Rockenhausen
Wie die katholischen Kirchenglocken vor 100 Jahren aus dem Ruhrgebiet in die Nordpfalz kamen
In schöner Regelmäßigkeit schlagen die Glocken der katholischen Kirche Rockenhausen täglich um 7, 12 und 18 Uhr zum Angelus-Läuten, berichtet Christel Mayer, stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungs- und des Pfarreirats der Pfarrei Heiliger Franz von Assisi in Rockenhausen. Die kleinste Glocke zeige zudem die Viertel- und Halbstunden und die große die vollen Stunden an. Zum Jubiläum gibt es nun einen Extra-Glockenschlag. Dieser soll bei einer Andacht am Sonntag, 7. Mai, um 17 Uhr erklingen. „Es wird der gleiche Tag und etwa auch die gleiche Uhrzeit sein wie vor 100 Jahren, als sie zum ersten Mal schlugen“, berichtet Mayer.
Nachdem die frühere Kirche in Rockenhausen im Jahr 1900 abgebrannt war, wurde der Neubau 1917 eingeweiht, blickt Mayer in die Historie. Damals seien zwei kleinere Glocken aus einer „Notkirche“ mit in die neue Kirche mit dem markanten Rundturm aus Otterberger Sandstein genommen worden. Doch diese gemieteten Glocken konnte sich die Gemeinde in den Inflationszeiten nicht mehr leisten. Daher sei 1922 beschlossen worden, neue Glocken in Auftrag zu geben.
Stahlglocken im Schwäbischen gehört
„Die meisten Glocken waren damals aus Bronze“, berichtet Mayer weiter. Doch Pfarrer August Seither – er wirkte von 1920 bis 1934 in der Stadt – habe eine Alternative gefunden. „Der Pfarrer ist damals überall herumgefahren und hat nach Glocken geschaut“, weiß sie. Dann habe er im Schwäbischen Stahlglocken gehört und für gut befunden.
Hergestellt hatte die Exemplare der Bochumer Verein für Bergbau und Gussstahlfabrikation. Die große Glocke „Jesus“ hat laut Mayer einen Durchmesser von 143 Zentimeter und wiegt 26 Zentner. Ihr Hauptton ist ein dis. Die mittlere Glocke „Maria“ mit dem Hauptton fis misst 126 Zentimeter und ist 15 Zentner schwer. „Joseph“, die kleine Glocke mit 110 Zentimeter, hat ein Gewicht von zwölf Zentnern und den Hauptton gis; als Oberton schwingt ein h mit.
Ruhrkampf behindert Transport
Am 23. April erreichte die Gemeinde ein Telegramm des Bochumer Vereins mit der Mitteilung, die Glocken könnten am 30. April abgeholt werden, berichtet Mayer weiter. „Doch damals herrschte der Ruhrkampf. Französische und belgische Truppen besetzten das Ruhrgebiet als Reaktion auf den Rückstand bei der Lieferung von Sachleistungen an die Sieger des Ersten Weltkriegs. Die Bahnstrecke war gesperrt, und man brauchte eine Erlaubnis für die Sperrzone“, beschreibt sie die komplizierten Bedingungen.
Pfarrer Seither schrieb hierzu im Pfarrgedenkbuch: „Es fand sich glücklicherweise ein Lastautobesitzer von Kaiserslautern, der gerade in jenen Tagen drunten am Rhein sein Auto hatte. Dieser brachte, mit einem Empfehlungsschreiben des hiesigen französischen Delegierten Revol versehen, trotz mehrfachen Hindernissen, glücklicherweise die Fracht in die Pfalz. Radfahrer und Reiter zogen den Ankömmlingen schon in den ersten Nachmittagsstunden des 1. Mai bis nach Bayerfeld entgegen.“
Glocken schlagen erstmals am 7. Mai 1923
Am darauffolgenden Sonntag, den 6. Mai 1923, wurden die Glocken durch Bischof Ludwig Sebastian geweiht. Am folgenden Tag wurde das Geläut aufgezogen, und am frühen Nachmittag des 7. Mai 1923 erklang es zum ersten Mal in Rockenhausen. Wie Mayer weiter informiert, kosteten die Glocken 379.200 Mark. Eine erste Schätzung hatte vier Monate zuvor noch 150 Prozent unter diesem Preis gelegen – die genannte Inflation schlug stark zu Buche. Noch deutlich teurer seien allerdings die Transportkosten gewesen: Diese beliefen sich auf fast 1,5 Millionen Mark. Hinzu seien noch Arbeiten am Glockenstuhl gekommen.
Die Glocken für die aktuell 2127 Katholiken der Pfarrei Heiliger Franz von Assisi mit Kirchen in Rockenhausen, Katzenbach, Imsweiler, Schweisweiler, Dörnbach, Bayerfeld, Gerbach und Ruppertsecken dürften also auch heute noch von hohem Wert sein. Und im Zusammenklang mit der protestantischen Kirche am Marktplatz sind sie zudem durchaus hörenswert. Das achtstimmige Geläut bestehe seit 1955, ergänzt Mayer. Während des Zweiten Weltkriegs wurde ein Teil der bronzenen protestantischen Kirchenglocken in Rockenhausen zu Rüstungszwecken demontiert und eingeschmolzen, weiß sie zu erzählen. „Dieses Schicksal blieb den katholischen Gussstahlglocken erspart.“