Donnersbergkreis Von Wirtschaftskrise und Aufstand
Es sollte nur ein kleiner Festabend mit „prominenter Besetzung“ sein, wie Landrat Rainer Guth in seinen Begrüßungsworten zum Festakt „200 Jahre Landkommissariate“ im großen Sitzungssaal der Kreisverwaltung den rund 50 anwesenden „Freunden des Donnersbergkreises“ verkündete. Dieses Jubiläum sei quasi die „inoffizielle“ Geburtsstunde, so dass die „große Party“ erst zum 50. Geburtstag des Donnersbergkreises im August 2019 geplant sei, so der Landrat. Der pensionierten Leiter des Instituts für pfälzischen Geschichte und Volkskunde Roland Paul hielt einen Vortrag zu „200 Jahre Donnersbergkreis“.
Es war auch ein Vorgeschmack auf die kurzfristig aufgelegte kleine „bescheidene“ Festschrift, an der die Autoren Roland Paul, Werner Rasche, Gundula Nakfour, Dieter Krienke und Torsten Schlemmer mit „fundiertem Wissen, viel Fleiß und Liebe“ mitgearbeitet haben, so Guth. Ganz bewusst hatte der Geschichtsfachmann Paul in seinem Vortrag auf Aufreihungen von Daten und Namen verzichtet und lockte die Gäste mit einem kurzweiligen, mit netten kleinen Anekdoten gespickten Vortrag ein, in die Ursprungszeit des heutigen Landkreises und der Region Nordpfalz einzutauchen. Nach einem kurzen Vorwort zur Vielstaaterei und dem bunten territorialem „Flickenteppich“ der verschiedensten Adelsgeschlechter vor der „Franzosenzeit“ bis hin zur bayerisch-österreichischen Landadministrationsverwaltung der linksrheinischen Gebiete 1814 und der Bildung des bayerischen Rheinkreises 1817 gelangte der Geschichtskundler zur eigentlichen Entstehung des heutigen Landkreises. Am 6. November 1817 verfügte König Maximilian I. Joseph von Bayern per Reskript die Aufhebung der vier Kreisdirektionen und Aufteilung der „Rheinkreise“ – die Bezeichnung Pfalz wurde erst 1838 eingeführt – in zwölf Landkreise, was schließlich durch Verfügung der Regierung des Rheinkreises vom 17. Februar 1818 geschah. In der Urkunde hierzu wird verfügt, dass fortan die „Land-Commissariate“ Speyer, Frankenthal, Neustadt, Landau, Germersheim, Bergzabern, Zweibrücken, Pirmasens, Homburg, Kaiserslautern, Kusel und Kirchheim zu gründen sind. Sie regelt auch die Gehälter der fünf Bediensteten, aus denen die gesamte Verwaltung bestand, die am 1. April 1818 mit ihrer Tätigkeit begann. „Land-Commissär“ Georg Jakob Gießen erhielt nebst freier Wohnung, welche die Gemeinde des Hauptortes zu stellen hatte, den Jahresbetrag von 1500 Gulden sowie eine Reiseentschädigung von 300 Gulden. Dies wären heute in etwa 15.000 Euro Jahresverdienst. Der Kanton Winnweiler gehörte damals noch zum Land-Commissariat Kaiserslautern, einige Orte der „Alten Welt“ zum Landkommissariat Kusel. Zur Anfangszeit boten sich für die Bayern in der Pfalz und das neue Regierungsgebilde nicht die besten Voraussetzungen. So bremsten viele vorangegangene, aber auch folgende Ereignisse die Regierung, die wirtschaftliche und bevölkerungsstatistische Entwicklung der Region immer wieder stark aus. Gerade erst war eine der schlimmsten Wirtschaftskrisen überstanden. 1818 besserte sich nach einer „gesegneten“ Ernte zwar die soziale Lage, doch hatte die Pfalz im Vergleich mit den anderen bayerischen Regierungsbezirken immer noch die höchste Zahl „Ortsarmer“. Es folgte der Wandel in der Kirchengeschichte. Das katholische Bistum Speyer wurde gegründet und mit der Union von Lutheranern sowie Reformierten folgte die Gründung der Evangelischen Kirche der Pfalz. Auch Schweizer Glaubensflüchtlinge, die fleißigen Mennoniten und auch die handelstüchtigen Juden trieben Ackerbau, Viehzucht und Handel mit voran. Die schulischen Verhältnisse, die großteils noch von der „Franzosenzeit“ im Argen lagen, wurden neu strukturiert, Lehrer ausgebildet und in allen Dörfern „zweckmäßige“ Schulbauten errichtet, auch „Kunststraßen“, Gerichte, Forstämter und anderes entstanden in den nächsten Jahrzehnten: der Aufbruch in die „neue Zeit“. Doch gab es Spannungen mit der bayerischen Regierung, die Pfälzer waren unzufrieden, weil zu viele Geld nach Bayern abgezogen wurde, viele litten Not und wanderten nach Brasilien aus. Nach einem „Notjahr“ kam es 1832 zum Hambacher Fest, an dem auch viele Nordpfälzer teilnahmen. Die Liberalen forderten die „vereinigten Freistaaten Deutschlands“ und das „conförderirte republikanische Europa“. In der Nordpfalz saßen viele „aufmüpfige Schreier“, die den Bayern suspekt waren. Dem „Kirchheimer Land-Commissär“ wurde wegen Nichtmeldung das „Missfallen“ ausgesprochen und dem Polizeichef „Brigadier“ Bauer wegen Nachlässigkeit mit Versetzung gedroht. Doch die Aufstände der ersten Demokraten scheiterten und die politisch-wirtschaftlich-sozialen Verhältnisse besserten sich kaum, so dass es in der Folge zur riesigen Auswanderungswelle nach Amerika kam. Erst mit der Paulskirchen-Versammlung in Frankfurt – unter Beteiligung des Einselthumer Pfarrers Adolph Ernst Berkmann – wurden die Erwartungen der „Hambacher“ gehört, die Verfassung und Grundrechte des deutschen Volkes ausgearbeitet. Doch der bayerische König lehnte ab und es kam im Mai 1849 zum Aufstand und zu einer provisorischen Bildung der Regierung der Pfalz sowie der Lossagung von Bayern unter dem in Gaugrehweiler gebürtigen Präsident, dem Speyerer Notar Joseph Martin Reichert. Wenige Wochen später schlug man den Aufstand mit Militär blutig nieder, die Freischärler wurden verfolgt und ermordet. Die Region erlebte daraufhin eine Regierung mit „eiserner Hand“. 1862 nannte man die Kommissariate in Bezirksämter um. 1870 folgte der Deutsch-Französische-Krieg mit seinen großen Truppenbewegungen und die wichtigen Bahnstrecken wurden gebaut. Das Glan-Donnersberger-Rind erlangte nationalen Ruf und wurde bis ins englische Königshaus verkauft. Im Jahr 1900 hob man das Bezirksamt Rockenhausen aus der Wiege und passte die Grenzen etwas an. Nach einem langen Streit konnte sich Rockenhausen gegen Winnweiler als „mittige“ Sitzgemeinde durchsetzen. Erst mit der Jahrhundertwende hielt der Fortschritt Einzug: Elektrische Beleuchtung, Bahnnetzausweitung, Wasserversorgung, Wirtschaftswachstum. Der Aufwärtstrend wurde durch den verlorenen Ersten Weltkrieg abermals gebremst. Um die Not der Bevölkerung zu lindern und sich mit dem französischen Besetzern zu arrangieren, proklamierte der Orbiser Franz Josef Heinz 1923 die separatistische Bewegung „autonome Pfalz“, fiel aber einem von Bayern initiierten Attentat zum Opfer. Das folgende Jahrzehnt hob die NSDAP empor, die leider auch in der Nordpfalz viele Anhänger und einige Hochburgen hervorbrachte. Viele heimische Juden wurden verfolgt und vernichtet. Erst mit dem Einzug der Amerikaner 1945 konnte der friedliche Neubeginn starten. 1969 wurden die beiden Landkreise Rockenhausen und Kirchheimbolanden – seit 1939 Nachfolger der Bezirksämter – zum Donnersbergkreis verschmolzen. Mit der Erläuterung des Kreiswappens und der darin enthaltenen Sonne schloss Roland Paul mit den Worten: „Ich wünsche dem Donnersbergkreis, dass die Sonne auch weiterhin über dieses schöne Fleckchen Erde scheint, damit die hier lebenden Menschen gerne hier wohnen und der Kreis den Neuankommenden eine gute neue Heimat wird.“