Rockenhausen
Zwei Jahre Zirkushaus: Bei den Pepperoni ist immer was los
Herr Krücken, viele Jahre haben Sie und ihre Mitstreiter den Traum vom Pepperoni-Gebäude verfolgt. Vor fast genau zwei Jahren wurde er Wirklichkeit – sind Sie danach nicht erst einmal in ein Loch gefallen?
Dieter Krücken: (Lacht) Nein, im Gegenteil: Das hat uns nochmal einen richtigen Schub gegeben. Wenn ich sehe, wie oft die Donnersberghalle anderweitig belegt und dass die Realschulhalle seit Monaten wegen baulicher Mängel gesperrt ist (die beiden Hallen dienten dem Verein über Jahre als Trainingsstätten, Anmerkung der Redaktion), dann sind wir sehr froh, nun in unseren eigenen Räumlichkeiten arbeiten und planen zu können. Ich sehe uns aber nach zwei Jahren immer noch in der Findungsphase. Unsere Zirkuskurse laufen super, ansonsten probieren wir vieles aus – manches geht gut, anderes funktioniert auch mal nicht. Grundsätzlich macht es uns aber riesig Spaß, das hier in eigener Regie gestalten zu können.
Stichwort Zirkuskurse: Sie bilden ja den Kern Ihres Angebots. Ist hier ein Effekt des neuen Domizils spürbar?
Total! Das sieht man vor allem bei den Kinderkursen: Im Sommer 2022 hatten wir 30 Kinder auf der Warteliste, worauf wir mit zwei zusätzlichen Kursen reagierten. Dieses Jahr standen dann sogar 70 Interessenten auf der Liste – daraufhin haben wir drei weitere Kurse gestartet. Inklusive Jugendlichen sind wir nun bei acht Trainingseinheiten mit zirka 150 jungen Menschen pro Woche. Hinzu kommen 250 Schüler an der Schule am Donnersberg, der Grundschule Kirchheimbolanden und der IGS Eisenberg, mit denen wir kooperieren. Insgesamt betreuen wir also etwa 400 Kinder und Jugendliche.
Führt das Zirkushaus mit dem kuppelartigen Saal als Prunkstück neben der quantitativen auch zu einer qualitativen Steigerung?
Wir können nun viel flexibler üben als früher. Zum Beispiel entfällt bei der Luftartistik das aufwändige Auf- und Abbauen. Für die Jugendlichen wird zusätzlich zu ihrem Montags-Kurs am Donnerstag ein freies Training angeboten. Oder wir kommen spontan an Wochenenden zusammen, wenn wir – wie momentan – gerade an einem neuen Stück arbeiten. In den Sommer- und Herbstferien machen wir einwöchige Workshops, essen dann auch zusammen hier. Unsere Aktiven können sich noch stärker als zuvor mit dem Verein identifizieren. Sie sollen sich in dem Gebäude zuhause fühlen – und ich denke, das tun sie auch.
Das Ganze hat aber – Sie haben es angedeutet – auch eine wirtschaftliche Seite: Bau und Unterhaltung des Hauses müssen finanziert werden.
Genau. Wie jeden Privathaushalt treffen auch uns die einschlägigen Preiserhöhungen, seien es Heiz-, Strom- oder Materialkosten. Zudem müssen die Raten des Bankkredits bedient werden, der – trotz großer Unterstützung durch Sponsoren und Spenden aus der Bevölkerung – zur Realisierung des Zirkushauses notwendig war. Deshalb sind wir schon auf Einnahmen aus der Vermietung unserer Räume angewiesen.
Was läuft alles im Zirkushaus?
Zu festen Zeiten finden neben unseren Zirkusangeboten unter anderem Reha-Sport, Yoga, Pilates, Frauenturnen, ein Theater-Kurs, eine Beratungsstunde für Flüchtlinge, Treffen der „Omas gegen Rechts“ oder Tanz-Workshops statt. Daneben können auch Geburtstags-, Kommunions- oder Konfirmationsfeiern ausgerichtet werden, wir klinken uns bei städtischen Veranstaltungen wie Kultur-ROK, der Gartenzeit oder jüngst dem Weihnachtsmarkt ein. In den zwei Jahren gab es ferner etliche einmalige oder sporadische Aktionen: Sie reichten von einem Zauberer- und einem Marionettenbaukurs über Info-Veranstaltungen zum Klimaschutz, einem landesweiten Jugendzirkustreffen und Kinder-Yoga bis hin zu Manga-Zeichnen und einem Jodelkurs – der übrigens demnächst schon zum dritten Mal stattfindet.
Klingt nicht gerade nach einem Mangel an Interessenten...
Nein, wir bekommen ganz viele neue Anfragen – manchmal auch auf den ersten Blick ungewöhnliche.
Zum Beispiel?
Aktuell möchte jemand einen Kurs im Bogenschießen veranstalten. Hier laufen aber noch Gespräche, wie das genau ablaufen soll. Und es gibt Pläne für einen Imker-Workshop – wobei im Zirkushaus dann nur der theoretische Teil stattfinden soll (grinst).
Zwei Veranstaltungen folgen offenbar weniger monetären Zielen: die Reihe ROK-Music, bei der Sie mit Margarete Schneider Konzerte aus den Genres Folk, Rock und Jazz organisieren, und das ROKino, in dem Team 4 der Standortentwicklung bei freiem Eintritt Kinder- und Erwachsenenfilme zeigt. Täuscht der Eindruck?
Nein. Bei „ROK-Music“ bleibt meistens etwas hängen, aber jeder weiß, dass man sich mit Kulturveranstaltungen keine goldene Nase verdient. Da geht es vor allem darum, das kulturelle Angebot der Stadt zu bereichern. Beim ROKino bittet Team 4 nach den Vorführungen um Spenden, die teils auch uns zugute kommen. Vor allem bei den Erwachsenen-Filmen ist das übers Jahr schon eine stolze Summe. Aber natürlich steht hier die Rückkehr ins frühere Kino im Vordergrund, das hat etwas Nostalgisches. Und das Team leistet wirklich tolle Arbeit, das sind alles fähige, engagierte Leute. Die Zusammenarbeit mit ihnen – wie auch mit Beate Klein-Liebheit von der Stadt – macht einen Heidenspaß.
Gibt es überhaupt Tage, an denen das Haus komplett geschlossen ist?
Ja, in den Weihnachts- und Osterferien ist geschlossen, in den Sommerferien weniger los. Da sind wir für viele Ferienspielaktionen in der Region gebucht. Ab und zu gibt es mal einen Tag ohne Veranstaltung, aber dann sind wir meistens mit Reinigungs- oder anderen Arbeiten beschäftigt. Im Normalbetrieb haben wir pro Woche zirka 25 bis 30 Belegungen.
Der Traum des Pepperoni-Gebäudes ist erfüllt – gibt es einen weiteren?
Vielleicht weniger einen Traum, als vielmehr einen Wunsch: dass es uns auf lange Sicht gelingt, finanziell etwas unabhängiger zu werden, dass nicht alles, was wir machen, immer gleich rentabel sein und etwas dabei herumkommen muss. Die Rückzahlung des Darlehens und die Deckung der laufenden Kosten bleiben große finanzielle Herausforderungen für uns. Deshalb wehren wir uns weiterhin nicht gegen Spenden und Fördermitgliedschaften (schmunzelt). Und es wäre schön, wenn es auch für unser Metier nennenswerte institutionelle Förderungen gäbe. Aber diesbezüglich wird Kultur leider nach wie vor anders bewertet.
Ihre Bilanz nach zwei Jahren?
Mich macht es glücklich, dass unser Haus so vielfältig und von unterschiedlichen Bevölkerungsschichten genutzt wird. Ins Kino kommen andere Leute als zu den Konzerten und dort wiederum andere als in die Kurse. Und immer wieder betonen Menschen, wie gelungen das Haus und dass es eine Bereicherung für die Stadt ist. Das ist für uns eine tolle Bestätigung.
Zur Sache: Die Pepperoni und das Zirkushaus
Der 1988 gegründete Kinder- und Jugendzirkus Pepperoni ist ein gemeinnütziger Verein und Träger der freien Jugendhilfe. Zweck ist laut Satzung „die Förderung der kreativen, künstlerischen, geistigen, sportlichen und motorischen Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen“. Wöchentlich nehmen rund 400 Kinder und Jugendliche an den Programmen teil. An drei Schulen im Kreis (Grundschule Kirchheimbolanden, IGS Eisenberg, Schule am Donnersberg Rockenhausen) ist der Verein aktiv, bietet zudem offene Kurse an. Das Ziel: „Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten zusammenzubringen und vor allem finanzschwache Familien und bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche am kulturellen Leben aktiv teilhaben zu lassen.“Dieter Krücken (63) ist Projektleiter und Kassenwart, seine Lebensgefährtin Andrea Baldauf fungiert als erste Vorsitzende. Schon viele Jahre wünschten sich die Pepperoni ein vereinseigenes Domizil. Zum einen, damit das Trainieren an wechselnden Stätten und somit das Leben „aus dem Bus“ ein Ende hat; zum anderen, um dadurch die Chancen zu erhöhen, jüngere Trainer und somit potenzielle Nachfolger heranzuziehen.
Begonnen hat das Mammut-Projekt 2014 mit dem Kauf des leerstehenden Anwesens in der Schlossstraße, das von 1950 bis in die 70er Jahre ein Kino, danach ein Lebensmittel- und ein Schreibwarengeschäft beherbergte. Den Erwerb ermöglicht hatte der Südwestrundfunk, der dem Verein 200.000 Euro aus Spenden der Kinderhilfsaktion „Herzenssache“ zur Verfügung gestellt hatte.
Bis zur Fertigstellung wurden rund 800.000 Euro verbaut – etwa ein Viertel hat der Verein über Kredite zu stemmen. Und das, obwohl zahlreiche Sponsoren und Spender zur Realisierung des Projekts beigetragen und die Vereinsmitglieder über 3000 Stunden Eigenleistung erbracht haben. Auf dem Weg zum Zirkushaus mussten Dieter Krücken und seine Mitstreiter einen Berg von Steinen aus dem Weg räumen: bürokratische und finanzielle Hürden, Verzögerungen, weil Firmen wegen voller Auftragsbücher Termine nicht einhalten konnten, ein tragischer Sturz, bei dem 2018 der damalige Planer ums Leben gekommen ist, und dann auch noch Corona. Anfang 2022 sind die Pepperoni in ihr Gebäude eingezogen – seither können sie hier nach Herzenslust jonglieren, balancieren oder durch die Luft wirbeln. Eine lange Geschichte mit Happy-End.
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