Bobenheim-Roxheim
Duo Malischke/Ross: Samtstimme trifft Saitenhexer
„Mein Ziel ist es, Musik zu machen, bei der man wirklich hinhören muss“, bekannte Gitarristin Jule Malischke. Und sie bedauerte: „Viele Menschen nehmen sich nicht die Zeit dafür.“ In ihrem groovenden Song „Goodbye Illusion“, zu dem es ein professionell gedrehtes Musikvideo gibt, setzt sich die in Dresden lebende Singer-Songwriterin lyrisch mit der Tatsache auseinander, dass man gelegentlich unsanft aus schönen Tagträumen erwacht, die einer rosaroten Brille gleichen, und man sich dann der harten Realität stellen muss.
Gemeinsam mit dem kanadischen Gitarristen Don Ross, der für seine besondere Fingertechnik bekannt ist, trat Jule Malischke in der protestantischen Kirche in Bobenheim-Roxheim auf, in einem voll besetzten Gotteshaus wie an Heiligabend. Wegen der brütenden Sommerhitze lief das minimalistische Akustikkonzert, das fast ganz auf Effekte verzichtete und sich dem Wesenskern der Kompositionen widmete, bei offener Kirchentür.
Lokalmatador Björn Mester als Anheizer
Im Vorprogramm der Akustikshow musizierte der Liedermacher Björn Mester aus Frankenthal, der stilistisch in eine ähnliche Kerbe schlägt wie Jule Malischke und Don Ross. Voller Konzentration beugte sich Mester, der früher in der Unterhaltungscombo „Yellow Schaf“ spielte, über sein Saiteninstrument, um Songs anzustimmen wie „Aus der Ferne“ und „Marktplatz im Sommerwind“. Textlich beschäftigt sich der Gitarrist mit dem Thema Eskapismus. Der Begriff beschreibt das Phänomen, dass sich Menschen in die Welt der Fantasie flüchten, um dem rauen Alltag zu entkommen. Als Auszeit von den Sorgen sozusagen.
Aus Dur-getränkten Klängen setzte sich die Nummer „Träne der Freude“ zusammen, mit der der Saitenvirtuose Mester auszudrücken versucht, dass Freude und Leid häufig nahe beieinanderliegen. „Wie der Friedhof neben der protestantischen Kirche liegt“, nahm der Gitarrist eine Metapher zu Hilfe. Aufmerksame Stille herrschte in dem drängend vollen Gotteshaus, als Mester in seine sechs Saiten griff.
Von Birmingham nach Bobenheim-Roxheim
Vor einer Woche gastierte das Gitarren-Duo Malischke/Ross in Birmingham. In jener englischen Arbeiterstadt also, aus der viele berühmte Rockstars stammen, zum Beispiel Ozzy Osbourne, Steve Winwood und Jeff Lynne. Aus dem kühlen Birmingham brachte Jule Malischke eine Erkältung mit. Im August wird das Zweigespann dann für eine Tournee nach Kanada reisen, das Heimatland von Saitenhexer Don Ross, der in der Nähe von Halifax in Neuschottland wohnt.
In Bobenheim-Roxheim loteten Jule Malischke, deren Nachname schlesischen Ursprungs ist, und Don Ross das gesamte Klangspektrum ihrer akustischen Gitarren aus. Dabei brachten die beiden Gitarristen beseelte Songs zu Gehör wie „Seagull“. Es ist der Titelsong des neuen Albums von Songschreiberin Malischke, die als Dozentin an der Musikhochschule in Dresden unterrichtet, sich jedoch erst mal ein Sabbatjahr gönnt, um häufiger live auf der Bühne spielen zu können. „Ich fühle mich wie auf dem roten Teppich bei MTV Unplugged“, sagte die Gitarristin, die mit einem samtigen Timbre singt, über Atmosphäre und Komfort in der protestantischen Kirche.
Heavy Metal umgeformt
Von der aus dem Radio bekannten Rockband Biffy Clyro interpretierte Don Ross, der als Künstler bereits ferne Länder wie Australien und China bereiste, den Song „Black Chandelier“. Dadurch formte er aus Heavy Metal ein sanftes Liedermacherstück. „Meine Gitarren haben alle Namen, diese heißt Paul und ist eine Nylon-Bariton-Gitarre, die eine Quinte tiefer gestimmt ist“, führte Jule Malischke ein. Darüber hinaus spielte das Duo weitere Songs wie die Eigenkomposition „Noah“, „If“ von Ralph Towner, das selbst geschriebene Lied „Free your mind“, „Pacing the Cage“ von Bruce Cockburn und „Song for Jojo“ von Grégory Privat.