Börrstadt
Warum Ralph und Johannes Brendel mit 800 Schafen umziehen mussten
Die Börrstadter Schäfer Ralph und sein Sohn Johannes Brendel hatten das Gelände auf dem ehemaligen US-Militärflughafen Sembach (Kreis Kaiserslautern) von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) seit 1993 gepachtet. Am 28. Februar bekam der Schäfereibetrieb Post von der Behörde: Sie enthielt die Kündigung für die Nutzung der rund 55 Hektar großen Weidefläche zum 31. März: „Mit der Begründung, dass der Verdacht bestehe, dass das Gelände teilweise mit per- und polyfluorierten Chemikalien (PFAS) belastet sei, das Nachuntersuchungen durchgeführt würden und die Weideflächen als Vorsichtsmaßnahme gekündigt würden“, gibt Ralph Brendel den Inhalt des Schreibens wieder.
So kurzfristig sei die plötzliche Kündigung für sie „existenzbedrohend“ gewesen, schildern die beiden Schäfer. Sie hätten damals nur diese eine Sommerweide gehabt und innerhalb von wenigen Wochen für die 800 Tiere eine neue und vor allem ausreichend große Weidefläche finden müssen. In einem Telefonat mit einem Bima-Mitarbeiter habe sich dieser für die kurzfristige Kündigung entschuldigt. Die Begründung können die Schäfer nicht nachvollziehen – ebenso wie Sembachs Ortsbürgermeister Fritz Hack. „Es stimmt, es gibt hier ein paar Flecken, wo die Belastung höher ist. Aber die hätte man ja eingrenzen können“, sagt Hack. Schließlich seien auf dem Areal rund 1500 Bohrungen vorgenommen worden, um Proben zu nehmen. „Wenn man jetzt den ganzen Flugplatz sperrt, hätte man auch die ganze Wohnbebauung ringsum stoppen müssen“, argumentiert Ralph Brendel.
Futterproben nie beanstandet
In den vielen Jahren, in denen die Mutterschafe auf dem Areal, das als Gewerbepark vermarktet wird, geweidet hatten, habe die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Neustadt mehrfach Futterproben von dem Gras genommen. „Ohne Beanstandung“, sagt Brendel, der eine mögliche Gefährdung durch das Essen des Fleischs der Tiere für unwahrscheinlich hält. Die Lämmer, deren Fleisch anschließend verkauft werde, würden nicht auf der Weide, sondern im Stall geboren und dort auch gefüttert. Die Mutterschafe dienten quasi als „lebende Rasenmäher“. „Sie sterben eines natürlichen Todes. Ihr Fleisch wird nicht zum Verzehr verwertet, sondern kommt in eine Tierkörperbeseitigungsanlage“, erklärt der Schäfer. Das Fell werde abgeschoren und dann zum Beispiel für die Herstellung von Dämmstoffen verwendet.
Gibt es tatsächlich eine Gefährdung? Der Bima lagen keine Erkenntnisse darüber vor, dass in den Pflanzen am ehemaligen Flugplatz PFAS enthalten sind, lautet die Auskunft. „Ob oder auf welche Art und Weise, ausgehend von der möglichen Verunreinigung des Bodens, PFAS in Pflanzen und über das Futtermittel in Tiere aufgenommen werden, ist Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion“, schrieb die Behörde auf Nachfrage der RHEINPFALZ. Sie verwies damit auf ein Gutachten, dessen Ergebnisse jetzt vorliegen (Zur Sache). Der Pachtvertrag sei lediglich rein vorsorglich gekündigt worden.
„Das Areal ist gar nicht zu pflegen. Da kommt man mit einem normalen Mulcher gar nicht durch. Dazu kommt noch, dass dort teilweise noch Betonplatten liegen“, spricht der Ortsbürgermeister ein weiteres Problem an: die Frage, wie das Gelände zukünftig frei gehalten werden soll – das Gebiet durchziehen Spazierwege. „Weil die Schafe nicht kommen dürfen, wird das Gelände in kürzester Zeit verbuschen“, befürchtet der Ortsbürgermeister. Wenn das trockene Gras so hoch stehe, steige auch die Brandgefahr durch Selbstentzündung, so Johannes Brendel. Wie die Pflegemaßnahmen der Fläche in Zukunft umgesetzt werden, werde geprüft, hieß es von der Bima dazu. Werde maschinell gemäht, schade das dem Ökosystem, gibt Johannes Brendel zu bedenken.
Im Gegensatz zu den Schafen, die eine sanfte Landschaftspflege betrieben, sei der Maschineneinsatz mit Kahlschlag gleichzusetzen: „Insekten, Eidechsen und Bodenbrüter – das geht alles zugrunde.“ Von morgens bis abends hat er mit seinen fünf Hütehunden auf dem ehemaligen Flugplatzgelände verbracht: aufgepasst, dass die Schafe nicht über die Straßen laufen – oder in die Vorgärten der Anwohner. Der Kontakt zu den Sembachern sei gut gewesen, es seien Freundschaften entstanden.
„Die Leute rufen bei der Gemeinde an und fragen, warum die Schafe nicht da sind“, bekräftigt Hack. Inzwischen haben die Brendels eine Weidefläche in Obermoschel für ihre Tiere bekommen. Der Abschied von den althergebrachten Weideflächen fiel ihnen nicht leicht: „Für Familien war das eine schöne Sache. Die Kinder durften die Hütehunde streicheln. Viele Spaziergänger haben uns hier regelmäßig besucht“, schildern die beiden Schäfer.
Zur Sache: Was sind PAFs?
PFAS sind besonders stabile Fluor-Kohlenstoff-Verbindungen. Sie sind wasser-, fett- und schmutzabweisend: Zu finden sind sie unter anderem auch in Feuerlöschmitteln, die die US-Streitkräfte bis in die 1990er Jahre bei Übungen auf dem ehemaligen Flughafengelände in Sembach nutzten. Die Ergebnisse eines Gutachtens, das die Bima dazu in Abstimmung mit der Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd (SGD Süd) als zuständiger Bodenschutzbehörde durchgeführt hat, sollen genauere Auskunft über die Belastung des Geländes geben. Sie liegen inzwischen vor und werden von der SGD Süd geprüft. Auf Grundlage der Ergebnisse werde das weitere Vorgehen gemeinsam mit der zuständigen Verbandsgemeinde Enkenbach-Alsenborn (Kreis Kaiserslautern) abgestimmt, so die Bima. Es seien aber bereits jetzt weitere Untersuchungen geplant. Die Ergebnisse der Untersuchungen sollen der Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden – die Bima will dabei sowohl die fachliche Sichtweise als auch die Bewertung der Behörden darlegen.