Donnersberger Echo RHEINPFALZ Plus Artikel WM in Katar: Schauen trotz Schande? – Unsere Wochenendkolumne

fußballaffen3

Wohl kein vernünftiger Mensch wird die Fußball-WM in Katar ernsthaft gutheißen. Aber kann man sie trotzdem im Fernseher schauen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben?

Nun also auch noch die Binde. Also die Kapitänsbinde mit der Aufschrift „One Love“, die der deutsche Nationaltorhüter Manuel Neuer in der Partie gegen Japan als Zeichen gegen Diskriminierung und für Vielfalt tragen wollte – was der allmächtige Fußball-Weltverband Fifa bekanntlich kurz zuvor verboten hat.

Als hätte es noch eines Mosaiksteins bedurft, damit die WM in Katar als ganz dunkler Fleck in die Fußball-Historie eingehen wird. Zu lang ist die Liste der Peinlichkeiten, Unzulänglichkeiten, moralischen und rechtlichen Verwerfungen, die mit dem Turnier verbunden sind. Angefangen 2010 mit der von Korruptionsvorwürfen begleiteten Vergabe in die Wüste. Wo im Sommer – wie man verwundert festgestellt hat – aufgrund der Hitze nur schlecht Leistungssport betrieben werden kann. Weshalb wir nun eine WM (Wintermeisterschaft) haben, die im Grunde keiner will und keiner braucht.

Ein beispiellos unkritischer Fifa-Präsident

Viel schlimmer sind aber die Menschenrechtsverstöße, die Diskriminierung von Homosexuellen und Frauen, die Ausbeutung von Gastarbeitern, von denen Berichte zufolge Tausende beim Bau der Stadien ums Leben gekommen sein sollen. Vorwürfe, die von Katar mit Verweis auf angebliche Fortschritte und Reformen als Kampagne abgetan werden – unterstützt von einem Fifa-Präsidenten Infantino, der selbst seit Monaten in Katar lebt und sich in beispiellos unkritischer Weise an die Seite der Gastgeber stellt. Wie die propagierten Öffnungen aussehen, zeigt sich etwa an der Frauen-Nationalmannschaft Katars – die seit 2014 kein Spiel mehr bestritten hat ...

Das alles ist hinlänglich bekannt und diskutiert – bis hin zur Frage, die wir in unserer Serie Persönlichkeiten aus dem Kreis stellen: Ob sie die Begegnungen am Fernseher (auf dem Tablet, Smartphone...) verfolgen – oder ob die Mattscheibe in diesem Jahr schwarz bleibt. Ich denke, das muss tatsächlich jeder für sich selbst beantworten – der moralische Zeigefinger ist meines Erachtens in beide Richtungen fehl am Platz. Ich kann jeden verstehen, dem angesichts der genannten Um- und Missstände die Lust auf das Turnier vergangen ist.

Begeisterung? Fehlanzeige!

Dass sich aber viele Menschen mit einer kategorischen Entscheidung schwer tun, zeigen auch die bisherigen Antworten, die sich in den meisten Fällen zwischen „Ich schalte eher nicht ein, höchstens mal, wenn die Deutschen spielen“ und „Wenn ich Zeit und Lust habe, schaue ich mal ein Spiel“ bewegen. Klar ist: Echte Begeisterung kommt in unserem Land nicht auf – und das ist auch gut so!

Persönlich bin ich dennoch der Meinung, dass man das eine tun kann (die Fifa und Katar kritisieren), ohne das andere (den TV-Konsum) gänzlich zu lassen. Mal abgesehen davon, dass die Anstoß- mit unseren Arbeitszeiten nur wenig kompatibel sind und das deutsche Team vermutlich schon nach der Vorrunde wieder seine Koffer packen wird: Als Fußball-Fan verfolge ich, wenn es die Zeit zulässt, die Spiele – im heimischen Sessel, ohne jegliches Brimborium.

Schauen ja, feiern nein

Die Kicker – für manche ist es die einmalige Chance, bei einer WM dabei zu sein – können ja am wenigsten für den Schlamassel. Bei der Vergabe des Turniers waren die Nationalspieler Youssoufa Moukoko und Jamal Musiala sechs und sieben Jahre alt! Das Argument, mit einem Verzicht über die Einschaltquote etwas bewirken zu können, erscheint mir arg konstruiert. Was mir aber widerstrebt: Über den Sport hinaus aus dieser „Weltmeisterschaft der Schande“ ein Event zu machen. Daher halte ich es für richtig, dass auch am Donnersberg fast gänzlich auf öffentliche Übertragungen oder gar Public Viewings verzichtet wird. Denn Bilder von feiernden Massen, die als Beleg für die selbsternannte „beste WM aller Zeiten“ dienen könnten, müssen nun wahrlich nicht sein.

Zurück zur Binde: Ob die sicher gut gemeinte Aktion so glücklich war – die „One Love“-Aufschrift stellte ohnehin nur ein Ersatz für das zuvor bereits verbotene Regenbogen-Symbol dar –, sei mal dahingestellt. Unsäglich ist aber, dass die Fifa, obwohl die Pläne seit September bekannt waren, diesen erst unmittelbar vor Turnierstart unter Androhung sportlicher Konsequenzen für die Teams einen Riegel vorgeschoben haben.

Für Werte einstehen – wenn’s nicht weh tut

Natürlich lässt sich als Außenstehender leicht fordern, dass (nicht nur) die deutsche Elf hätte standhaft bleiben, gelbe und rote Karten sowie schlimmstenfalls Punktabzüge in Kauf nehmen sollen. Sofern sie, das nur am Rande, nach der Vorrunde überhaupt Zähler auf dem Konto hat... Aber gewünscht hätte ich mir schon, dass man den großen Worten Taten folgen lässt. Bei allem Verständnis, die Kontroverse nicht auf dem Rücken der Spieler austragen zu wollen, bleibt am Ende der Eindruck: Wir stehen für gewisse Werte ein – aber nur, solange es nicht weh tut. Daran ändern auch die zugehaltenen Münder auf dem Mannschaftsfoto vor der Japan-Partie nur wenig.

Wie man eindrucksvoll ein Zeichen setzt, hat die iranische Elf am Montag gegen England durch ihr Schweigen bei der Nationalhymne demonstriert – ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Ihre Unterstützung für die Proteste zugunsten mehr Frauenrechten wird auch Sussan und Sara Pasuki aus Kirchheimbolanden gefreut haben, die eine Solidaritätskundgebung auf dem Römerplatz organisiert hatten. Die iranischen Kicker sammelten dadurch jedenfalls Pluspunkte – wenn auch nicht für die Tabelle. Dass sie am Freitag in der zweiten Partie gegen Wales nun doch mitgesungen haben, öffnet Spekulationen über Druck aus Teheran Tür und Tor. Apropos Tor: Das haben sie gegen Wales zweimal getroffen – aber bei dem Turnier geht es ja längst nicht mehr (nur) darum, dass das Runde ins Eckige muss...

x