Rockenhausen
Pfalzklinikum: Patienten in ihrem Umfeld behandeln
Dr. Fernandez, die Lockdown-Phase ist vorbei, aber die Corona-Regeln mit Maskentragen und Abstandhalten sind in Ihrem Haus sicher nach wie vor eine Herausforderung?
Fernandez: Auf jeden Fall. Wir konnten einiges wieder lockern, sind jedoch noch weit von der Normalität entfernt. Die Tageskliniken, die wir zunächst völlig geschlossen hatten, sind jetzt wieder geöffnet, aber nach wie vor bewegen wir uns mit größter Vorsicht. Wir testen alle Patienten, die zur stationären oder tagesklinischen Behandlung kommen. Die Ergebnisse dieser Tests erhalten wir meist nach einem Tag. Tagesklinische Patienten werden erst nach einem negativen Ergebnis bei uns behandelt. Patienten in einer akuten Krise werden sofort behandelt und ebenfalls sofort getestet.
Haben Sie die Patientenzahl während des Lockdowns reduziert?
Landua: Ja, wir haben alle Behandlungen, die nicht ganz dringend waren, verschoben. Das war sowohl aus hygienischen Gründen wichtig, entsprach aber auch dem Wunsch etlicher Patienten.
Lassen sich denn Behandlungen im psychiatrischen Bereich einfach verschieben?
Fernandez: Nicht alle natürlich. Die Verschiebbarkeit ist weniger eine Frage des Krankheitsbildes als vielmehr der Krankheitsschwere.
Aber was war mit all jenen Patienten, die nicht als Notfall hier behandelt werden konnten oder wollten?
Fernandez: Patienten, die entweder eine stationären Aufnahme ablehnten oder bei denen eine ambulante Behandlung ausreichte, haben wir über unsere Ambulanz versorgt. Zusätzlich hat es sich als großen Vorteil erwiesen, dass wir seit Jahresbeginn an einer speziellen Form der aufsuchenden Behandlung arbeiten. Sie wird abgekürzt ACT genannt, was für „Assertive Community Treatment“ steht – also für gemeindenahe psychiatrische Versorgung am Wohnort. ACT ist seit Januar durch den Start ins Modellvorhaben am Pfalzklinikum möglich. Und es ist sehr gut angelaufen.
Gemeindenahe Versorgung wie die dezentralen Tageskliniken gibt es doch bereits seit längerer Zeit.
Fernandez: Diese spezielle Behandlungsform ist neu. Bei den Tageskliniken kommen die Patienten zu uns und besuchen hier die verschiedenen Gruppen. Bei der ACT-Behandlung liegt der Schwerpunkt in der Behandlung im Lebensumfeld der Patienten und in der Integration der Familien in die Behandlung. Es ist ein Unterschied, ob Patienten mit ihren Angehörigen in die Klinik kommen oder ob wir regelmäßig zu den Patienten nach Hause fahren.
Ist die ambulante Behandlung nicht die Aufgabe der niedergelassenen Psychiater oder Psychologen?
Fernandez: Die ACT-Behandlung ist tatsächlich ein neues und zusätzliches Angebot. Da Patienten meist zum niedergelassenen Kollegen oder in die Klinik gehen, fehlt oft der Einblick in die häuslichen Gegebenheiten. Für eine individualisierte Behandlung, die mit allen Beteiligten abgesprochen ist und über die Sektorengrenzen hinweg kontinuierlich verfolgt werden kann, bedarf es einer Behandlung zu Hause. Hierbei können Fähigkeiten und Probleme besser identifiziert werden.
Das heißt also, Sie stehen dann auch im Kontakt mit den Angehörigen?
Fernandez: Diesen Kontakt stellen wir bereits während des stationären Aufenthaltes her. Wir binden die Angehörigen von Anfang an in unsere Behandlungen ein, soweit das möglich und sinnvoll ist. Aber im häuslichen Umfeld tauchen dann erfahrungsgemäß auch Probleme auf, die in der Klinik zuvor nicht gesehen oder thematisiert wurden. Als Beispiel: Der depressive Mensch möchte am liebsten seine Ruhe, er will nicht ausgehen, keine Freunde besuchen. Der Partner aber wünscht sich, mehr am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Hier können wir vor Ort schon dabei mithelfen, Lösungen zu suchen, um die Menschen zu stabilisieren oder an einer besseren Kommunikation zu arbeiten.
Sie gehen dann also auch so weit, konkrete Tipps für den Alltag zu geben?
Fernandez: Ja, aber dabei ist überhaupt nicht unsere Arbeit zu beurteilen, was für den Einzelnen ein gutes Leben ist. Es geht einzig darum herauszufinden, was dieser Menschen braucht, um gesund und zufrieden zu bleiben oder zu werden. Wenn wir die Menschen in ihrem Umfeld sehen, können wir oft Probleme und Störungen besser identifizieren. Jeder Mensch hat das Recht, zu leben, wie er das für richtig hält. Unsere Aufgabe ist es, die durch die Krankheit verursachten Störungen und Probleme zu erkennen und mit dem Patienten und seinem System – also Familie, Angehörige, Freunde – an einer Genesung oder Lösung zu arbeiten.
Und wieso kam diese Arbeit in der Corona-Krise gut an?
Landua: Wir waren durch den Start in dieses Modellprojekt vorbereitet. Unser Team im Donnersberg besteht aus acht Mitarbeitern, darunter Ergo- und Physiotherapeuten, Pfleger, ein Arzt und ein Sozialarbeiter. Wir haben schon vor etlichen Monaten eine Arbeitsgruppe gebildet, um diese neue Behandlungsform gut einführen zu können. Durch dieses Angebot konnten wir eine Behandlung auch außerhalb der Klinik anbieten, das war auch deshalb wichtig, weil Corona bei manchen Menschen schon zu einer Zunahme ihrer Ängste geführt hat. Wir waren aber auch gezwungen, uns schneller als geplant mit dem Thema Telemedizin auseinanderzusetzen. Die Überlegungen zu dieser Behandlungsweise sind übrigens nicht neu. Bereits 2008 gab es die ersten Gespräche mit der Krankenkasse dazu. Hintergrund ist, dass wir es nicht für sinnvoll halten, immer mehr Betten aufzustellen und immer mehr Menschen stationär zu versorgen. Und wir müssen der wachsenden Zahl an Patienten gerecht werden. Für eine gut vernetzte Arbeit mit allen Beteiligten ist dieser sektorenübergreifende Ansatz, der stationär mit ambulant verbindet, unserer Auffassung nach ideal.
Sie sprechen von einem Modellversuch. Ist das Pfalzklinikum das einzige Haus, das mit ACT arbeitet?
Fernandez: Nein, es gibt bundesweit etwa 20 Modelle, aber unseres ist das größte Modell. Wichtig ist dabei auch, es stehen keine wirtschaftlichen Interessen dahinter. Wir machen keinen Gewinn, wir bekommen keine zusätzlichen Gelder für ACT, wir haben lediglich die Erlaubnis, unsere Mittel für diese Bereiche einzusetzen.
Und wie stehen die niedergelassenen Kollegen dazu?
Fernandez: Bisher wurde unser ergänzendes Angebot gerne angenommen. Aber natürlich wünschen wir uns eine weitere Vernetzung mit den niedergelassenen Kollegen.
Es waren ja aber nicht alle Patienten in diesem Modellprojekt – wie haben Sie während der Krise mit anderen Kontakt gehalten?
Landua: Wir haben eine Videosprechstunde angeboten und Telefonkontakt gehalten. Besonders der telefonische Kontakt wurde gut angenommen.
Erwarten Sie Nachwirkungen dieser Krise?
Fernandez: Auf jeden Fall. Ich gehe davon aus, dass es bei manchen Patienten durch die Phase der Isolation zu einer Verschlechterung kommt. Und manchmal zeigt sich das erst später. Gleichzeitig haben viele auch die Hilfsbereitschaft in ihrem Ort oder in der Nachbarschaft als sehr positiv und stabilisierend erlebt. Wo man aber auf jeden Fall mit einer Verschlechterung rechnen muss, das ist der gesamte Heimbereich.
Landua: Es gehört ja auch zu unseren Aufgaben der Regelversorgung, die Menschen in den Heimen aufzusuchen. Und während des Lockdowns konnten wir da keine Mitarbeiter hinschicken. Auch von den Heimen war das nicht gewünscht.
Und wie stellen Sie sich auf eine mögliche zweite Welle ein?
Landua: Es hat sich ja gezeigt, dass Gegenden, in denen es früh Kontaktbeschränkungen und Hygienebestimmungen wie Masken und Abstandsregeln gab, weniger betroffen waren. Wir werden daher in dieser Hinsicht sicher vorsichtig bleiben. Trotzdem aber haben wir das Besuchsverbot jetzt gelockert.
Info
- Seit 1. Juni können Angehörige und Freunde in der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie Rockenhausen wieder Besuch empfangen. Es gelten folgende Regeln:
- Jeweils ein Besucher pro Patient pro Woche. Die Besuchszeit ist wochentags von 16 bis 18 Uhr und am Wochenende von 13 bis 18 Uhr. Besucher müssen sich auf der jeweiligen Station anmelden. In den Klinikgebäuden und auf dem jeweiligen Gelände besteht Maskenpflicht. Es sollte ein Abstand zu anderen Personen von mindestens 1,5 Meter gehalten werden. Ein Besuchsverbot gilt weiterhin für Personen, die Symptome eines Atemwegsinfekts oder erhöhte Temperatur haben und in den letzten 14 Tagen Kontakt mit einer an COVID-19 erkrankten Person oder einem Verdachtsfall hatten.
- Fragen an das Sekretariat: 06361 4595-2301 (Montag bis Freitag, 9 bis 15 Uhr).