Rockenhausen RHEINPFALZ Plus Artikel Sitzhersteller Adient bildet jetzt auch für andere Firmen aus

Im Rockenhausener Werk von Adient sind seit 1964 mehr als 1400 junge Menschen in Metall- und Elektroberufen – das Foto zeigt ein
Im Rockenhausener Werk von Adient sind seit 1964 mehr als 1400 junge Menschen in Metall- und Elektroberufen – das Foto zeigt einen angehenden Werkzeugmechaniker – ausgebildet worden.

Seit fast 60 Jahren bildet der Sitzhersteller Adient junge Menschen aus. Nach den jüngsten Einschnitten sind nun wieder mehr Azubis am Start – auch von anderen Firmen.

Über 1400 Lehrlinge haben seit 1964 im Industriegebiet Kreuzwiese ihr Handwerk gelernt. Keiper, Johnson Controls, Adient – der Name hat sich mehrfach geändert, eines ist in all den Jahren aber gleich geblieben: die Qualität der Ausbildung im Nordpfälzer Werk des weltweit größten Herstellers von Autositzen. Für diese werden in Rockenhausen Einzelteile und Komponenten produziert; Vorzeigeprodukte sind der drehbare Lehneneinsteller Taumel beziehungsweise die Hebel-Variante Lever, die in alle gängigen Fahrzeugtypen passen.

Im Laufe der Zeit ist hier eine Kompetenz-Kette gewachsen, die vom Werkzeug-Bau über die Produktion, Stanzerei und Wärmebehandlung bis hin zur Montage reicht. Mit positiven Folgen auch für den Fachkräfte-Nachwuchs: „Für die Palette der Berufe, die wir hier ausbilden, wären sonst bestimmt drei, vier Betriebe notwendig“, sagt Matthias Kühle. Er leitet das Training & Development Center, zu der neben der Betreuung der Studenten sowie der Fort- und Weiterbildung der Mitarbeiter auch die Lehrwerkstatt gehört.

Adient-Azubis gehören zu den Besten im Land

Diese biete auf 1000 Quadratmetern eine moderne Ausstattung für das Erlernen von Metall- und Elektroberufen. „Wir haben ein erfahrenes Ausbildungsteam, für jeden Bereich waren beziehungsweise sind wir in Prüfungsausschüssen der Industrie- und Handelskammer vertreten“, so Kühle. Regelmäßig gehörten Adient-Azubis zu den Besten im Land. Doch so gut das Image der Ausbildung ist: Auch an ihr sind die Turbulenzen der vergangenen Jahre nicht spurlos vorübergegangen. Die „Restrukturierung“ mit dem Verlust von rund 300 Stellen in Rockenhausen, Corona, Ukraine-Krieg, Energie- und Chip-Krise machten beziehungsweise machen dem Sitzhersteller zu schaffen. Bis heute muss Kurzarbeit als Steuerungsinstrument eingesetzt werden – das alles in einer ohnehin chronisch unruhigen Branche.

Diese Entwicklungen hatten auch Auswirkungen auf die Lehrwerkstatt: Statt wie einst um die 30 sind pro Jahr nur noch rund 20 neue Azubis eingestellt worden. Aber bekanntlich steckt in vielem Schlechten oft auch etwas Gutes. „Wir haben in den Krisen der vergangenen Jahre – wie alle Arbeitgeber in der Region – gelernt, dass wir flexibel sein und häufig umdenken müssen“, sagt Werkleiter Guido Herkenrath im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Daher haben sich die Verantwortlichen Gedanken gemacht, wie die Lehrwerkstatt angesichts rückläufiger Azubi-Zahlen noch besser ausgelastet werden kann – schließlich verfüge man über „tolle Ausbilder mit hervorragendem Ruf“, so Herkenrath.

„Eine Win-win-Situation“

Ergebnis der Überlegungen: „Gerne möchten wir unsere Erfahrung potenziellen Partnern aus Industrie- und Wirtschaft anbieten“, so Kühle. Anders ausgedrückt: Adient bildet künftig auf Anfrage für regionale Betriebe Nachwuchskräfte aus, die dafür eine Vergütung in überschaubarem Rahmen zahlen – „eine Win-win-Situation“, betont Herkenrath.

Auf diese Weise möchte der Automobilzulieferer die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen in Rockenhausen und Umgebung intensivieren – „es ist Adient ein Anliegen, sich in diesem Bereich zu engagieren“, so der Werkleiter. Für externe Azubis biete die Lehrwerkstatt vielfältige Möglichkeiten, Praxiserfahrung zum Beispiel an Maschinenanlagen zu sammeln. Ferner sei von Vorteil, dass von Beginn an zweisprachig (Deutsch/Englisch) ausgebildet und kommuniziert werde, was in aller Regel im eigentlichen Ausbildungsbetrieb nicht der Fall sei.

Verschiedene Modelle für „Ausbildung im Verbund“

Die „Ausbildung im Verbund“ – so die offizielle Bezeichnung – wird in verschiedenen Modellen angeboten: Es gibt eine Metall-Grundausbildung (Dauer sechs Monate), eine partielle Ausbildung bis zur Zwischenprüfung (18 Monate) oder die komplette Lehre inklusive Abschlussprojekt (dreieinhalb Jahre) – für letztere Variante hat sich aber in der ersten Runde noch niemand angemeldet. Das Pilotprojekt ist mit Beginn des neuen Lehrjahres am 1. September gestartet. Zehn externe Lehrlinge haben ihre Tätigkeiten als Werkzeug-, Zerspanungs- und Industriemechaniker, als Fachkraft für Metalltechnik, als Mechatroniker, Elektroniker und Werkstoffprüfer aufgenommen.

Hinzu kommen 21 Adient-Azubis: drei Werkzeugmechaniker, zwei Zerspaner, ein Elektroniker, vier Mechatroniker – darunter zwei Frauen –, ein Industriemechaniker, zwei Anlagenmechaniker für Sanitär, Heizungs- und Klimatechnik, sechs Maschinen- und Anlagenführer sowie zwei Industriekaufmänner. Nicht zuletzt sind derzeit in der Lehrwerkstatt sechs ruandische Auszubildende beschäftigt, die bei Partnerunternehmen angestellt sind. Herkenrath freut sich, dass das neue Konzept sofort auf gute Resonanz stößt und betont: „Weitere Betriebe, die Interesse haben, können sich gerne melden.“

Bewerbungen an andere Firmen weitergeben

Die Hilfsangebote von Adient beschränken sich aber nicht auf die Ausbildung selbst: „Wir bekommen oftmals mehr Bewerbungen, als wir Plätze vergeben können – mit dem Einverständnis des Bewerbers geben wir die überzähligen an unsere Verbundpartner weiter“, informiert Kühle. Auf diese Weise sei nun bereits ein Azubi an einen der Partnerbetriebe vermittelt worden. „Ansonsten wäre die Lehrstelle offengeblieben“, so Kühle. Ferner stehe man bei Bedarf gerne für „professionelle Prüfungsvorbereitungen“ bereit, separate Schweiß- oder Pneumatikkurse werden ebenfalls angeboten.

„Wir freuen uns, den Auszubildenden anderer Firmen in unserem Verbund die Möglichkeit zu geben, Einblicke in die Arbeit eines Automobilzulieferers und vielfältige Praxiserfahrung in Metallberufen sammeln zu können“, sagt Herkenrath zusammenfassend über die neue Kooperation. Deren Ergebnisse und Entwicklung werde man bei Adient gespannt verfolgen. Seien es nun eigene oder externe: Zu den über 1400 Lehrlingen, die in der Kreuzwiese ausgebildet wurden, werden weitere hinzukommen. Zumindest das hat sich in den fast 60 Jahren nicht verändert.

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