Frankenthal Burnout als Geisteszustand
Therapeutische Stuhlkreissitzung statt klassisches Kabarett – so hat der Bonner Sebastian Pufpaff sein Programm am Sonntag im Wormser Kulturzentrum angekündigt. Zusammen mit dem Publikum wolle er sich mal so richtig aufregen. Das nahm das Angebot im fast ausverkauften Mozartsaal an und brachte den Entertainer mit einer Äußerung sogar kurzzeitig aus dem Konzept.
„Es gibt keine Ausländer“, konstatiert Sebastian Pufpaff auf der Bühne. „Nur Arschlöcher, oder keine Arschlöcher.“ Glattgestriegelt in seinem grauen Anzug watscht er nach und nach alles ab, was die gesellschaftlichen und politischen Debatten in Deutschland gerade hergeben: die „Lufthupe“ Donald Trump, das Reißverschlussverfahren in Autobahnbaustellen, die Inklusion von älteren Mitmenschen, den Dieselskandal, das Renteneintrittsalter, Haustiere, Sexismus, die Deutsche Bahn, das deutsche Schulsystem, den Fall Maaßen, Ausländer und Migration. „Ich verstehe mich eher als Kabarett-Dienstleister“, sagt der 42-Jährige zu Beginn seines aktuellen Bühnenprogramms „Auf Anfang“. Die Zuschauer mögen ihm doch bitte einfach zurufen, über welche Themen sie sich im Laufe des Abends aufregen möchten. „Aber keine Angst: Trump, Hitler und die Deutsche Bahn sind immer dabei“, sagt Pufpaff. „Sonst wäre es ja kein Kabarett.“ Und das lieferte der Bonner Kabarettist am Sonntagabend zur vollsten Zufriedenheit. Das Publikum lachte fast ununterbrochen gut zweieinhalb Stunden, hier und da sogar so stark, dass den rund 400 Leuten die Tränen in die Augen schossen – etwa als Pufpaff von seinem Weltschmerz beim Kauf von kaputten Kopfhörern und dem verdammt serviceorientierten und freundlichen Mann am anderen Ende der Hotline erzählt, den er eigentlich nur anschreien wollte. Oder von seinem Einkaufserlebnis an der Fleischtheke, als er für 276,40 Euro teures Kobe-Rindfleisch kaufte und sich nicht traute, die Delikatesse wieder zurückzugeben – aus Angst, an Außenwirkung zu verlieren. Oder als Sebastian Pufpaff von seiner Begeisterung für die Evolution der Handtrockner auf öffentlichen Toiletten spricht. Nichts geht schließlich über den Airblade 2000, der innerhalb von Sekunden alles trocken bläst – oder betrunkene Pinkler vor große Herausforderungen stellt. Was Pufpaff damit alles sagen will? „Eigentlich ist doch alles irgendwie gut. Und ich mag das nicht. Ich bin Deutscher, und ich brauche die Krise.“ Egal ob beim Dieselskandal, an der Fleischtheke oder beim Entgelttransparenzgesetz: Wir Deutschen könnten einfach nicht mehr ohne die Aufregung, glaubt der Kabarettist. Überall mache sich deshalb Apathie und Desillusion breit. „Burnout ist heute ein Geisteszustand“, sagt Pufpaff. Deshalb müssten wir wieder „zurück auf Anfang“. Einfach mal „blitzdingsen“ mit dem Gerät aus dem Film „Men in Black“ – und gut ist. Und wir brauchen wieder ein Gemeinschaftsgefühl im Land, glaubt Pufpaff. Denn eigentlich sei doch alles gut. „Wir dürften uns nur nicht der Ohnmacht hingeben, die Welt nicht retten zu können. Wir können sie nicht retten“, erklärt Sebastian Pufpaff seinem Publikum. „Aber wir können sie zumindest verändern.“ So wie die vielleicht jüngsten Stuhlkreisteilnehmer an diesem Abend in Worms: Pufpaff fragt eine Schülerin in der ersten Reihe, was sie später denn beruflich machen wolle und erwartet so etwas wie „Influencer oder Youtube-Star“. Doch was er bekommt ist ein solides „Winzerin“ – was für die Pointe seines Witzes nicht förderlich ist. Also fragt Pufpaff den älteren Bruder des Mädchens: „Und, was willst du mal werden?“ „Schmied“, sagt der junge Mann und bringt Pufpaff damit kurzzeitig total aus dem Konzept. „In Worms ist eben doch noch alles in Ordnung“, resümiert der Kabarettist unter Tränen.