Frankenthal Alptraum Überfahrt

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Die Flüchtlingswelle aus dem Nahen Osten ist für den Journalisten Wolfgang Bauer „eine der größten Erschütterungen seit dem Zweiten Weltkrieg“. Der Autor des Buchs „Über das Meer – Mit Syrern auf der Flucht nach Europa“ fesselte am Donnerstagabend seine rund 100 Zuhörer in der Stadtbücherei mit authentischen Berichten über das Schicksal von Menschen, die zum Spielball skrupelloser Schlepperbanden und eines korrupten Behördenapparates werden.

Der für Wochenzeitung „Die Zeit“ tätige Bauer, der für seine Reportagen aus Krisengebieten schon mehrfach ausgezeichnet wurde, wollte die Flucht journalistisch dokumentieren. Er gab sich – ebenso wie der ihn begleitende Fotograf Stanislav Krupar, dessen Bilder bis 5. September in der Stadtbücherei gezeigt werden – als Flüchtling aus. Beide nahmen die Identität „abgerissener Englischlehrer aus einer Kaukasusrepublik“ an. „Alles war sorgfältig geplant, wir wollten kein Harakiri“, erklärte der gebürtige Hamburger, der in Reutlingen lebt. Aus seinem Buch las Wolfgang Bauer nur wenige Kapitel vor, dafür lieferte er bei der zweistündigen Veranstaltung eine Fülle von Hintergrundinformationen, die die Situation der Flüchtlinge in einen Gesamtzusammenhang stellten und das Verständnis für ihr Handeln erleichterten. Die Zuhörer erfuhren, dass die „Verkaufsagenten“ und Schmuggler in Ägypten „bis ins Feinste“ organisiert seien – vergleichbar der Tourismusbranche. 3000 Dollar müssten die Syrer für ihre Flucht nach Europa zahlen. Dramatisch waren die Erlebnisse, die Bauer in Alexandria am eigenen Leib verspürte: Tagelang seien sie in engen Wohnungen eingesperrt, dann nach einer Verfolgungsjagd von einer Mafiabande vier Tage als Geiseln genommen worden. Immer wieder hätten die Schlepper die Einschiffung hinausgezögert. Dann endlich seien sie in Kleinbussen an den Strand gekarrt worden. „Das ist der verwundbarste Abschnitt“, erzählte Bauer. Flüchtlinge würden dort häufig ausgeraubt, auch die Küstenwache könne plötzlich auftauchen. Eine höchst gefährliche Aktion sei auch das Umsteigen von den kleinen in die größeren Boote. Als die Lage auf dem Wasser zu eskalieren drohte und es zum Zusammentreffen mit bewaffneten ägyptischen Sicherheitskräften kam, gab Wolfgang Bauer seine Identität preis. Die Folge waren neun Tage Gefängnis, die Abschiebung in die Türkei und der Flug von Istanbul zurück in die Heimat. „Für mich war es ein dreckiges Gefühl, das Meer so mühelos zu überwinden.“ Später wurde der Journalist, der als Fluchthelfer drei Syrer in Italien abholte, in Österreich noch einmal festgenommen, konnte aber die Polizei vom humanitären Charakter seiner Mission überzeugen. Wie soll Europa mit den Flüchtlingsströmen umgehen? „Es nützt nichts, die Grenzen abzuschotten“, meinte Bauer. Er schlug vor, wie seinerzeit beim Bosnienkrieg die Menschen aufzunehmen und ihnen deutlich zu machen, dass sie nach einer bestimmten Zeit wieder zurückkehren müssten. Professionelle Integrationsprogramme seien unverzichtbar. „Das Problem kann man nicht mit der Portokasse regeln.“ (eec)

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