Frankenthal Bestechend sauber
Kaum zu glauben, aber Glenn Miller ist seit 73 Jahren tot. Sein swingender Bigband-Sound und seine unverwechselbaren Arrangements freilich haben ihn unsterblich gemacht. Mit einer Galavorstellung im Frankenthaler Congress-Forum erwies das Glenn Miller Orchestra, offizieller Lizenzinhaber für Europa, am Samstag seinem Namenspatron – aber auch anderen Protagonisten der amerikanischen Jazzszene – eine wohlklingende Reverenz.
Eindeutiges Indiz für die ungebrochene Beliebtheit dieser Musik: Im großen Saal blieben nur einige wenige Plätze frei. Das altersgemischte Publikum war hörbar angetan von dem gut zweistündigen Programm, bei dem man bisweilen den Eindruck gewinnen konnte, die Zeit sei stehengeblieben. Ihrem Ruf, die vielfach zu Evergreens gewordenen Titel von Glenn Miller authentisch wiederzugeben, wurden die exzellent aufspielenden 16 Musiker absolut gerecht. Der Chef der Band, der 67-jährige Niederländer Will Salden, hatte alles im Griff – als Pianist, Sänger und Moderator. Er verriet sogar das Geheimnis des typischen Glenn-Miller-Sounds, der im Kern durch die melodieführende Klarinette sowie vier Saxofone gebildet und durch Trompeten, Bass, Schlagzeug und Klavier abgerundet wird. Miller galt als Perfektionist, der alle Kompositionen so arrangierte, dass sie in dieses Schema passten. Gleich zum Auftakt erklang mit der „Moonlight Serenade“ nicht nur ein Megahit, sondern auch der einzige Titel, der aus der Feder von Glenn Miller stammt. Locker ließen es die Bläser angehen und sparten während der professionellen Performance nicht mit dem einen oder anderen Showeffekt, wenn die Dämpfer als Kopfbedeckung herhalten mussten oder die Instrumente für Wippbewegungen eingesetzt wurden. Der Brillanz des Spiels taten diese Späßchen indessen keinen Abbruch. Ob beim populären „Tuxedo Junction“, dem unverwüstlichen „In the Mood“ oder dem jazzigen „A String Of Pearls“ – die Band intonierte bestechend sauber und mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks. Improvisatorische Freiräume gab es immer dann, wenn die Musiker vor die Mikrofone im Retrolook traten und sich an der Rampe solistisch auszeichnen durften. Der Zwischenapplaus des sehr aufmerksamen Publikums war ihnen dann stets sicher. Ein Klassiker der Swing-Ära, Benny Goodmans „Don’t Be That Way“, sorgte mit einem phänomenalen Klarinettensolo ebenso für gute Stimmung im Saal wie der durch Louis Armstrong bekannt gewordene Titel „When You’re Smiling“, bei der die Posaunen den dominanten Part übernahmen. Mit viel Einfühlungsvermögen spielte das Orchester George Gershwins „Rhapsody In Blue“ und bewegte sich mit einer eingängigen Jazzversion des Viljaliedes sogar auf den ungewohnten Pfaden des Operettenkomponisten Franz Lehár. Mit romantischem Impetus gestaltete die Bigband die irische Volksweise „Londonderry Air“ – gewissermaßen als Kontrast zu dem rasanten „Tiger Rag“, bei dem sich der Schlagzeuger austoben durfte. Seine stärksten Momente hatte das Orchester bei den instrumentalen Arrangements. Doch auch die Gesangsnummern verfehlten ihre Wirkung nicht. Die junge Sängerin Ellen Bliek wurde dabei zeitweise von den sich aus Bandmitgliedern rekrutierenden „Moonlight Serenaders“ unterstützt. Sie hatte es nicht immer leicht, sich gegen die männliche Dominanz auf der Bühne stimmlich durchzusetzen. Überzeugend sang sie Ella Fitzgeralds „A Tisket A Tasket“ und „I Won’t Dance“. Dem etwas verschnupft wirkenden Bandleader Wil Salden blieb es vorbehalten, mit dem italienischen Titel „Ciribiribin“ und der lyrischen „Serenade In Blue“ von Harry Warren ebenfalls vokale Akzente zu setzen. Mit 28 gut ausgewählten Musiktiteln entführte das Glenn Miller Orchestra das begeisterte Publikum in die 30er- und 40er-Jahre und betrieb dabei „Denkmalpflege“ im besten Wortsinne.