Frankenthal
Frankenthal: Lerncafé soll bekannter werden
Seit Mitte Oktober bietet das Mehrgenerationenhaus (MGH) in Frankenthal immer dienstags ein Lerncafé für Menschen an, die Probleme mit Rechtschreibung, Lesen oder dem Rechnen haben. Bisher haben nur wenige die Unterstützung genutzt. Dennoch glauben die Verantwortlichen, dass es dafür Bedarf gibt.
„Wir müssen einfach einen langen Atem beweisen“, sagt Doris Besel, Leiterin des Mehrgenerationenhauses, über die bislang spärlichen Besucherzahlen. An den ersten beiden Terminen sei nur eine einzige Person zum kostenlosen Lernangebot in den Offenen Treff des MGH gekommen – immerhin zweimal, das sei ja schon eine gute Nachricht, glaubt Besel. „Wir haben uns darauf eingestellt, dass es etwas dauern wird, bis das Angebot gut angenommen wird“, sagt sie. Enttäuscht sei man nicht. Im Gegenteil: „Wir glauben fest, dass mit viel Mundpropaganda in Kitas, Schulen und Behörden in Zukunft viele Menschen kommen werden.“
15 Prozent der Erwerbstätige Anaplhabeten
Kommen sollen ins Lerncafé vor allem diejenigen, die mit ihrer Muttersprache Deutsch Probleme haben. Wer als Zweitsprache gut Deutsch spreche, sei aber ebenfalls willkommen, sagt Besel. Betroffen seien von der Lese-, Rechen- oder Schreibschwäche nämlich viele: „Rund 15 Prozent aller Erwerbstätigen sind funktionale Analphabeten“, zitiert Besel die Statistik. Die Betroffenen können beim Lesen und Schreiben aus einzelnen Buchstaben keine Wörter oder Sätze bilden und verstehen deren Sinn auch nicht. Das betrifft laut Besel zwar mehr Ältere als Junge, die Ursache finde sich aber meist schon in jungen Jahren: durch viele Schulwechsel, ein Lern- oder Schultrauma oder körperliche Beeinträchtigungen. Für Menschen mit diesen Problemen soll das Lerncafé eine erste Anlaufstelle sein.
Nachhaltige Lernberatung
Neben konkreter Hilfe beim Ausfüllen von Formularen bietet die Germanistin Andrea Fahrner-Gans dort auch eine langfristig gedachte Lernberatung an. „Wir wollen unsere Unterstützung nachhaltiger gestalten und die Menschen an weiterführende Lernangebote, beispielsweise in die Volkshochschule, vermitteln“, erklärt sie. Das Lerncafé soll als Schnittstelle zwischen den Menschen und anderen Institutionen und Bildungsträgern fungieren. „Das Lerncafé ist kein Kurs, zu dem man sich anmelden muss“, erläutert Fahrner-Gans das Konzept. „Man kann es auch einmalig nutzen, zum Beispiel, um eine Bewerbung zu schreiben.“ Bis zu 15.000 Euro Zuschuss hat das MGH für die neuen Aufgaben im Grundbildungsbereich zusätzlich beim Bund für das Jahr 2018 beantragt.
Gute Ausstattung im Lerncafé
Fahrner-Gans ist im MGH kein neues Gesicht: Die Romanistin und Germanistin lebt seit 1992 in Frankenthal und hat auch vor dem Lerncafé schon unterrichtet. Rund eineinhalb Jahre hat sie in der Eins-zu-Eins-Betreuung im MGH gearbeitet, noch heute ist sie dort Lernpatin. Für ihre Rolle als erste Ansprechpartnerin im Lerncafé hat sie zwei berufsqualifizierende Fortbildungen gemacht. „Es kann schon sein, dass mal niemand ins Café kommt“ sagt Fahrner-Gans. Für die Probleme und Anliegen derjenigen, die aber kommen, sei sie mit Stiften, Lehrbüchern, Holzbuchstaben und –ziffern gut ausgestattet. „Viele Lehrbücher sind für Kinder gemacht“, sagt sie. Da sei es wichtig, Methoden zu finden, bei denen sich Erwachsene ernst genommen fühlen. Ende des Jahres soll dann auch die Internetverbindung im Offenen Treff funktionieren und den Besuchern so Zugriff auf ein Lernportal im Netz ermöglichen.
Schwerpunkt in Frankenthal bei Integration
Finanziert wird das MGH bereits seit elf Jahren größtenteils aus Bundesmitteln – aktuell in Höhe von jährlich rund 30.000 Euro, plus rund 10.000 Euro von der Stadt. Es ist eines von rund 530 MGH deutschlandweit. Ein Schwerpunkt der Arbeit des Frankenthaler Hauses liegt auf dem Thema Integration. Die Förderung der Lese- und Schreibkompetenz ist im vergangenen Jahr hinzugekommen, auch in den anderen MGH laufen Alphabetisierungskampagnen. „So einen Sonderschwerpunkt kann man individuell gestalten, zum Beispiel mit Nähkursen oder Ausstellungen. Uns war es aber wichtig, das Lernen in den Vordergrund zu stellen“, erklärt Besel die Einrichtung des Lerncafés. Damit künftig mehr Besucher das kostenlose Angebot nutzen, will das MGH das Lerncafé bekannter machen. „Wir wollen ans Jobcenter, die Behörden, Schulen und Kitas gehen“, erklärt Besel die nächsten Schritte. Auch die Kooperation mit Personalabteilungen von ortsansässigen Unternehmen soll ausgebaut werden. „Wir brauchen Menschen, die unser Angebot bei denen, denen es helfen könnte, publik machen“, sagt sie und wisse: „Der Schritt hierher ist nicht leicht, weil es sich wie ein Outing anfühlt. Das braucht Zeit.“
Kontakt
Lerncafé im Offenen Treff des Mehrgenerationenhauses, immer dienstags, 9.30 bis 11 Uhr, Mahlastraße 35. Eine Anmeldung ist nicht notwendig. Infos unter Telefon 06233 3558911 und per E-Mail an lerncafe_frankenthal@gmx.de.