Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Coronavirus: Frankenthaler Hausarzt übt Kritik an Politik und Behörden

Kritisiert fehlende Vorräte an Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln für medizinisches Personal: Werner Armbrust.
Kritisiert fehlende Vorräte an Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln für medizinisches Personal: Werner Armbrust.

Der Frankenthaler Mediziner und Diabetologe Werner Armbrust ist wegen deren Umgang mit der drohenden Coronavirus-Epidemie nicht gut auf Politiker in Bund und Land zu sprechen. Seine Kritik: Desinfektionsmittel und effektive Schutzmasken für das medizinische Personal fehlten. Er habe Handlungsanweisungen erst am Montag von der Gesellschaft für Allgemeinmedizin erhalten. Zu spät, meint der 55-Jährige.

Herr Armbrust, wie gut sind Sie vorbereitet, sollte das Coronavirus in Ihrer Praxis in Frankenthal-Süd aufschlagen?
Noch hatten wir in unserer Praxis keinen Corona-Fall, doch wir sind schon in einer absoluten Mangelsituation. Desinfektionsmittel und wirksame Atemmasken, um uns und unser Personal zu schützen, sind kaum oder nicht mehr erhältlich. Der Staat hat hier nicht für eine eigene Vorratshaltung gesorgt, um das medizinische Personal in solchen Situationen zu schützen. Ist es nicht Aufgabe des Gesundheitsministers, das medizinische Personal zu schützen?

Es gibt also keinen Krisenplan?
Privatpersonen waren teils schneller. Man kann nicht alles dem Markt überlassen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vermittelt den Eindruck, alles im Griff zu haben, und betont, wie toll wir aufgestellt seien. Das ärgert mich. Wie sieht es denn aus, sollte es wirklich losgehen? Nach einer ersten Handlungsanweisung, die wir erst am Montag bekommen haben, dürfen wir Abstriche nur mit geeigneter Schutzkleidung machen. Im Prinzip müssten wir verdächtige Patienten in einem Einzelzimmer isolieren. Wie soll das funktionieren? Wen frage ich im Ernstfall? Die Gesundheitsämter sind überfordert, nach 16 Uhr bekomme ich dort keinen Ansprechpartner mehr.

Vor Montag gab es keine Information vom Land oder vom Bund für die niedergelassenen Mediziner?
Nein, Frankenthaler Ärzte haben sich in der vergangenen Woche aus eigener Initiative mit einem Hygieniker aus Ludwigshafen getroffen. Bislang mussten wir uns alles zeitaufwendig selbst im Internet zusammensuchen – das alles neben dem normalen Praxisbetrieb, der ja aufrecht erhalten werden muss. Es ist schon seit Wochen bekannt, was auf uns zukommen wird. Wir sind alle gut vernetzt, beispielsweise über die Kassenärztliche Vereinigung. Warum kommen keine Informationsmails zeitnah in die Praxen?

Ist zumindest geklärt, wie der Mehraufwand vergütet wird?
Über die Kassen abrechnen darf ich nur Patienten, die in Risikogebieten waren, oder Kontakt mit Personen hatten, die unter Corona-Verdacht stehen. Alle anderen, die Symptome haben, müssen ihre Abstriche selbst finanzieren. Würde ich Schutzkleidung erhalten, müsste ich die für das Praxispersonal selbst finanzieren. Das können in einer größeren Praxis schnell mal mehrere Hundert Euro am Tag sein. Noch einmal: Warum wird Schutzkleidung für solche Situationen nicht bevorratet, dem medizinischen Personal zur Verfügung gestellt und gesagt: Geht verantwortlich damit um? Schließlich sollen wir das gesellschaftliche Leben und am Ende die Wirtschaft am Laufen halten. Ich erinnere mich an die Schweinegrippe. Da wurden wir quasi genötigt, Impfstoff zu ordern, der dann aber nicht gebraucht wurde, weil die Leute nicht gekommen sind. Dann sollten wir auch noch den Impfstoff bezahlen. Die Politik spart das Gesundheitssystem kaputt. Auch Kapazitäten beim Klinikpersonal sind auf Kante genäht.

Wie gehen Ihre Patienten mit der derzeitigen Lage um?
Die Leute sind entspannt. Sie sehen die Diskrepanz, dass alles als harmlos hingestellt wird, das staatliche Handeln jedoch oft nicht dazu passt. Das kann auch ich nicht schlüssig erklären. Vielleicht hat man Angst davor, dass das Virus mutiert und gefährlicher wird. Die Frage ist zudem, wie ich mit Personen umgehe, die von Betrieben heimgeschickt werden, weil sie zwar in Krisengebieten waren, aber keine Symptome haben. Krankschreiben darf ich gesunde Menschen nicht. Interview: Stefan Tresch

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