Lambsheim
Gezeichnete Geschichten
Ernst Kaeshammer sitzt am Fenster mit Ausblick auf Lambsheimer Dächer, vor sich auf dem Tisch eine Arbeit. Er bevorzugt für seine mittleren und kleineren Formate Aquarellpapier. Mit dünnen Pinseln, Stiften, Faserschreiber, Aquarellstift, Kreide und Tusche hält er auch winzige Details fest. Die Farben sind nicht aufmerksamkeitsheischend, ordnen sich den Motiven unter. Und die haben es in sich. In jedem Bild kann der Betrachter auf Entdeckungsreise gehen. Seine Bilder sind beredt. Meist gibt es dabei nicht nur eine einzige Deutung, nur eine einzige Geschichte zu erfahren.
Sein Werk „Maskerade“ zum Beispiel zeigt ein Paar. Allein die Gestik verrät wohl, dass es knirscht. Die Masken erinnern an Gasmasken und ahmen Vogelschnäbel nach, die Figuren gleichen Maschinenkonstruktionen. Im Hintergrund ist ein Tunnel, das Mauerwerk bröckelt. Sie laufen auf einem Schwarz-Weiß-Mosaik, nach dem lateinischen Begriff für Mosaik (musivum) auch musivisches Pflaster genannt. Das wiederholt sich verzerrt an der Decke, wobei das Weiß teils zu Apricot wird. In der Esoterik bedeutet die Wiederholung „wie unten so oben“, dass die Gesetze des Himmels und der Erde gleich sind, unser Inneres Spiegel des Äußeren ist. Das Schwarz-Weiß-Muster, der Wechsel von hell und dunkel erinnert, dass auch das Leben nicht immer gleich ist, es gibt gute und schlechte Tage, Freude und Leid, Leben und Tod. Doch vielleicht zeugt die Arbeit auch nur davon, dass hier eine überbordende Phantasie den Stift lenkt und Phantastisches, Skurriles aufs Papier bringt?
Thema ist der Mensch
„Mein Thema ist die menschliche Figur, das Antlitz“, sagt der 73-jährige Kaeshammer. „Der Mensch fasziniert mich in all seinen Facetten, für mich ist der Mensch etwas Großartiges“ – und der Mensch ist in allen Arbeiten gegenwärtig. Auch wenn darin eben meist Doppeldeutiges mitschwingt.
Als Jugendlicher habe er naturnah gemalt, also fotorealistisch, beschreibt Kaeshammer seine Entwicklung. Er zeigt das Foto einer Schwarz-Weiß-Zeichnung. Es ist das Porträt eines Mannes und entstand in den 1970er-Jahren. Damals erlernte er den Beruf des Technischen Zeichners, eine Weile pausierte die Kunst, nur manchmal brach sich die Lust am Fabulieren mit dem Stift durch. Aus den 80ern stammt die Zeichnung eines Paares, dessen männlicher Part an die Star-Wars-Figur Darth Vader erinnert.
Werkstatt in Fußgönheim
1950 in der Schwarzwälder Kleinstadt Oppenau geboren, kam Ernst Kaeshammer mit 19 Jahren nach Mannheim, seit 1978 lebt er in der Pfalz. Beruflich setzte er sich mit der Konstruktion von Geigen auseinander – und wurde Geigenbauer. Er absolvierte Meisterkurse in Italien. Dort wurde aus Ernst „Ernesto“ – heute seine Signatur, die sich auf Bildern harmonisch einfügt. In seiner Werkstatt in Fußgönheim fertigt er Geigen, Bratschen, Celli und Lauten, die er kurz mit EK signiert. Übrigens: Als Musiker bildet er mit Paul Reinig das Duo Troubadoure, mit Nicola Polizzano das Duo inTon. Zum Repertoire der Musiker gehören alte Texte oder Gedichte, die Ernst Kaeshammer vertont.
An seinem Wohn- und Arbeitsort Fußgönheim hat sich Ernst Kaeshammer ehrenamtlich eingebracht, hat mitgeholfen, Ausstellungen im dortigen Schloss zu organisieren. „Da habe ich dann richtig Lust bekommen und vor ein paar Jahren wieder angefangen zu malen“, erzählt er. „Es hatte sich so viel angestaut bei mir, die Ideen sind nur so gesprudelt.“ Und diese Quelle ist wohl noch lange nicht versiegt.
Quereinsteiger und Autodidakt
Die Ursprungsidee verändere sich während des Arbeitsprozesses. Und der ist diffizil: Farbschicht um Farbschicht wird das Bild aufgebaut. Immer wieder unterbricht er eine Arbeit, setzt eine andere fort oder beginnt etwas Neues. „Es ist eine stete Zwiesprache zwischen dem Bild und mir“, erklärt er. Und „alles geht irgendwie ineinander über“: Instrumentenbau, Musik, Malerei.
„Ich bin ein allem Quereinsteiger und Autodidakt gewesen, mit der Musik und auch der Malerei“, sagt Ernst Kaeshammer. Seine Arbeiten scheinen wie eine Mixtur aus Konstruktivismus, Kubismus und Surrealismus. Doch letztlich ist es seine eigene, unverwechselbare Handschrift.
„Augen sind Weg zur Seele“
Den Arbeiten inne ist der Drang, etwas sagen zu wollen, Geschichten zu erzählen. Akribisch ergänzt er schmückende Ornamente: feine Striche werden zu Rechtecken, Sternen, Bögen, Kreisen oder Halbkreisen. Aber dann: Quadrate öffnen sich, verzweigen sich, werden zu Mündern, Augen, Gesichtern, zu Nebenschauplätzen. Man muss genau hinschauen, um alles zu entdecken.
Viel Wert legt Ernst Kaeshammer auf die Augen: „Sie sind der Weg zur Seele.“ Sie blicken bei ihm melancholisch, frech, offen, herausfordernd, ernst, traurig, distanziert. Aber vor allem, sie müssen den Betrachter anschauen. Bei „Weitsicht“ auf dem Umspannwerk in Lambsheim Ecke Maxdorfer/Fußgönheimer Straße sei er „gefühlt hundertmal“ vom Gerüst herabgestiegen, um zu prüfen, ob die Augen den Betrachter anschauen, egal, wo dieser sich auf dem Platz aufhält. Anfang Oktober hat Kaeshammer seine Arbeit der Gemeinde übergeben. Es ist sein Geschenk an die Lambsheimer Bürger, sein Beitrag für die Gemeinde als Turmmaler 2023.
Noch Fragen?
Ernst Kaeshammer lädt jeden Interessierten in das Turmatelier ein, auch zu Malkursen. Terminvereinbarung unter Telefon 06237 8928.