Rockenhausen
Sitzhersteller Adient baut weitere Stellen ab
Keine drei Jahre ist es her, dass die vom Unternehmen selbst so bezeichnete „Restrukturierung“ im Rockenhausener Werk der Firma Adient abgeschlossen worden ist. Ab Herbst 2020 hatte der weltweit größte Hersteller von Autositzen an seinem Nordpfälzer Standort im Zuge von Sparmaßnahmen rund 270 Stellen abgebaut. Allerdings war es in Verhandlungen zwischen Konzernleitung, Betriebsrat und IG Metall damals gelungen, die Reduzierung durch Frühverrentung und ein freiwilliges Abfindungsprogramm ohne betriebsbedingte Kündigungen durchzuführen.
Von Durchatmen konnte beim Autozulieferer aber auch anschließend keine Rede sein: Globale Schwierigkeiten – Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, Chip- und Energiekrise – machten dem Autozulieferer zu schaffen, wiederholt musste im Industriegebiet Kreuzwiese in den vergangenen Jahren Kurzarbeit als Steuerungselement eingesetzt werden. Dies ist aber nur noch bis Ende 2024 möglich.
Rockenhausen-spezifische Gründe für Abbau
Nun folgt der nächste Schlag für die aktuell noch rund 1000 Mitarbeiter: Bis zum Ende des Geschäftsjahres 2025 (30. September) sollen weitere 125 Stellen wegfallen. Dafür gebe es neben den allgemeinen Entwicklungen in der Automobilbranche auch spezifische Gründe am Nordpfälzer Standort, sagte Adient-Sprecherin Annika Wiertz der RHEINPFALZ. Ein wesentlicher betreffe ausgerechnet das „Prestigeprodukt“ des Werkes: den Sitzlehneneinsteller Taumel. Genauer gesagt dessen neue Generation 3000, der Nachfolger des erfolgreichen Taumels 2000. „Dieser läuft wie geplant aus, und der 3000er hat das nicht wie erhofft komplett kompensieren können“, erklärte Wiertz.
Hinzu gekommen sei, dass während der Corona-Pandemie Lieferketten unterbrochen waren. „Bis dahin war Rockenhausen das weltweit einzige Werk, das die Recliner hergestellt hat“, so Wiertz. Um Engpässe aufzufangen, sind während Covid-19 Werke in Asien und Nordamerika entstanden. Nach der Pandemie seien die Kosten für Transport und Material – beispielsweise für Stahl – derart gestiegen, dass eine Rückverlagerung der gesamten Produktion nach Rockenhausen keinen Sinn ergeben hätte. Das bedeute unter dem Strich, dass „die Nachfrage für den Standort selbst gesunken ist“ – ein Beleg dafür sei die Kurzarbeit, die „aber immer nur als kurzfristiges Instrument greift“, sagte die Sprecherin.
Ziel: keine betriebsbedingten Kündigungen
Weiter sagte sie, die Belegschaft sei über die Pläne informiert, nun sollten „so schnell wie möglich die Gespräche mit der Mitarbeitervertretung aufgenommen werden“. Ziel sei es, so viele Arbeitsplätze wie möglich „über das Prinzip der Freiwilligkeit abzubauen. Ich bin zuversichtlich, dass wir hier zusammen mit dem Betriebsrat attraktive Angebote gestalten können“. Sie verwies darauf, dass es in der eingangs genannten „letzten Runde“ gelungen sei, den Wegfall der damals fast doppelt so vielen Stellen ohne betriebsbedingte Kündigungen hinzubekommen. „Das wäre natürlich der ideale Zustand“, hänge aber auch vom Verlauf der Verhandlungen mit dem Betriebsrat und der IG Metall ab, so Wiertz.
Die Sprecherin hob hervor, dass Rockenhausen „nach wie vor das Exzellenz-Zentrum für Lehneneinsteller in Europa“ und die hohe Qualifizierung des Personals mit keinem anderen Standort vergleichbar sei. Sie könne jedoch die Frage, ob der nun anstehende Stellenabbau der vorerst letzte für längere Zeit sei, angesichts der Unwägbarkeiten auf dem Automobilmarkt „nicht seriös“ beantworten.
Betriebsrat bemängelt fehlende Perspektive
Die fehlende Kontinuität und daraus resultierende Verunsicherung der Mitarbeiter bemängelte auf RHEINPFALZ-Anfrage der Betriebsratsvorsitzende des Rockenhausener Werkes, Ulrich Böttcher: „In anderen Unternehmen wird in Zusammenhang mit einem solchen Stellenabbau eine Zukunftsvereinbarung geschlossen – aber darauf lässt sich Adient überhaupt nicht ein und gibt keine Garantien für die Zukunft.“ Der Betriebsrat bekäme gerne von Unternehmensseite eine Perspektive aufgezeigt, „die uns mal für einige Jahre – mehr als nur drei oder vier – mit unverändertem Personalbestand Ruhe bringt. So ist es aber schwierig“, sagte Böttcher.
Natürlich habe sich niemand aus der Belegschaft über die Nachricht gefreut, „sie war allerdings auch nicht ganz unerwartet. Überraschend war höchstens, dass sie so früh im Jahr kam“, sagte der Betriebsratsvorsitzende mit Blick auf die fast vierjährige, nun aber auslaufende Kurzarbeit. „Es war klar, wenn sich nichts Wesentliches ändert – zum Beispiel größere Aufträge hereinkommen –, dass spätestens dann etwas in dieser Art passieren wird“, so Böttcher. Gleichwohl betonte er, dass die Mitarbeitervertretung „jede Stelle, die abgebaut werden soll, kritisch hinterfragen wird“. Oberstes Ziel sei dabei, dass die Reduzierung auch dieses Mal ohne betriebsbedingte Kündigungen vonstatten gehe. Diejenigen, die Adient freiwillig verlassen, sollten ferner mit einer Abfindung ausgestattet werden.
Europaweites „Transformationsprogramm“
Er selbst fliege am Dienstag nach Prag und nehme an einem Treffen des europäischen Betriebsrats von Adient teil, so Böttcher weiter. Denn das Unternehmen hat darüber hinaus am Montag in einer Pressemitteilung das „strategische Transformationsprogramm in Europa“ angekündigt. Damit reagiere man auf „die anhaltende Marktschwäche und den hohen Preisdruck in der Automobilindustrie“. Diese durchlaufe momentan einen tiefgreifenden Wandel. Die gesamt Automobilbranche stehe unter enormen Druck, die Nachfrage gehe weiter zurück, begründet Annika Wiertz die Entscheidung für das Konzept, das allerdings nicht in direktem Zusammenhang mit dem Abbau in Rockenhausen stehe. „Während der Corona-Pandemie dachte man noch, der Markt erhole sich wieder“, so Wiertz, doch dies sei nicht passiert.
Stattdessen kämpfe die Branche mit den Folgen der Krisen. Vor allem die E-Mobilität sorge für ein geringeres Marktvolumen in ganz Europa, da die chinesische Konkurrenz viele Kunden abziehe, „nicht nur aus Deutschland. Die gesamte Branche verzeichnet in Europa einen Rückgang des Volumens um 20 Prozent“, so Wiertz. Für Adient seien die anstehenden Maßnahmen „unumgänglich“.
In Kaiserslautern fallen 40 Stellen weg
Von den Einschnitten betroffen ist auch der Adient-Standort Kaiserslautern: Hier werden 40 der aktuell 280 Stellen gestrichen. Schon in den beiden zurückliegenden Jahren hatte es einen Abbau in ähnlicher Größenordnung gegeben: 2022 fielen durch die Schließung des Bereichs Musterbau 42 Arbeitsplätze weg, 2023 wurden 49 Stellen gestrichen, weil der Bereich Testing geschlossen wurde. Insgesamt sind von dem Transformationsprogramm europaweit 360 Arbeitsplätze in den Bereichen Entwicklung und Verwaltung von den Umstrukturierungen betroffen. Ein Teil von ihnen werde an andere Standorte verlagert, 220 Stellen fallen aber ganz weg. Ob auch im Produktionssektor neben Rockenhausen weitere Standorte mit personellen Aderlässen rechnen müssen, konnte Wiertz am Montag nicht sagen.
Alexander Ulrich, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Kaiserslautern, kritisierte die Pläne: „Es ist ein Trauerspiel, was Adient mit den pfälzischen Standorten in Kaiserslautern und Rockenhausen seit Jahren treibt.“ Offensichtlich habe das Management keine Ideen, was künftig von dem Unternehmen entwickelt und gefertigt werden soll. „Ein Personalabbau folgt dem nächsten, ohne dass sich etwas zum Positiven verändert“, so Ulrich.
Daten & Fakten
Adient (Umsatz 2023: 15,4 Milliarden US-Dollar) ist der weltweit größte Hersteller von Fahrzeugsitzen. Marktanteil: rund 25 Prozent. Der Hauptsitz ist in Dublin (Irland). Das Unternehmen hat rund um den Globus zirka 200 Standorte, in 29 Ländern sind insgesamt über 70.000 Mitarbeiter beschäftigt. Einer davon ist das Werk in Rockenhausen, das bis 2011 als Keiper firmierte und bis zur Ausgliederung von Adient 2016 zum US-Konzern Johnson Controls gehörte. Die rund 1000 Mitarbeiter produzieren Einzelteile und Komponenten für Fahrzeugsitze – das Vorzeigeprodukt ist der Lehneneinsteller Taumel (und die Hebel-Variante Lever), der in alle gängigen Autotypen passt. Die Lehrwerkstatt hat seit 1964 fast 1400 junge Menschen ausgebildet.
