Rockenhausen RHEINPFALZ Plus Artikel Zoar-Vertreter zur Pflegereform: „Wir hätten uns etwas anderes gewünscht“

Erich Rose (links), beim Diakoniewerk Zoar für die Abteilung Altenhilfe zuständig, und der Leiter der Finanzabteilung Yves Schmi
Erich Rose (links), beim Diakoniewerk Zoar für die Abteilung Altenhilfe zuständig, und der Leiter der Finanzabteilung Yves Schmitt auf der Sommerterrasse der RHEINPFALZ im Gespräch mit Redakteur Rainer Knoll.

Im Januar tritt eine Pflegereform in Kraft. Aus Zoar-Sicht eher ein Pflegereförmchen. Im evangelischen Diakoniewerk hofft man weiter auf einen größeren Wurf, wie Erich Rose und Yves Schmitt in der Sommerredaktion verrieten. Sie wünschen sich vor allem für die Bewohner Verbesserungen.

Ab 1. Januar sollen nach der Pflegereform Heimbewohner finanziell entlastet und es soll langfristig für mehr Personal gesorgt werden. Erich Rose, beim Diakoniewerk Zoar für die Abteilung Altenhilfe zuständig, und der Leiter der Finanzabteilung Yves Schmitt sind da allerdings skeptisch.

Herr Rose, Herr Schmitt, was bedeutet die Pflegereform für Zoar?
Schmitt: Es ist auf jeden Fall nicht das, was wir uns vorgestellt und was wir uns für unsere Bewohnerinnen und Bewohner gewünscht haben. Unsere Hoffnung war, dass mit der Reform die Refinanzierung in der Altenhilfe völlig neu geregelt würde. Der Eigenanteil für die Bewohner einer stationären Einrichtung sollte nach unserer Auffassung zwischen 700 und 900 Euro gedeckelt werden. Stattdessen wird es jetzt einen Zuschuss geben, der aber in spätestens zwei Jahren wieder aufgefressen sein wird. Zumal dieser Zuschuss gestaffelt ist: im ersten Jahr fünf Prozent, im zweiten Jahr 25, im dritten Jahr 45. Erst im vierten Jahr werden in einer stationären Einrichtung 70 Prozent der pflegebedingten Kosten übernommen. Eine Kostenerstattung im Bereich Unterkunft, Verpflegung und der Investitionskosten hat der Gesetzgeber leider nicht vorgesehen.

70 Prozent Kostenerstattung, das klingt doch sehr gut.
Rose: Aber wenn man weiß, dass die Aufenthaltsdauer in den Pflegeeinrichtungen immer kürzer wird, dann weiß man auch, dass diese 70 Prozent nicht viel bringen. Heute kommen die Menschen oft erst in eine Einrichtung der Seniorenhilfe, wenn sie schon sehr betagt sind und oft auch gesundheitlich sehr eingeschränkt. Insbesondere im ländlichen Raum ist das so, denn hier sind die familiären Strukturen oft noch so, dass die alten Menschen lange in ihren Häusern bleiben können, wo sie von Familienangehörigen und möglicherweise Sozialdiensten versorgt werden. Das heißt, für viele ist, wenn sie in stationäre Einrichtungen kommen, die Lebensdauer begrenzt. Nur wenige können von dem 70-Prozent-Zuschlag überhaupt profitieren.

Das heißt also, viele Bewohner profitieren nur von den Kostenreduzierungen der ersten Jahre?
Schmitt: Nicht einmal das, denn im Gegenzug steigen ja die Kosten für die Unterbringung jährlich zwischen zwei und fünf Prozent, und der Löwenanteil davon geht auf die Bewohner über. Es ging ja bei der Reform darum, den persönlichen Einsatz der Heimbewohner zu reduzieren, und es sollten die Sozialkassen entlastet werden. Aber diese Rechnung geht nicht auf, zumal sich 2023 der Personalschlüssel erhöhen wird, auch dabei entstehen natürlich Mehrkosten. Eine finanzielle Entlastung für die Bewohner sehen wir, wenn überhaupt, dann nur für einen kurzen Zeitraum.

Dass sich der Personalschlüssel verändern soll, also mehr Personal für die Pflege eingesetzt und dann auch besser bezahlt werden soll, ist aber ja sicher in Ihrem Sinne?
Rose: Selbstverständlich ist es das. Was die Menschen in der Pflege leisten, und da spreche ich sicher nicht nur für Zoar, das ist enorm. In körperlicher und in mentaler Hinsicht. Und zwar nicht nur in Corona-Zeiten. Aber wir müssen natürlich fragen, woher das Personal kommen soll, mit dem da geplant wird.

Welche Möglichkeiten sehen Sie da, beziehungsweise was tut Zoar, um Personal zu gewinnen?
Schmitt: Wir bezahlen unsere Mitarbeiter überdurchschnittlich, das ist schon ein wichtiger Punkt. Zudem muss ein Arbeitgeber, um attraktiv zu sein, mehr als einen guten Verdienst anbieten, damit die Mitarbeiter zufrieden sind und gerne dort arbeiten. Wir unterstützen beispielsweise Mitgliedschaften in Fitnessstudios oder bieten Kochkurse und Massagen für unsere Mitarbeiter an und machen Bildungsangebote. Neuerdings bieten wir auch E-Bike-Leasing, das sehr gut angenommen wird.

Rose: Noch können wir unsere Stellen gut besetzen, aber wir müssen auch etwas dafür tun. Wir haben eben auch die Konkurrenz durch die Krankenhäuser, ambulante Dienste und andere Einrichtungen im Gesundheitswesen. Das heißt, wir müssen uns schon auch strecken, damit es so gut bleibt.

Versuchen Sie auch, ausländische Kräfte zu gewinnen?
Rose: Ja, wir haben beispielsweise Kräfte aus Albanien hier erfolgreich ausgebildet. Die Mehrheit blieb uns erfreulicherweise erhalten, einige wenige gingen wieder zurück.

Wird es künftig leichter werden, hat der Pflegeberuf durch die Corona-Zeit ein besseres Image und damit auch an Attraktivität gewonnen?
Schmitt: Ob Corona ein Umdenken bewirkt hat, lässt sich noch nicht sagen. Generell werden Berufe in der Pflege immer herausfordernd und anspruchsvoll sein. Aber es gibt Gutachten, die zu dem Schluss kommen, dass wir im Bundesschnitt 30 bis 40 Prozent mehr Personal in der Pflege bräuchten, um eine echte Entlastung zu erzielen. Wenn das umgesetzt würde, dann würde das diesen Beruf sicher attraktiver machen. Aber diese Zahlen sind bundesweit zu betrachten. Wir stehen hier glücklicherweise besser da.

Interview: Jutta Glaser-Heuser und Rainer Knoll

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