Frankenthal Ein Feld voller Fangpflanzen
Es sieht wie eine Fläche aus, auf der alles Mögliche durcheinander wächst. Tatsächlich: Ernten will der Bobenheim-Roxheimer Landwirt Rainer Knies auf diesem Feld nichts. Aber was dort hinter seiner Zwiebelhalle wächst, hat durchaus seine Berechtigung. Es sind sogenannte Fangpflanzen, die für die Gründüngung wichtig sind und den Stadtwerken Frankenthal im Notfall helfen könnten, den Nitratgehalt im Trinkwasser niedrig zu halten.
Seit über 30 Jahren führt Rainer Knies den Familienbetrieb in Bobenheim-Roxheim. Auf über 100 Hektar Fläche baut er nach eigenen Angaben Zwiebeln, Frosta-Gemüse wie Spinat, Petersilie, Dill und Kresse sowie Getreide an. 2007 wurde ein Teil des Betriebs auf Bioanbau umgestellt. „Und der wird jedes Jahr größer. Es ist fast schon mehr als der konventionelle Anbau“, sagt Knies. Beim Bioanbau kommen die Fangpflanzen ins Spiel. Denn bevor ein Feld auf Bio umgestellt werden darf, muss es zwei Jahre lang brach liegen. Aber natürlich wächst in der Zeit trotzdem etwas auf dem Boden. Ihren Namen verdanken die Fangpflanzen ihrer Eigenschaft, Stickstoff zu binden, also einzufangen. „Die Pflanzen brauchen Stickstoff als Nahrung“, erklärt Rainer Knies. Als Fangpflanzen nutzt er vor allem Ölrettich, Phacelia und Erbsen. „Wichtig ist, dass die Pflanzen schnell wachsen. Die Blätter müssen schnell den Boden bedecken, damit kein Unkraut keimt“, erklärt Rainer Knies. Ein weiterer Vorteil: Die Wurzeln der Fangpflanzen, die der Landwirt verwendet, können 80 bis 150 Zentimeter tief ins Erdreich wachsen. „Dadurch bereiten sie den Boden auf, machen ihn locker und krümelig.“ Zum Beweis sticht Knies mit dem Spaten einen Brocken Erde heraus. Man sieht die feinen Wurzeln, die das Erdreich durchziehen. Und der Grund zerbröselt in seiner Hand. „Ohne die Wurzeln wäre die Erde jetzt fest. Aber so ist es richtig. So will man’s haben.“ Der Ölrettich bekämpft im Boden zusätzlich noch schädliche Nematoden (Fadenwürmer). Und noch jemand freut sich über die Gründüngung hinter der Zwiebelhalle von Rainer Knies: Bienen und andere Insekten. Doch zurück zum eigentlichen Zweck der Pflanzen, dem Entzug von Stickstoff. „Wenn ein Landwirt gedüngt hat, ist nach der Ernte noch Restnitrat im Boden“, erklärt Christoph Bauer, Bereichsleiter Technik bei den Stadtwerken. Nach der Ernte werde ein Feld nicht gleich wieder bestellt. „Damit das restliche Nitrat nicht in tiefere Erdschichten gelangt, wird eine Zwischenfrucht angebaut, die Nitrat speichert. Sie wird untergemacht und dient der nächsten Frucht als Dünger.“ Die Wasserversorger wollen die Belastung des Grundwassers mit Stickstoff so gering wie möglich halten. Stickstoff, so informiert das Umweltbundesamt (UBA), ist zunächst als Bestandteil von Ammonium an die Erdpartikel gebunden. Mikroorganismen im Boden wandeln es mit der Zeit in Nitrat um. Nitrat ist auch in Düngemitteln enthalten, die die Landwirte auf ihren Feldern ausbringen. Bei starken Niederschlägen oder durch Beregnung kann das Nitrat ins Grundwasser gelangen. In der Europäischen Union gilt seit 1991 der einheitliche Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter Grund- und Trinkwasser. Warum ein Grenzwert sinnvoll ist, erklärt Patrick Heringer, Sachgebietsleiter in der Trinkwasser- und Erdgasversorgung bei den Stadtwerken Frankenthal: „Nitrat kann als Folge natürlicher chemischer Prozesse zu Nitrit umgewandelt werden. Eine Beeinflussung des Sauerstofftransports im Blut ist denkbar.“ Die Stadtwerke Frankenthal versorgen laut Heringer ihre Kunden mit Trinkwasser, das aus Grundwasserleitern des zweiten oder dritten Stockwerks in Tiefen von bis zu 250 Metern entnommen wird. Diese seien durch die dazwischen liegenden Gesteinsschichten voneinander getrennt. Die Folge sei, dass das Trinkwasser der Stadtwerke Frankenthal den Grenzwert nachweisbar deutlich unterschreite. Die Fangpflanzen sind deshalb für die Qualität des Wassers der Frankenthaler Stadtwerke noch von geringer Bedeutung. Allerdings, sagt Christoph Bauer, könne es mal passieren, dass der Boden mit Nitrat übersättigt wird. Es könnte in tiefere Erdschichten und in den Grundwasserspeicher gelangen, den der Versorger anzapft. Seit 2017 kooperieren einige Landwirte wie Rainer Knies mit den Stadtwerken Frankenthal. 20 Bauern mit insgesamt 356 Hektar Bodenfläche waren laut Stadtwerke beim Startschuss des Projekts dabei. Dem Frankenthaler Versorger liegt vor allem daran, dass der Nitrathaushalt in den ersten 60 Zentimetern des Erdreichs optimiert wird, erklärt Christoph Bauer. Daher unterstütze man die Landwirte, indem man ihre Messungen finanziere, mit denen sie erkennen, wie viel Dünger noch im Boden steckt. Dafür haben die Stadtwerke laut Bauer ein Budget von 50.000 Euro im Jahr. 80 Prozent davon bekommen sie als Fördermittel vom Land wieder, sodass unterm Strich ein mittlerer vierstelliger Kostenbetrag am Unternehmen hängen bleibt, wie Bauer erläutert. Im Frühjahr oder im Herbst werden die Fangpflanzen ausgebracht. „Sonst verpufft der Effekt mit der Durchwurzelung“, sagt Rainer Knies. Wenn zum Beispiel im April der Winterspinat geerntet wird, kommen gleich darauf die Fangpflanzen rein. Wenn sie ausgewachsen sind, werden sie untergepflügt, damit die Nährstoffe wieder in den Boden und der nächsten Kulturpflanze zugute kommen. „Je früher die Fangpflanzen ausgesät werden, desto besser. Dann können sie noch Restfeuchtigkeit vom Winter aufnehmen“, erklärt Rainer Knies. Im Sommer sei es hierzulande zu trocken.