Donnersbergkreis RHEINPFALZ Plus Artikel Winnweiler: Der katholische Pfarrer Carsten Leinhäuser über seinen „schrägen Verein“ Kirche

„Ich sehe mich als Seelsorger, der den Job hat, Menschen zu begleiten, ihnen zu helfen“, sagt Pfarrer Carsten Leinhäuser.
»Ich sehe mich als Seelsorger, der den Job hat, Menschen zu begleiten, ihnen zu helfen«, sagt Pfarrer Carsten Leinhäuser.

Er bezeichnet seine katholische Kirche schon mal als „schrägen Verein“, geht auch sehr kritisch mit ihr um. Dennoch ist Carsten Leinhäuser Pfarrer von ganzem Herzen. Er hat sein eigenes Bild von Kirche. Auf diesem Weg will er die Menschen mitnehmen. Seit vier Monaten macht er das in der Pfarrei Winnweiler.

„Meine Kirche ist ein total schräger Verein. Und ich mag sie. Dieses schaukelnde und knazernde Narrenschiff. Trotzdem und deshalb. Weil Gott trotzdem und deshalb drinsteckt. Scheint auch ein leicht schräger Typ zu sein. So schräg, dass er sich auf die Menschen einlässt. Und das macht ihn zu einem echt coolen Typen. Und die Kirche zu einem coolen schrägen Verein.“ Carsten Leinhäuser hat so seine eigene Ansichten von Kirche. Das gefällt nicht jedem. Der 40-Jährige weiß das.

Seit 1. Oktober ist er Pfarrer der katholischen Pfarrei Heilig Kreuz Winnweiler, die von ihrem Gebiet her fast deckungsgleich mit der Verbandsgemeinde Winnweiler ist. Es ist eine Umstellung für ihn. Zehn Jahre lang war er zuvor in Speyer. Er wurde 2010 in der Abteilung Jugendseelsorge des bischöflichen Ordinariates in Speyer Referent für Ministranten und Leiter der Stabstelle Berufungspersonal, im November 2014 wählten ihn die Jugendlichen zum Präses des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Zudem war er von Januar 2015 an Diözesanjugendseelsorger im Bistum Speyer. „Gemeinsam mit einem tollen Team war ich zuständig für die Jugendarbeit im Bistum: Für knapp 13.000 Kinder und Jugendliche in unseren Jugendverbänden und Ministranten“, erzählt der im saarländischen Rohrbach geborene Leinhäuser.

Kontrast in der Nordpfalz

Nun der Kontrast. Pfarrer in einer zwar eher kleinen Pfarrei, dennoch sind sechs Gemeinden und neun Kirchen zu betreuen. „Es ist schon eine Herausforderung, in den ganzen kleinen Ortschaften die Leute kennenzulernen“, sagt er. Hinzu komme sein Verständnis von einem demokratischen Miteinander, von einem Begegnen auf Augenhöhe, von Entscheidungen, die auf eine demokratische Art und Weise gefällt werden. „Ich merke, dass das hier noch schwierig ist“, gesteht der 40-Jährige. Froh ist er über die Unterstützung von Gemeindereferentin Gabriele Heinz. Von seiner Arbeit mit den Jugendlichen könne man durchaus auch etwas lernen: „Sie streiten auf ihre Art und Weise auch mal, wenn es um Themen geht. Danach setzen sie sich aber zusammen und alles ist gut.“

Das Bild des Pfarrers, es habe sich gewandelt. „Früher war er überall präsent. Ein Pfarrer hatte möglichst viele Gottesdienste zu halten.“ Das sei heute nicht mehr so – nicht nur wegen der Großpfarreien. „Eine lebendige Gemeinde sollte ein Ort sein, wo Menschen Zuflucht finden, wenn sie Beistand brauchen.“ Natürlich gehöre hier auch der klassische Gottesdienst dazu. Aber eben nicht nur. Man müsse sich als Pfarrer die Frage stellen, ob man gebraucht werde und welchen Beitrag man vor Ort leisten kann. „Ich habe hier durchaus das Gefühl, dass ich gebraucht werde.“

Übrigens nicht nur von älteren Menschen. Denn natürlich weiß auch Leinhäuser, dass es schwer ist, den Nachwuchs für die Kirche zu begeistern. Deshalb sollten zum Beispiel Gottesdienste lebensnah gestaltet sein. „Die Teilnehmer sollten dort etwas erfahren, was ihnen weiterhilft.“ Dann habe die frohe Botschaft einen Mehrwert. „Wenn junge Menschen das nicht erfahren, habe ich Verständnis dafür.“ Kirche brauche Angebote, die attraktiv sind. „Ich versuche in meinen Gottesdiensten, die Predigt mit dem Alltag zu verbinden. Keine theologische Vorlesung, wo von der Lehre, dem netten lieben Gott gesprochen wird. Die Menschen sollen eine Botschaft mitnehmen.“

Gottesdienst für Verliebte

Erste „kleine Früchtchen“, wie es Leinhäuser nennt, gebe es bereits. Beispielsweise Kommunionkinder, die nun auch Messdiener sind. Der Pfarrer möchte aber auch neue Wege gehen, Dinge ausprobieren. So etwa einen konkreten Anlass nehmen, um ein Angebot zu machen, das einen Mehrwert habe. Wie ein Gottesdienst für Verliebte am morgigen Freitag, 19 Uhr, in der Kreuzkapelle in Winnweiler. Da werde es unter anderem einen Sektempfang geben, neue geistliche Lieder werden zusammen mit einer Band geprobt. „Inhaltlich wird es darum gehen, wo stehen wir in unserer Beziehung, was haben wir zusammen erlebt, welche Erinnerungen gibt es, für die wir Dank sagen wollen?“ Eingeladen sind alle Paare, egal welcher Konfession, auch gleichgeschlechtliche Paare – „ganz offen ohne Scheuklappen“, nennt es der Pfarrer. Und wer mag, könne sich von ihm oder Gemeindereferentin Gabriele Heinz segnen lassen. Auf die Rückmeldungen ist der 40-Jährige schon gespannt – und offen für konstruktive Kritik. „Das ist ein Versuchsballon.“

Buch erscheint am 3. März

Zurück zu diesem „schrägen Verein“ Kirche: Darüber hat Carsten Leinhäuser nämlich auch ein Buch geschrieben, das am 3. März erscheinen wird. „Unterwegs im Auftrag des Herrn – Kirche kann ganz anders sein!“ lautet der Titel. Der „Bene“-Verlag war auf ihn zugekommen, nachdem er sich im Zuge des Missbrauchsskandals in der ZDF-Sendung „Frontal 21“ deutlich positioniert, von seiner Kirche Konsequenzen gefordert hatte.

Und so fing der Pfarrer an, Kapitel für Kapitel zu schreiben – Erlebnisse zu erzählen, seine Verbindungen zu Gott, auf eine „meistens flapsige, lustige Art und Weise“, wie es Leinhäuser beschreibt. Geschichten, die er selbst erlebt hat, Momente, wo ihm Gott im Alltag begegnet ist.

Der Traum von Kirche

Das an ganz unterschiedlichen Orten. In der Buchbeschreibung wird der Geistliche auch als „Abenteurer Gottes“ bezeichnet, als einer, der in kein Klischee passt. Einer, der auch mal wütend feststellt, was ihn an Kirche stört. Was ist sein Traum von Kirche? „Ein Ort, wo Menschen zusammenkommen, die die Botschaft Jesu interessant finden, sagen, das hat was mit dem Leben zu tun. Den über 2000 Jahre alten Schinken in den Alltag übersetzen.“ Menschen sollen in den Gottesdienst kommen, weil es ihnen Spaß macht. Dieses Verständnis von Kirche hat Leinhäuser erstmals während seines Theologiestudiums gespürt. Damals, als er mit der Kolpingjugend einen Monat lang bei einem Arbeitseinsatz in Brasilien war. Als er dort – auf dem Land – in eine Gemeinde kam, in der die Fröhlichkeit ihn ansteckte. In der Menschen die Ärmel hochkrempelten und versuchten, gemeinsam die Welt besser zu machen. „Da kam der Wunsch auf, Priester zu werden. Und ich liebe diesen Job auch heute noch total.“ Auch wenn er mittlerweile zu 80 Prozent aus Verwaltungsaufgaben bestehe.

Kirche, sagt Carsten Leinhäuser, soll ein Ort sein, wo Menschen miteinander Verantwortung tragen. Und wo nicht ein Chromosom darüber entscheiden dürfe, was jemand kann und was nicht. Heißt, in der katholischen Kirche sollte es auch Pfarrerinnen geben dürfen. „Ein Pfarrer soll niemand sein, der über anderen steht.“ Er dürfe durchaus auch Kumpel sein. „Ich sehe mich als Seelsorger, der den Job hat, Menschen zu begleiten, ihnen zu helfen“, sagt Leinhäuser. Da dürfe man auch ein schräger Typ in einem „schrägen Verein“ sein...

Info

Am Valentinstag, 14. Februar, lädt die Pfarrei Heilig Kreuz um 19 Uhr Verliebte und Paare zu einem Gottesdienst in die illuminierte Kreuzkapelle in Winnweiler ein.

Am Dienstag, 3. März, liest Pfarrer Carsten Leinhäuser in der Kneipe „Zum Schnorres“ in der Schlossstraße 30 in Winnweiler aus seinem Buch „Unterwegs im Auftrag des Herrn – Kirche kann ganz anders sein!“ Der Eintritt ist frei, die Plätze sind begrenzt. Um Anmeldung wird gebeten, per E-Mail an der.schnorres@gmail.com oder per Whats-App-Nachricht an 0176 47800161.

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