Frankenthal
Frankenthal: Kfz-Meister Wolfgang Bast ist Bastler und Bassist
Goldener Boden (9): Dass Handwerk goldenen Boden hat, ist ein altes Sprichwort. In unserer Serie fragen wir nach, ob das heute noch stimmt. 597 Handwerksunternehmen gibt es laut dem Abteilungsleiter des Dienstleistungszentrums Kreishandwerkerschaft Vorderpfalz, Christian Mohr, aktuell in Frankenthal. Diese sind in 17 Gewerken, also Handwerksberufen, tätig. Wir stellen ausgewählte Handwerker vor und berichten, wie sie sich im Zeitalter von Dienstleistung und Digitalisierung in unserer Stadt behaupten.
„Haben wir eine Homepage?“ Die blonde Frau am PC schüttelt den Kopf. In der Kfz-Werkstatt von Wolfgang und Stefanie Bast ticken die Uhren anders. Im Internet ist die kleine freie Werkstatt nicht mit einer eigenen Seite zu finden. Und was der Bastler repariert, sind meist Franzosen älteren Baujahrs.
„Internet brauchen wir nicht, wir werden trotzdem gefunden. Das läuft bei uns über Mundpropaganda“, sagt Stefanie Bast. „Habt ihr schon die Rechnung gemacht?“, fragt eine Kundin. Wolfgang Bast verneint, schnappt sich einen Ordner und blättert darin. Im Kopf rechnet er die Posten zusammen, rundet den Betrag ab und bekommt das Geld von der erfreuten Kundin in bar. Eine Seniorin erscheint im Büro: „Mein Seitenspiegel ist locker. Und: Kannst du den Ölstand checken?“ Die Bitte der Dame hat Vorfahrt vor laufenden Aufträgen. Schon nach wenigen Minuten braust sie mit ihrem Wagen vom Hof.
Auf dem Hof der Werkstatt in der Schraderstraße stehen auffällig viele Citroën älterer Baureihen – GS, CX, BX, XM – dazwischen einige „Enten“ aus den 1980-ern, deren Karosserien liebevoll mit Bildern der Wasservögel illustriert sind. „Die alten Franzosen hatten noch tolle Federungen – komfortabel und sicher“, schwärmt Bast. Am liebsten werkelt er im Innenleben der „Enten“. Den 2 CV, so die offizielle Typenbezeichnung, kennt er in- und auswendig: „Da brauch’ ich nicht lange nachdenken, die krieg’ ich mit meinem Bauchgefühl wieder flott.“
„Die Alten sind mir lieber“
„Ich repariere zwar alle gängigen Modelle“, sagt der 55-jährige Ur-Frankenthaler. „Aber lieber sind mir die Alten, die fahren 20 Jahre und mehr.“ Moderne Autos würden schneller verschleißen, nach sieben Jahren auf der Straße sei oft schon Schluss. „Bei dem ist das Automatikgetriebe im Eimer, da lohnt sich die Reparatur schon nicht mehr“, weist Bast auf einen Kombi Baujahr 2012. „Und ein neues Bremslicht baue ich bei alten Autos mit ein paar Handgriffen ein. Bei den modernen muss gleich eine neue Platine her. Da frag’ ich mich: Wo bleibt hier die Nachhaltigkeit?“ An Elektroautos hat Bast sich noch nicht versucht. „Das wird aber kommen, wenn es genug E-Tankstellen gibt, man muss schließlich mit der Zeit gehen.“
Bast selber fährt einen windschnittigen Citroën XM – der noch nicht 30 Jahre alt und damit ein Youngtimer ist. Damit befindet er sich in guter Gesellschaft: Die früheren französischen Staatspräsidenten François Mitterrand und Jacques Chirac nutzten Fahrzeuge der Baureihe als Staatskarosse. Für die Oldtimer, die über drei Jahrzehnte auf dem Buckel haben und damit das H-Kennzeichen tragen, gibt es in Basts Werkstatt einen separaten Raum. Hier hat er gerade einen Fiat Spider in Arbeit, die Karosserie des schmucken Sportwagens ist angerostet.
Hochsaison für Winterreifen
Im Hauptraum herrscht am Reifenmontierer Hochbetrieb. Zurzeit sind Basts drei Gesellen hauptsächlich mit Reifentausch beschäftigt. Jetzt im Herbst ist Hochsaison für Winterreifen. Neben dem klassischen Handwerkszeug wie Schraubenschlüssel und Hebebühne findet sich hier ein Fön. „Der ist super, um Aufkleber von der Karosserie zu entfernen“, verrät der Meister.
Stolz ist Bast auf sein historisches Ölkabinett, das an einen alten Kühlschrank erinnert. Der eiserne Schrank zum Aufbewahren von Motorölen ist so alt wie er selber und war schon 1957 im Einsatz, als Basts Vater Karl die Werkstatt eröffnete. Dieser stand zuletzt mit Hyundai unter Vertrag, verkaufte also auch Neuwagen. Der Sohn mag sich nicht an einen Hersteller vertraglich binden und führt seit 1998 das Unternehmen als freie Werkstatt weiter: „Ich will den Leuten nichts aufschwatzen und ehrlich schaffen.“
Werkstatt wird zur Bühne
Vor dem Büro steht das Heck eines Citroën Xantia. Anstelle eines Nummernschildes weist ein Pfeil zum Eingang, die Heckscheibe ziert ein Aufkleber mit der Aufschrift „Ikarus“. Mit den Omnibussen des ungarischen Busherstellers Ikarus hat der aber nichts zu tun – im Keller der Werkstatt trifft sich die Rockband Ikarus zum Proben. Bast ist Gründungsmitlied und Bassist.
Ein- bis zweimal im Jahr verwandelt er die Werkstatt in eine Konzerthalle und lädt seine Freunde zu einem Rockabend ein. „Das ist immer eine gute Gelegenheit aufzuräumen“, meint er schmunzelnd und verschwindet für eine Zigarettenlänge im Garten hinter der Werkstatt, wo eine Schar gackernder Hühner Dorfidylle verbreitet. Gelegentlich kommt das Federvieh, das auf dem früheren Sportplatz nebenan pickt, rüber und hat den Basts auch schon ein paar Eier dagelassen.