Frankenthal Das Erbe des Großvaters

Kaum zu glauben und viel zu wenig im öffentlichen Bewusstsein: dass bis 1975 mitten in Europa eine faschistische Diktatur bestand. Auf Krieg, Gewalt und soziale Ungerechtigkeiten im Umfeld des spanischen Franco-Regimes wollen die Frankenthaler Sängerin Isabel Alvarez und der Gitarrist Frank Ihle aufmerksam machen. In der Veranstaltungsreihe „Lichtgestalten, Heldenbilder, Bombenschutt“ findet am Samstag in der Zwölf-Apostel-Kirche ein Konzert mit Flamenco und spanischer Literatur statt.
Flamenco war zu Zeiten Francos in Spanien gern gesehen – als Tourismuskitsch, der für Propagandazwecke missbraucht wurde. „Echter Flamenco war dagegen verpönt: Die Musiker wollten sich nicht benutzen lassen, die Texte waren kritisch, die Musik subversiv“, erklärt Gitarrist Frank Ihle am Rande einer Probe. Und Isabel Alvarez ergänzt: „Es war eine harte Diktatur, die in Spanien herrschte: Daran wollen wir erinnern.“ Kein traditionelles Flamenco-Programm erwartet die Zuschauer, sondern ein historisch und sozialpolitisch orientierter Abend: „Sicher werden wir dabei die Welt nicht verändern, aber vielleicht können wir einen kleinen Gedankenanstoß geben.“ Zu gitarrenbegleitetem Gesang werden Texte verlesen, die teilweise auch interpretiert und mit Rahmengeschichten angereichert sind. Manche sind abgestimmt auf traditionelle Flamenco-Rhythmen und werden als Textgrundlage mit der Musik verknüpft. „Flamenco hat sich immer an der Dichtung orientiert“, erklärt Alvarez. „Gerade Texte etwa von Miguel Hernández oder García Lorca wurden häufig verwendet.“ Lorca wurde zu Anfang des spanischen Bürgerkriegs erschossen, Hernández starb in Franco-Haft. Auch andere Dichter, die die Diktaturen in Spanien und in Südamerika erlebten, kommen zu Wort. Und zudem kann Alvarez ihre persönliche Geschichte einbringen. „Mein Großvater war als Antifaschist 20 Jahre lang im Gefängnis, wurde zweimal zum Tode verurteilt und kam erst 1963 frei“, erzählt sie. Das sei mit ein Grund für ihren Vater gewesen, als Gastarbeiter nach Deutschland zu kommen. „Ich selbst bin Bildungsinländerin“, sagt die in Dortmund geborene Sängerin, die nach einigen Jahren in Sevilla inzwischen seit vier Jahren in Frankenthal lebt. „Dass ich in Deutschland bin, ist eine direkte Konsequenz der spanischen Geschichte.“ Alvarez und Ihle sind renommierte Flamencokünstler: Ihle begann schon als Jugendlicher mit der spanischen Musik, als ihm seine Mutter eine Gitarre schenkte. Alvarez’ Vater war semiprofessioneller Sänger bei spanischen Dorffesten – „wenn er morgens beim Rasieren Flamenco sang, habe ich mitgesungen“, erinnert sich Alvarez. Mit dem Rüsselsheimer Ihle arbeitet sie seit einigen Jahren zusammen: Es sei nicht ganz leicht, in Deutschland hochwertige Flamencomusiker zu finden. Der Musik- und Literaturabend in Frankenthal wurde extra konzipiert: Alvarez hat in Sevilla als Kuratorin ein Hernández-Museum mitgestaltet und sich schon seit Langem mit der kritischen Literatur der Franco-Zeit beschäftigt. Alvarez freut sich auf den Abend. „Hier kann ich meine Liebe zur Musik und meine Liebe zu Literatur, die uns angeht, miteinander verbinden.“ Und Ihle fügt hinzu: „Aber natürlich wird dabei die Musik im Mittelpunkt stehen“ – der Flamenco, der mit seinem ganz eigenen Charakter eine emotionale Kraft entwickeln kann, die sogar Diktatoren fürchten. Info —Das Konzert am Samstag, 20. Juni, beginnt um 20 Uhr. Karten zu zwölf Euro im Vorverkauf im protestantischen Dekanat, Telefon 06233 88080, dekanat.frankenthal@evkirchepfalz.de, sowie beim Frankenthaler Bürgerservice, 06233 89666. —Ab 18 Uhr bieten die Ausstellungskuratoren Harald-Alexander Klimek und Walter Stephan Laux eine kostenlose Führung durch die Ausstellung in der Frankenthaler Zwölf-Apostel-Kirche.