Frankenthal Blutrote Fingernägel und teurer Schmuck

Laura Schawelka spürt dem Einfluss der Fotografie auf die Entwicklung des Konsums nach.
Laura Schawelka spürt dem Einfluss der Fotografie auf die Entwicklung des Konsums nach.

In der Ausstellung „Double issues“ (etwa: Doppelausgaben) in der Rudolf-Scharpf-Galerie des Wilhelm-Hack-Museums in Ludwigshafen untersucht die Berliner Künstlerin Laura Schawelka den Einfluss der Fotografie auf die Entwicklung des modernen Konsums. Das Ergebnis ist eine in Bildern, Fotografie und Video inszenierte Reise vom Paris des 19. Jahrhundert in eine von den neuen Medien bestimmte Gegenwart.

Laura Schawelka, 1988 in München geboren, schloss ihr Studium an der Frankfurter Städelschule 2013 als Meisterschülerin bei Tobias Rehberger ab. Vier Jahre später ging sie mit einem Atelierstipendium der Hessischen Kulturstiftung an die Cité internationale des Arts in Paris. Dass die Fotografie schon immer eine Komplizin des Handels war, ist eine Binsenweisheit, und wie viele Binsenweisheiten hat sie einen konkreten historischen Ort, nämlich Paris. Dort gründeten 1838 die Brüder Videau im siebten Arrondissement mit dem bis heute bestehenden Bon marché das erste Großkaufhaus der Stadt. Hier verfasste Émile Zola in seinem „Paradies der Damen“ (erschienen 1884) die erste grandiose Analyse dieser neuen Mode, die sich zuerst und ausschließlich an die Vertreterinnen einer gelangweilten und solventen Mittel- und Oberschicht wandte. Kaufen, Konsumieren, sich verführen lassen, wer wäre dafür prädestinierter als eine Weiblichkeit, die als holde zu beschreiben schon der Anstand verbietet? Dass Darstellungsobjekt und dargestelltes Objekt nicht dasselbe sind, ist auch so eine Binse, leider keine sehr folgenreiche. Ja, die Damen von damals lockte der Luxus, heute klicken sich die Konsumentinnen zu Hause durch ein Onlineangebot. Da muss man keine Stoffe prüfen, nichts in der Kabine anziehen, das Paket kann bei Nichtgefallen wieder zurückgeschickt werden. Im alten Paris fotografierte Atget die vor die Läden gestellten Schaufensterpuppen und begeisterte mit den leicht unscharfen Aufnahmen die Surrealisten. Laura Schawelka kontert, süffisant oder nicht, mit einem durch die Scheibe eines Zara-Ladens aufgenommenen Video, in dem sich die Klamotten auf der Stange leise im Sog der eingeschalteten Klimaanlage bewegen. Passt. Aber was lernen wir daraus? Was lernen wir, wenn glibberige Flüssigkeit über Autositze fließt, wenn die grüne Wand Mensch und Ding verschwinden lässt und die über zwei Etagen laufenden Großfotos vom heutigen Le bon marché eine Situation beschreiben, die man eigentlich gar nicht wissen muss? Das im Museum für Yves Saint Laurent nachgebaute Arbeitszimmer, auch gut. Pralinen und Granatapfelkerne in riesenhafter Vergrößerung, blutrot lackierte Fingernägel und sauteurer Schmuck, auch gut. Nimmt man historisches und neues Bildmaterial in seiner je anderen Zusammensetzung zusammen, ergibt sich ein fast erschütterndes Bild einer Verführbarkeit, in dem die „Opfer“ ihren Zustand selig zu genießen scheinen. Dass Kleptomanie damals wie heute als vorwiegend weibliche Krankheit gilt, passt fast schon zu gut ins Bild von den Waren und denen, die ihnen verfallen sind. Termin „Double issues“ in der Rudolf Scharpf-Galerie (Wilhelm-Hack-Museum), Hemshofstraße 54, Ludwigshafen, bis 6. Januar 2019. Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag, 13 bis 18 Uhr; Eintritt frei.

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