „Meistens fehlt Dir erst etwas, wenn Du es nicht mehr hast.“