Frankenthal
Frankenthaler Sängerin Maram El Dsoki tritt jeden Freitag auf ihrem Balkon auf
Freitag, kurz vor 18 Uhr in einem Hinterhof am Konrad-Adenauer-Platz: Auf El Dsokis Balkon im ersten Stock stehen schon Lautsprecher und Mikro bereit. Vom Balkon rechts daneben späht eine ältere Dame herüber. Renate Schreiber zählt zu den Stammgästen der Konzerte. „Marams Musik geht mir da mitten rein“, sagt die schwerkranke Seniorin und zeigt auf ihr Herz. „Sie ist die beste Medizin.“ Heute werde sie die Treppe in den Garten wohl nicht schaffen, bedauert Schreiber. Doch mithilfe der Nachbarn sitzt die 68-Jährige dann doch im Garten – so wie jeden Freitag seit sechs Wochen. El Dsoki begrüßt die acht Fans, die mit dem erforderlichen Abstand auf Gartenstühlen und dem Rasen Platz genommen haben. „Hallo Mama“, sagt die Sängerin in die Kamera. Ihre Mutter Marwa wohnt in Kairo und verfolgt die Konzerte im fernen Frankenthal per Internet.
Bislang hat die Absolventin der Mannheimer Popakademie auf ihrem Balkon zu Musik aus der Konserve gesungen. Diesmal wird Emanuel Klapp sie am Keyboard begleiten. Der Hobbymusiker und Wirtschaftsstudent aus Schifferstadt quetscht sich auf dem engen Raum zwischen Mischpult und E-Piano. „Wir haben den Platz ausgemessen“, versichert El Dsoki. Der Abstand sei ausreichend. Nur ihrer Schäferhündin sind die Abstandsregeln schnuppe – Queen posiert majestätisch auf der Brüstung.
Pickende Hühner und Gartenkräuter
Den Auftakt gibt, passend zur lauschigen Abendstimmung, Bill Withers „Ain't No Sunshine“. In der Hinterhofidylle mit Trampolin, pickenden Hühnern und Gartenkräutern besingt die Musikerin mit ägyptischen Wurzeln die untergehende Sonne, die Wärme und Licht mitnimmt. „Ich singe diesen Song schon mein ganzes Leben und bin immer wieder nervös“, sagt El Dsoki, als sie „Killing Me Softly“ von den Fugees ankündigt. Als Klapp auf dem Keyboard die ersten Töne anstimmt, ist der jungen Frau mit der locker hochgesteckten schwarzen Mähne keine Nervosität anzumerken. Ihre tiefe und kräftige Stimme dringt bis zur Konrad-Linck- und Karl-Marx-Straße durch, wo einige Zaungäste durch die Sträucher spähen. Die Zuhörer im Garten summen den Refrain mit.
Bei „Hit The Road, Jack“ von Ray Charles hält es Familie Görges nicht mehr auf den Stühlen. Papa Dennis und Mama Annika tanzen mit ihrer elf Monate alten Tochter Ella. Dennis Görges erzählt, wie er auf die Balkonkonzerte aufmerksam geworden ist: „Vor ein paar Wochen hörten wir plötzlich coole Musik. Ich dachte damals: Wer hört in Lauterecken bloß so laute Musik?“ Der Familienvater machte sich auf, um die Quelle der poppigen Töne zu finden und lauschte dem letzten Song der Setlist. Seither sind die Görges immer pünktlich, wenn Maram El Dsoki ihren Balkon betritt.
Emotionale Momente
Emotional wird es, als die Sängerin Whitney Houstons „One Moment In Time“ anstimmt. Den Hit von 1988 hat sich Renate Schreiber gewünscht. „Ich zittere immer, wenn ich den Song singe. Ich hoffe, du hast ihn dir so vorgestellt?“, fragt El Dsoki. Die Seniorin nickt und wischt sich verstohlen über die feuchten Wangen. Sie genießt den kleinen Glücksmoment, in dem es das Schicksal gut meint und Träume greifbar werden.
Nach einer halben Stunde verneigt sich El Dsoki so, wie sie es vor Corona in vollen Sälen tat. „Einen noch“, bittet Schreiber, und das Duo gibt mit „Man In The Mirror“ von Michael Jackson bereitwillig eine Zugabe. Die Botschaft des Lieds liegt der Sängerin am Herzen: Um die Welt zu verändern, sollte man bei sich selbst beginnen. Nach den letzten Takten lautet El Dsokis bewegter Appell: „Die Menschen sind in der Corona-Krise verantwortlich füreinander. Schaut in euren Spiegel, bevor ihr andere anmeckert. Wenn wir das alle machen, wird wie in einem Puzzle alles wieder zusammenpassen.“
Mehr als 60 eigene Songs
Die Pandemie war es auch, die El Dsoki auf die Idee der Balkonkonzerte gebracht hat, wie die Sängerin im Gespräch mit der RHEINPFALZ verrät. „Ich hatte plötzlich keine Auftritte mehr. Außerdem bekam ich eine Sehnenscheidenentzündung und konnte nicht mal mehr Klavier spielen“, berichtet die 25-Jährige, die auf der Bühne bekannte Hits covert, aber auch bereits mehr als 60 eigene Songs in der Schublade hat. Eigentlich hatte El Dsoki gehofft, in diesem Jahr den Durchbruch zu schaffen. Doch dann kam ihr Corona dazwischen.
Ihr erstes Konzert vom Balkon aus brachte ihr den Kontakt zum Publikum zurück, den sie so vermisst hatte. Die Auftritte will die Sängerin so lange fortsetzen, „bis sich die Menschen nicht mehr durch das Virus eingesperrt fühlen“. Maram El Dsoki hat auch wieder ein Projekt: Demnächst will sie im Kulturzentrum Gleis 4 ein Musikvideo zu ihrem Song „Stand By That“ drehen. Für sie und ihre Karriere wäre das ein erster Schritt zurück zur Normalität.
Zur Person: Maram El Dsoki