Frankenthal Der Zeit beim Vergehen zusehen

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Der Video-Künstler Björn Drenkwitz hat sich ein Thema zu eigen gemacht, das in der bildenden Kunst als nur schwer darstellbar gilt: das Vergehen von Zeit. „As Time Goes By“ ist der Titel seiner Ausstellung im Kunstverein Ludwigshafen. Sie verlangt in ästhetisch attraktiver Form eine andere Art von Kunstrezeption als die bloße Betrachtung.

Das Hauptwerk ist die raumhohe Projektion mehrerer Videos nacheinander. Sie sind zwei bis zehn Minuten lang; kurz genug, um Langsamkeit zu ertragen, lang genug, um sie auszuloten. Es macht Spaß, sie mit- und weiterzudenken. Im Zentrum von Drenkwitz’ Untersuchungen steht das menschliche Gesicht. Auf ihm sind überschaubare Zeitabläufe abzulesen, etwa das Vorher und Nachher einer Premiere. Mit Gesichtern hat der Frankfurter, der in Mainz und Köln Medienkunst studiert hat, 2011 den Emy-Roeder-Preis gewonnen. Da ist ein männlicher Torso mit ausgestrecktem Arm wie eine antike Statue. In der Hand liegt eine Feder. Sieben Minuten lang schafft es der Mann, den Arm waagerecht zu halten. Man verfolgt die wachsende Anspannung der Muskulatur, bis der Arm herabsinkt. Oder Kopf und Schultern einer Sportlerin auf dem Laufband. Im Laufen zitiert sie aus Heidegger. Um den kraftzehrenden Widerspruch sichtbar zu machen, hätte Björn Drenkwitz irgendeinen Text nehmen können. Er wählt jedoch bedeutende Texte, denn es geht ihm um Grundsätzliches. Er habe festgestellt, dass viele Songtexte mit „Don’t“ beginnen und hundert davon ausgewählt, erklärt Drenkwitz zur Sequenz „100 Songtitel“. Die Aufforderung, dies, das oder jenes nicht zu tun, schmettert ein auftrittsfein gekleideter Sänger in Stimmungen von Opernarien; lyrisch sanft, bittend, kraftvoll, heldisch, autoritär, zuckersüß, martialisch... Drenkwitz arbeitet mit Künstlern. Was er sich ausgedacht hat, führen sie aus. Er ist der Regisseur einer Performance, die in der Zeit abläuft. Auch Lessing hat über die Zeit in bildender Kunst und Poesie nachgedacht. Kant hat die Musik zur apriorischen Kunst der Zeit erklärt. Für John Cage, der in einer kleinformatigen Arbeit vorkommt, ist jeder Laut innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens Musik, einschließlich der Stille. Die Frage nach der Zeit hat also Tradition. Björn Drenkwitz, der primär Konzeptkünstler ist, bedient sich in seinen Versuchsanordnungen zeitgenössischer medialer Techniken, um erkennbar und erlebbar zu machen, wie Zeit auf den Menschen einwirkt. Dazu weiter in der Großprojektion. Ein Stillleben, das im Stil niederländischer Barockmalerei mit Blumenvase, Weinglas, Obst, Teller mit gebratenen Fischen und üppigem Faltenwurf arrangiert ist. Die Performer sind hier zwei schwarze Katzen, die sich über den Fisch hermachen. Das Video „Haircut“ ist scheinbar simpel: Eine Friseurin stutzt einen Blumenstrauß bis auf einen geometrischen Stumpf. Unser Verhältnis zur Natur kommt darin vielschichtig zum Ausdruck. Um es vorzuführen, hätte es allerdings keine 30 Minuten gebraucht. Drenkwitz gestaltet auch konzeptuelle Objekte und Grafiken, die edel, karg und fundamental wirken. Er lässt einen Schauspieler einen Satz aus „Hamlet“ sprechen, nimmt die phonetische Linie auf oder die Linie eines elektronischen Stifts, den der Schauspieler beim Sprechen führt, und graviert sie auf einen ästhetischen Untergrund. Für die Stille im Cockpit vor dem Bombenabwurf auf Hiroshima nahm er eine historische Aufnahme. O und K – Buchstaben des laut Drenkwitz weltweit am häufigsten gebrauchten Worts – bilden, in 30 Schriften auf Transparentpapier geschichtet, ein unlesbares Mantra. Termin Bis 15. Januar im Kunstverein Ludwigshafen, Bismarckstraße 44-48: Di-Fr 12-18 Uhr, Sa, So 11-18 Uhr. | marx

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