Interview RHEINPFALZ Plus Artikel 60 Jahre Lutherkirche: „Die Gemeinde ist bunter geworden“

Schulterschluss mit Namenspatron Martin Luther: Pfarrer Jean-Christoph de Araujo und sein langjähriger Amtsvorgänger Martin Henn
Schulterschluss mit Namenspatron Martin Luther: Pfarrer Jean-Christoph de Araujo und sein langjähriger Amtsvorgänger Martin Henninger (rechts).

Die Lutherkirche in der Carl-Bosch-Siedlung wird 60 Jahre alt. Das wird ab Freitag, 30. August, groß gefeiert. Im Gespräch mit Klaudia Toussaint stellen Pfarrer Jean-Christoph de Araujo und sein Amtsvorgänger Martin Henninger die Kirchengemeinde vor und berichten über die Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten.

Herr Henninger, Herr De Araujo, wie sehr hat sich die Gemeinde der Lutherkirche seit dem Jahr 1964 verändert?
Henninger: Früher war die Lutherkirche bestimmt durch eine relativ homogene Gruppe, die Mitarbeiter der BASF. In den letzten Jahren ist die Gemeinde bunter, vielfältiger geworden. Man kennt sich nicht mehr so, aber es sind auch ganz viele neue Leute dazu gekommen, und das ist gut so.

Liefern Sie uns einen kleinen Steckbrief.
De Araujo: Die Lutherkirche ist eine eigenständige Kirchengemeinde und hat etwa 1900 Mitglieder. Sie teilt sich mit der Friedenskirche eine Pfarrstelle. Insgesamt gibt es in Frankenthal acht protestantische Kirchengemeinden. Gemessen an der Zahl der Mitglieder ist die Lutherkirche neben Zwölfapostelkirche und Pilgerpfad die größte Gemeinde.

Henninger: Frankenthal hatte vor dem Zweiten Weltkrieg eine einzige große protestantische Gemeinde. Nach dem Krieg wurde ein neues Konzept entwickelt: Man sagte, dass Kirche zu den Menschen gehen soll. In verschiedenen Ortsteilen wurden daher neue Kirchen wie die Lutherkirche gebaut.

Die Wohnungsnot war zur Geburtszeit der Lutherkirche noch dringender als heute?
Henninger: Klar, wir haben heute zu wenig Wohnungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Wohnungsnot weitaus größer, weil die Stadt durch Bomben stark zerstört war. Zusätzlich zu dem fehlenden Wohnraum haben die BASF und andere Industriebetriebe ganz viele Mitarbeiter aus allen Regionen Deutschlands hergebracht. Die mussten auch untergebracht werden. Wir sprechen von einem Bevölkerungszuwachs von 47 Prozent, der die Ausweisung neuer Wohngebiete erforderte. Die BASF hatte großes Interesse, dass ihre Leute gut wohnen. Und hat sich an der Entwicklung der Carl-Bosch-Siedlung beteiligt. Dazu gehörte gemäß dem Gemeindekonzept von damals auch die 1964 eingeweihte Lutherkirche. Die katholische Schwesterkirche Sankt Paul nebenan wurde 1967 eingeweiht.

Was ist das besondere der Lutherkirche als Gebäude?
De Araujo: Der inzwischen verstorbene Architekt Rolf Gutbier hat sowohl die Pläne für die Siedlung als auch für die architektonisch bemerkenswerte Lutherkirche entworfen. Das Kirchendach ruht auf vier Säulen. Während der ganze Kirchenraum frei von Säulen ist. Der unverstellte Raum ist lichtdurchflutet durch das rundum laufende Fensterband und ein Oberlicht. Was mir sehr gefällt: Hinter dem Altar befindet sich eine komplette bodentiefe Fensterfront. Wodurch sich der Altar zur Welt und zu Gottes Schöpfung öffnet. Es gibt das Vorurteil, dass moderne Kirchen nicht ansprechend sind. Wer hier reinkommt, fühlt sich sofort wohl. Und die Kanzel hat nur zwei Stufen, weil nach dem Kirchenverständnis der 60er-Jahre der Pfarrer oder die Pfarrerin nicht mehr von oben herab auf die Gemeinde predigen, sondern ihr auf Augenhöhe begegnen und mit ihr im Gespräch sein sollte.

Markante Dachkonstruktion: Die Lutherkirche wurde vom Architekten Rolf Gutbier entworfen.
Markante Dachkonstruktion: Die Lutherkirche wurde vom Architekten Rolf Gutbier entworfen.

Sie sprechen von Pfarrer oder Pfarrerin – in der Geschichte Ihrer Gemeinde gab es ausschließlich männliche Geistliche, insgesamt fünf. Steht das nicht im Widerspruch zum bunten und vielfältigen Gemeindeleben einer bekanntermaßen offenen, fortschrittlichen Pfarrei?
De Araujo: Das ist Zufall. Es gibt in Deutschland inzwischen mehr Pfarrerinnen als Pfarrer. Rein statistisch wäre eine weibliche Besetzung für die derzeitige Pfarrstelle wahrscheinlicher gewesen.

Henninger: In der Pfalz gibt es die Regelung, dass einmal das Presbyterium wählt, also die ehrenamtliche Gemeindeleitung. Bei der nächsten Pfarrstellenbesetzung entscheidet die Kirchenregierung in Speyer. Ich wurde vom Presbyterium gewählt. Mein Nachfolger wurde von Speyer bestimmt. Die Mitarbeiterschaft ist gut gemischt mit einem leichten Frauenüberschuss. Die aktuellen Lektoren, also die Leute, die neben dem Pfarrer Gottesdienst halten, sind zwei Männer und zwei Frauen.

Fällt Ihnen auf Anhieb eine Anekdote aus der Gemeindegeschichte ein?
Henninger: Ja, und zwar folgende: Während der Amtszeit des dritten Pfarrers Albrecht Roth wurde die Zweier-Partnerschaft zu einer Dreieckspartnerschaft erweitert: Die Martinskirche in Bernburg an der Saale kam dazu. Und noch heute erzählt man sich, wie unmittelbar nach der Wende 1989 eines frühen Morgens ein Auto mit DDR-Kennzeichen und vier Bernburger Gemeindegliedern vor der Kirche stand, um an der 25-Jahr-Feier der Lutherkirche teilzunehmen.

Wie heißt die erste Partnergemeinde?
Henninger: 1971 hatte die Lutherkirche eine Partnerschaft mit der englischen Gemeinde St. Andrew’s Roundhay in Leeds geschlossen. Ich möchte hier kurz ausholen und erklären, welchen Sinn Partnergemeinden haben. Kirchengemeinden haben oft die Tendenz, etwas insular zu sein. Also nicht weit über ihre eigenen Gemeindegrenzen rauszugucken. Durch Partnerschaften sieht man, wie Kirchen anderswo funktionieren. Das ist spannend: St. Andrew’s Roundhay ist eine Freikirche, die völlig anders tickt als die evangelische Landeskirche. Und Bernburg mit seiner DDR-Geschichte ist auch ein ganz eigener Fall. Übrigens kommen zum Jubiläum auch Gäste aus Leeds und Bernburg. Und ich freue mich schon auf die Gespräche – es gibt Freundschaften nach Nord und Ost, die jahrzehntelang bestehen.

Was berührt Sie beide am meisten, wenn Sie auf sechs Jahrzehnte Lutherkirche zurückblicken?
De Araujo: Wenn man Kirche im städtischen Umfeld denkt, dann glaubt man, es sei schwieriges Terrain. Weil es die Kirche da schwer hat. Da die Menschen dort entkirchlicht sind und austreten. In unserer Gemeinde sind die Menschen anders, als man vielleicht vermuten würde. Es ist ein lebendiges Gemeindeleben, das sehr verwurzelt ist in die Siedlung, im Lauterecken, Ormsheimer Hof und jenseits der Bahnlinie. Die Kirche hat hier ihren festen Stand. Sie ist ein total reicher Schatz. In Zeiten, in denen ehrenamtliches Engagement abnimmt, gibt es in der Lutherkirche viele Menschen, die sich einbringen. Das Tolle ist zu sehen, dass dieses Engagement ein kontinuierlicher roter Faden ist, seit 1964. Hier hat die Kirche eine gewisse DNA der Vitalität, die sie sich über Jahrzehnte bewahren konnte. Um das an einem konkreten Beispiel festzumachen: Die Sanierung des Gemeindehauses war mit sehr viel Eigeninitiative verbunden. Handwerklich und auch finanziell. Allein der Förderverein hat ja rund 180.000 Euro beigesteuert.

Am Anfang standen Mauern und ein Stahlgerippe: das evangelische Gotteshaus kurz vor dem Richtfest.
Am Anfang standen Mauern und ein Stahlgerippe: das evangelische Gotteshaus kurz vor dem Richtfest.

Henninger: Wir hätten das nie stemmen können, wenn sich die Gemeinde nicht so stark eingebracht hätte. Ein Großteil der Jahre 2014 bis 2022 wurde durch die Sanierung geprägt. Was mich persönlich am meisten berührt: Die Lutherkirche hat immer versucht, Herausforderungen der Gesellschaft aufzunehmen. Im theologischen Jargon ist sie eine hörende Gemeinde. Das fing damit an – und da zeigt sich die Prägung durch die BASF-Mitarbeiter – dass sich hier die in der ersten Generation beheimateten Chemiker des Konzerns fragten: Wie verhält sich Naturwissenschaft und Glaube zueinander? Die zweite wichtige Frage ist eine ökumenische: Wie verhalten sich protestantische Lutherkirche und katholische Sankt-Paul-Kirche zueinander? Dieses Hören auf die Chemiker und die katholischen Schwestern und Brüder hat sich stets in der Erwachsenenbildung stark niedergeschlagen – im Kulturclub, in den Glaubenskursen.

Ein Beispiel dieser „hörenden Gemeinde“ aus der jüngeren Vergangenheit?
Henninger: Was mir da sofort einfällt, war Corona. Da haben wir als Gemeinde gesagt: Alles, was gesetzlich machbar ist, wollen wir tun, um den Kontakt zu Menschen zu halten. Es gab einen Einkaufsdienst. Wir haben unsere Gottesdienste ins Netz gestellt. Zwischen Kirche und Gemeindehaus eine Gebetswand aufgestellt, auf der jeder seine Wünsche und Sorgen notieren konnte.

Was hat die Luthergemeinde für neue Konzepte in petto? Diese Frage geht an den amtierenden Gemeindepfarrer.
De Araujo: Das, was die Lutherkirche stark gemacht hat, wollen wir in die Zukunft führen. Nah bei Gott und nah bei den Menschen zu sein. Die Hemmschwelle der Menschen zur Kirche ist höher geworden. Kirche wird noch stärker auf die Menschen zugehen müssen. Das muss durch niedrigschwellige Angebote passieren.

Wie könnte das praktisch aussehen?
De Araujo: Indem die Kirche in Zukunft offen ist. Und jeder reinkommen kann, auch außerhalb der Gottesdienste. Wir müssen sehen, ob das umsetzbar ist. Potenzial bietet auch das große Außengelände der Kirche. Diesen Garten, diese grüne Lunge könnte man nutzen. Das Presbyterium kann sich vorstellen, dass hier Treffs stattfinden. Und wir wollen weiterhin Antworten anbieten auf drängende Fragen. Etwa: Wie geht der Mensch um mit der Schöpfung – in Zeiten, in denen uns der Klimawandel um die Ohren fliegt?

Kommen wir zum Festwochenende. Was ist geboten?
De Araujo: Wir feiern am letzten Augustwochenende drei Tage lang und laden herzlich zum Mitfeiern ein. Einen besonderen theologisch-künstlerischen Leckerbissen gibt es am Freitag: Der norwegische Performance-Künstler Christian Stejskal wird das Markus-Evangelium, das er in jahrelanger Arbeit auswendig gelernt hat, als szenisches Sprechtheater mit Live-Musik und einer Bildshow inszenieren. Höhepunkt der Feierlichkeiten ist am Sonntag der Festgottesdienst in der Lutherkirche mit Taufe und Feier des Heiligen Abendmahls. Wir freuen uns, dass die Predigt die Oberkirchenrätin Marianne Wagner aus Speyer halten wird.

Sie sprachen im Vorfeld von einem Kunstwerk und einem Geschenk?
De Araujo: Das Geschenk ist die Festschrift zum Jubiläum, die wir gerade an alle Gemeindemitglieder verteilen. Am Festwochenende kann jeder Gast ein Exemplar mitnehmen. Das Kunstwerk wächst bereits seit Anfang Juli: Seitdem lassen sich Menschen, die sich mit der Lutherkirche verbunden fühlen, von uns fotografieren. Bei den Feierlichkeiten werden sicher zahlreiche Bildbeiträge hinzukommen. Am ersten Advent, dem Geburtstag der Lutherkirche, wird die Aktion abgeschlossen. Und wird das große Ganze zeigen, das die Kirche ausmacht – die Menschen, die in irgendeiner Verbindung zur Lutherkirche stehen. Als Gläubige, Gäste oder Zaungäste.

Zur Sache: Das Festprogramm

Freitag, 30. August: Im Gemeindehaus der Lutherkirche (Bohnstraße 16) referiert um 10 Uhr der emeritierte Dekan Werner Schwartz über die Geschichte des Judentums in der Pfalz. Im Anschluss besteht die Möglichkeit zu einem Besuch der Zwölf-Apostel-Kirche sowie des Wochenmarktes und zum Mittagessen in der Innenstadt. Um 19 Uhr führt in der Lutherkirche der Geschichtenerzähler, Geiger und Fotograf Christian Stejskal das Markus-Evangelium mit Eigenkompositionen und Fotos aus dem Nahen Osten auf. Beide Veranstaltungen sind kostenlos.
Samstag, 31. August: Ausflug im Reisebus nach Speyer von 9 bis 17 Uhr mit Stadtrundgang. Kosten: 25 Euro pro Person. Anmeldung im Pfarrbüro der Lutherkirche unter Telefon 06233 27279 oder per Mail an pfarramt.ft.lutherkirche@evkirchepfalz.de. Um 19 Uhr Treffen mit den Gästen der Partnergemeinden aus Leeds und Bernburg im Pfarrgarten der Lutherkirche.
Sonntag, 1. September: Festgottesdienst in der Lutherkirche um 10 Uhr mit anschließendem Mittagessen im Gemeindehaus.Das Festprogramm und die Festschrift finden sich im Internet unter www.lutherkirche-ft.de.

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