Frankenthal
Grünes „Urgestein“ Rainer Schulze wird 70
Für den Naturschutz in Frankenthal müsste mehr getan werden, sagt Rainer Schulze. Das gelte umso mehr, als die Stadt nur über eine sehr begrenzte Fläche verfüge. Angesichts des aktuellen Drucks auf dem Wohnungsmarkt und der Debatte über die Neufassung des Flächennutzungsplans sei „zu befürchten, dass zusätzliche Flächen bebaut werden sollen und der Naturschutz dabei nur begrenzt berücksichtigt wird“.
Die „Fahrradfreundlichkeit“ der Stadt nennt der Grüne als weiteres Anliegen. Wenn Radwege ausgewiesen würden, dann müssten sie durchgängig befahrbar und in gutem Zustand sein. Ein problematisches Gegenbeispiel sei die Brücke über die B 9 bei Mörsch. Dass hier nach all den Diskussionen über Verkehrssicherheit noch eine gute Lösung gefunden wird, hofft er sehr. Wichtig sind Schulze auch soziale Themen. So engagierte er sich von 2002 bis 2009 als Patientenfürsprecher an der Stadtklinik. In der Flüchtlingsarbeit ist er bis heute aktiv: „Ich mache hauptsächlich Unterricht und Nachhilfe.“ Und wo Unterstützung im Alltag – etwa im Umgang mit Behörden – gefragt sei, gebe er Hilfestellung.
Was es heißt, „geborgen und zufrieden“ aufzuwachsen – das erlebte der junge Rainer Schulze, geborener Stuttgarter, in seiner Familie zusammen mit „zwei leiblichen Geschwistern und einem Pflegebruder“. Der Vater war Bankangestellter. „Religiös geprägt“ habe ihn die Mutter, eine ausgebildete Lehrerin, berichtet der Grüne. Vom ersten Berufswunsch, Priester zu werden, rückte der Jugendliche aber bald wieder ab. Angeregt von einem „genialen Biologielehrer“ studierte Schulze in Tübingen Biochemie, verbrachte als Stipendiat des Cusanus-Werks ein Jahr mit Studien in Liverpool und wechselte schließlich für den Abschluss seiner Doktorarbeit mit dem betreuenden Professor nach Düsseldorf.
Seit 1981 in der Pfalz
„Freiheitlich-liberal“ bis „unabhängig-links“: So umreißt Schulze seine anfängliche politische Grundhaltung bei Engagements an der Universität: in der Fachschaft, im Studentenparlament und später im Großen Senat der Uni Tübingen. Nicht weit entfernt liegt Wyhl: Bekannt wurde der Ort in den 70er-Jahren durch die Auseinandersetzungen um den geplanten Bau eines Atomkraftwerks. Schulze schloss sich dem Bund für Umweltschutz Tübingen an, der gegen das Vorhaben mobil machte.
1981 zog der Biochemiker in die Pfalz nach Frankenthal. Auch hier schloss er sich wieder einer Bürgerinitiative gegen Atomkraftwerke an; sie war als Antwort auf ein später aufgegebenes Kraftwerksprojekt der BASF entstanden. Zu den beruflichen Stationen des Grünen gehören unter anderem das Klinikum Mannheim, das Pharmaunternehmen Roche und eine Tätigkeit als Lehrer an der Waldorfschule Frankenthal. „Etwas zu wissenschaftlich“ sei sein Unterrichtsstil dort wohl gewesen, merkt er im Rückblick selbstkritisch an.
In 36 Jahren Stadtratsarbeit ab 1984, davon die ersten 15 Jahre als Fraktionsvorsitzender, erlebte Schulze, wie die anfangs als „Bürgerschreck“ verschrienen Grünen zu einem akzeptierten und mittlerweile mit sieben Sitzen auch beachtlich starken Partner in der kommunalpolitischen Arbeit wurden.
Vorübergehender Bruch
Konflikte blieben nicht aus. 1999 verließ Schulze vorübergehend die Partei – aus Protest gegen die deutsche militärische Beteiligung am Konflikt in Ex-Jugoslawien. Grünen-Grundsätze sind ihm nach wie vor wichtig. In der Kommunalpolitik aber, das hat er gelernt, lassen sich Fortschritte nur erzielen, wenn die Beteiligten ein gesundes Maß an Kompromissbereitschaft mitbringen. Er formuliert das mit einem Lächeln so: „Im Prinzip bin ich ein Prinzipienreiter. In der Praxis bin ich aber auch ein Pragmatiker.“
Grundsätzlich sei er entschlossen, seine Ratsarbeit mit Abschluss der laufenden Wahlperiode zu beenden, sagt Schulze. Allenfalls auf den „letzten oder vorletzten Platz“ der nächsten Kandidatenliste 2024 wäre er noch bereit zu gehen. Sollte „totaler Personalnotstand ausbrechen“ – dann, und nur dann, könne man über eine Platzierung weiter vorne reden.