Boxen
Deutsche Meisterin Asya Ari: Der Ring ist mein Gebiet
Zu ihrer großen Leidenschaft kam Asya Ari eher zufällig. „Ich hatte eigentlich nie wirklich Interesse an Kampfsport“, sagt die 17-Jährige. Bis einige Klassenkameraden sie vor drei Jahren zum 1. Boxclub Frankenthal mitnahmen. „Da habe ich gemerkt, das ist eine Sache, da will ich aktiv sein.“ Seit ihrem ersten Wettkampf 2019 hat sie sich voll und ganz dem Leistungssport verschrieben. „Die Disziplin, der Ehrgeiz, das drillt mich richtig.“ Mittlerweile verbringt sie fast jeden Abend in der Boxhalle. „Ihr Fleiß ist ihre stärkste Charaktereigenschaft“, sagt ihr Trainer Andreas Riedel. „Man muss sie manchmal in ihrem Ehrgeiz bremsen.“
Von den neun Kämpfen in ihrer bisherigen Laufbahn hat Ari acht gewonnen, einer ging unentschieden aus. Die Corona-Pause hat sie genutzt, um gezielt an ihrer Athletik zu arbeiten. Als der erste Lockdown kam, war sie gerade dabei, sich auf die deutsche U17-Meisterschaft vorzubereiten, die dann abgesagt wurde. „Anderthalb Jahre ohne Wettkampf, das ist eigentlich eine Katastrophe“, sagt Riedel.
Überraschender Titel
Der erste seit Langem war vor Kurzem die deutsche U19-Meisterschaft im nordrhein-westfälischen Velbert – „zum Reinschnuppern“, wie ihr Trainer sagt. Eigentlicher Saisonhöhepunkt sollten die Titelkämpfe in der Altersklasse U18 im November sein, wo Ari zum älteren Jahrgang gehört. In Velbert sollte sie erst mal die Abläufe auf einem großen Turnier kennenlernen: jeden Tag auf die Waage und zum Arzt, danach entweder Training oder ein Kampf. „Die Goldmedaille war dann überraschend“, sagt Andreas Riedel. Wobei er auch einräumen muss: „Bei den Frauen ist das Niveau auch durch Corona ziemlich gemischt.“ So hatte Ari nur eine Konkurrentin in der Gewichtsklasse unter 57 Kilogramm. „Ich hätte eigentlich gerne zwei-, dreimal gekämpft“, sagt sie.
In den Sommerferien hatte sie sich intensiv auf den Kampf vorbereitet. Sie war mit verschiedenen Sparringspartnern im Ring, die jeweils unterschiedliche Strategien und körperliche Voraussetzungen mitbrachten. Die stärkste ihrer Trainingspartnerinnen schaffte es später bei der U17-Europameisterschaft ins Finale.
Riedel war sich danach sicher: „Auch wenn sie verlieren sollte – sie kann mithalten.“ Die harte Vorbereitung hat jedenfalls ausgereicht, um sich Selbstvertrauen zu erarbeiten. „Wenn ich in den Ring gehe, ist das mein Gebiet, und die Gegnerin ist nur da, damit ich meine Show abziehen kann“, sagt Ari selbstbewusst. Aufgeregt war sie trotzdem, erzählt sie: „Es ergibt ja keinen Sinn, wenn man nicht denkt: ,Oh mein Gott, dafür habe ich trainiert’. Aber wenn ich vor dem Kampf Angst habe, kann ich gleich aufhören.“
Als Küken im Internat
Seit September 2019 trainiert Ari auch im Teilzeitinternat am Olympiastützpunkt Heidelberg mit anderen Talenten aus ganz Süddeutschland. „Da bin ich noch das Küken“, sagt sie. Die meisten anderen hätten mehr Wettkampferfahrung. „Aber das sind Leute, mit denen ich mich messen will.“ Mehrmals im Jahr verbringt sie je ein bis zwei Wochen am Stützpunkt, trainiert dort dreimal täglich und erledigt ihre Schulaufgaben. Die Schulleitung des Albert-Einstein-Gymnasiums, wo sie die elfte Klasse besucht, unterstützt sie dabei, solange die Noten gut sind. Nach dem Abitur will sie Kriminologie studieren.
Auch ihre Eltern unterstützen sie, solange sie Boxen und Schule unter einen Hut bringt. „Am Anfang waren sie eher skeptisch, dass ich Kampfsport mache und mit Männern in einer Trainingsgruppe bin“, erzählt Ari. Nach einem Gespräch mit den Trainern hätten sie aber eingesehen, dass ihre Tochter diese Sportart ernsthaft verfolgen will. „Jetzt kann ich mich komplett auf meine Eltern verlassen“, sagt sie.
Eltern via Livestream dabei
Auf Wettkämpfen hat sie ihre Familie aber trotzdem lieber nicht dabei. „Ich will vor dem Kampf mit niemandem reden, außer mit meinem Trainer. Ich glaube, mein Vater würde manchmal gern in den Ring springen“, berichtet Ari. Trotzdem hätten die Eltern bei der deutschen Meisterschaft fünf Stunden Fahrt inklusive Stau auf sich genommen, um den Kampf vor der Halle im Livestream auf dem Handy zu verfolgen und danach gemeinsam den Titel zu feiern.
Nach einer Regenerationsphase steht schon bald wieder die Vorbereitung für die U18-Meisterschaft an. Und auch darüber hinaus setzt sich die Athletin große Ziele: „Ich will irgendwann auch Deutschland repräsentieren“, sagt sie. Auch eine Karriere als Profiboxerin schließe sie nicht aus. „Wenn sie dieses Jahr noch die U18- und nächstes Jahr die U19-DM gewinnt, wird ein Bundestrainer nicht an ihr vorbeikommen“, ist Riedel überzeugt. Trotzdem gelte aber: ein Schritt nach dem anderen.