Göllheim RHEINPFALZ Plus Artikel Pfälzer Soldat in Afghanistan: „Die Bedrohung war allgegenwärtig“

Die Zeit bei der Bundeswehr habe ihn wachsen lassen, sagt Valerio U. aus dem Donnersbergkreis.
Die Zeit bei der Bundeswehr habe ihn wachsen lassen, sagt Valerio U. aus dem Donnersbergkreis.

Als Soldat lebte Valerio U. an Orten, von denen andere aus Angst um ihr Leben flüchten. Bei Einsätzen in Afghanistan und dem Irak gehörte die ständige Bedrohung durch das Kriegsgeschehen zu seinem Alltag. Wie ihn die Zeit bei der Bundeswehr geformt hat und wieso es ihn nach seiner Schicht regelmäßig in die Küche der Amerikaner zog.

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Der ehemalige Soldat Valerio U. aus dem Donnersbergkreis trägt diese Bilder in seinem Gedächtnis. Während Auslandseinsätzen in Afghanistan und dem Irak hat der 37-Jährige unmittelbar miterlebt, was es heißt, in einem Kriegsgebiet zu leben. Er spürte den großen Zusammenhalt unter den Soldatinnen und Soldaten und musste auch erfahren, was es bedeutet, einen Kameraden zu verlieren.

Anlässlich des Volkstrauertags, an dem Opfern von Krieg und Gewalt gedacht wird, gibt der Nordpfälzer am Sonntag bei einer Gedenkveranstaltung auf dem Göllheimer Friedhof Einblicke in diese Zeit.

Aus dem Donnersbergkreis in den Hunsrück

Zwölf Jahre hat sich Valerio U. als Soldat in den Dienst der Bundesrepublik gestellt. Nicht weil er es musste, sondern weil er es wollte. Die Wehrpflicht war bei seiner Berufung gerade ausgesetzt worden. „Ich habe mich schon immer für Waffentechnik und die Systeme der Bundeswehr interessiert“, sagt der 37-Jährige über seine Entscheidung, im Anschluss an eine Ausbildung zum Elektroniker für Automatisierungstechnik bei der BASF bei der Bundeswehr anzuheuern. Dafür tauschte er das Nordpfälzer Bergland gegen den Hunsrück: Das Städtchen Kastellaun wurde bis zu seiner Entlassung seine militärische Heimat.

Für die Ausbildung zum Feldwebel im Fernmeldebereich war er jedoch in ganz Deutschland unterwegs. „Man ist gut rumgekommen. Das hat für mich auch so ein bisschen den Reiz ausgemacht“, erinnert er sich. Vom Stabsunteroffizier über den Feldwebel stieg er auf zum Oberfeldwebel und verließ die Bundeswehr vor vier Jahren schließlich als Hauptfeldwebel. Das entspreche in etwa einer Position im mittlerem Management, erklärt der Donnersberger.

Persönlich wachsen durch Grenzerfahrungen

Seine bisherige Biografie könnte auch mit dem Titel „Suche nach neuen Herausforderungen“ überschrieben sein. Dabei scheint es dem Familienvater nicht nur darum zu gehen, möglichst schnell die Karriereleiter hochzuklettern. Er sucht sich immer neue Aufgaben, macht es sich nicht bequem auf einer Position und treibt seine persönliche Entwicklung durch Grenzerfahrungen voran. Die Bundeswehr, so seine Überzeugung, habe ihn nicht zum besseren Menschen gemacht, sondern das „herausgeschält, was bereits vorhanden war und verfeinert“. Davon profitiere er noch heute, persönlich und beruflich.

Die wohl größten Herausforderungen seiner militärischen Laufbahn waren Auslandseinsätze in Kriegsgebieten: Valerio U. war zweimal für mehrere Monate in Afghanistan sowie im Irak stationiert. Er meldete sich freiwillig. Das Erlernte in der Praxis umzusetzen, habe ihn gereizt. „Damit meine ich nicht, anderen Menschen zu schaden. Das ist nicht unser Auftrag“, betont der 37-Jährige. Vielmehr gehe es darum, Hilfe zu leisten: Dazu zähle der Bau von Brunnen, Brücken, Schulen, aber auch staatlicher Organisationen und Strukturen sowie die Ausbildung der Polizei und des Militärs.

Andere Länder, andere Sitten

Neben seinen Hauptaufgaben packte er immer da an, wo Hilfe gebraucht wurde – egal ob deutsche oder ausländische Einheiten. „Da ist die ganze Welt vertreten und man lernt so viele neue Kulturen kennen. Das macht die Arbeit so spannend.“ Wo die ganze Welt zusammenkommt, treffen auch verschiedene Sprachen und kulturelle Gepflogenheiten aufeinander. Deutsche Pünktlichkeit etwa könne man in Afghanistan nicht erwarten.

Auf die Gegebenheiten vor Ort habe die Bundeswehr die Soldatinnen und Soldaten jedoch gut vorbereitet: In einem speziellen Training wird ihnen neben militärischem Wissen auch der Umgang mit psychischen Belastungen und kulturellen Unterschieden vermittelt. Wer etwa in Afghanistan eine Einladung zum Tee ausschlägt, gilt als unhöflich. Das sei nicht immer leicht. Denn: „Die Bedrohung ist allgegenwärtig, zu jeder Zeit. Da muss man immer abwägen. Einerseits möchte man sein Gegenüber nicht verschmähen, andererseits trägt man auch die Verantwortung für seine Kameraden“, betont der Nordpfälzer.

Psychischen Schäden vorbeugen

Trotz Vorbereitung: Erst die Praxis zeige, aus welchem Holz man geschnitzt ist. „Das kann einem vorher niemand sagen. Und man lernt auch sich selbst und die eigenen Grenzen erst so wirklich kennen in diesen Situationen.“ Es seien nicht nur die Entbehrung und körperliche Schäden, die Soldaten in Kauf nehmen, sondern auch ernstzunehmende Folgen für die psychische Gesundheit, betont der ehemalige Soldat.

Da sei die Bundeswehr mittlerweile gut aufgestellt: Psychologische Teams, die bereits in der Einsatzvorbereitung für Anzeichen wie Schlafstörungen, grundlose Nervosität oder Verstimmungen sensibilisieren, sollen posttraumatische Belastungsstörungen abdämpfen. „Da habe ich großes Glück. Mir geht es gut. Ich habe tatsächlich keine Nachwirkungen und kann ruhig schlafen“, erzählt der Familienvater. Bei einigen Kameradinnen und Kameraden sehe das anders aus. Neben professioneller Unterstützung setzte der Pfälzer bei der Bewältigung des Erlebten vor allem auf den Austausch untereinander. Der sei enorm wichtig.

Bis zu zehn Soldaten auf engstem Raum

Wenn Valerio U. von seiner Zeit bei der Bundeswehr spricht, fällt ein Wort besonders häufig: Kameradschaft. Vor Ort leben Soldatinnen und Soldaten bei Auslandseinsätzen auf engstem Raum zusammen. Sie teilen sich nicht nur mit bis zu zehn Menschen eine Behausung, sondern auch Ängste und Sorgen. „Da wächst man zusammen. Und es ist wichtig, sich auch mal abzulenken und Rituale zu schaffen.“

Nach Schichtende zog es ihn mit einem seiner „besten Kameraden“ regelmäßig noch in die Küche der Amerikaner, um sich dort Sandwiches zu machen. „Das war total unvernünftig, aber immer wenn wir uns gesagt haben, dass wir direkt schlafen gehen, saßen wir wieder da, haben Sandwiches gegessen und sind dann mit vollem Magen ins Bett. Das war eben unser Ritual“, erzählt er lachend.

Leben in der Lage

Kameradschaft bedeute für ihn auch, für Menschen Verantwortung zu übernehmen, mit denen „die Chemie nicht stimmt“ und über den eigenen Schatten zu springen. Denn, das hat Valerio U. bei der Bundeswehr gelernt: Das Leben ist kein Wunschkonzert. Eine Situation kann sich jederzeit unerwartet verändern und verlangt Soldatinnen und Soldaten ab, sich in kürzester Zeit mit den Gegebenheiten zu arrangieren und zu funktionieren. Das gelte auch in lebensbedrohlichen Situationen.

„Leben in der Lage“ nennt die Bundeswehr diese Fähigkeit zur schnellen Anpassung, die auch im zivilen Leben hilfreich ist, versichert der Ex-Soldat. Und noch etwas habe er bei der Bundeswehr gelernt: Geduld und die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen. „Diese Kombination aus Allem macht das Soldatendasein aus.“ Trotz strenger Hierarchie sei es ihm immer wichtig gewesen, jeden und jede gleich zu behandeln, unabhängig vom Dienstgrad. „Wir sind alle Menschen.“

Auf zu neuen Herausforderungen

Nach zwölf Jahren im Dienst war für Valerio U. Schluss bei der Bundeswehr. „Ich hätte sicherlich Berufssoldat werden können, aber ich wollte wissen, welche Herausforderungen in der zivilen Welt noch auf mich warten“, erklärt er seinen Ausstieg. In seinem letzten Dienstjahr hat er noch einen Master in Betriebswirtschaft draufgesetzt. Die Neugier darauf, was er denn noch so hinkriege, habe ihn angetrieben. Denn Stillstand ist keine Option für den 37-Jährigen. „Man muss immer weitermachen, sonst entwickelt man sich zurück“, so seine Überzeugung.

Trotzdem sei ihm der Übergang nach zwölf Jahren im Militärdienst nicht leicht gefallen. Nach verschiedenen Stationen in der freien Wirtschaft habe er nun aber das Richtige gefunden: Als Account Manager Defense und Government bei einer internationalen Firma, die sich mit Satellitenkommunikation beschäftigt, kommen nicht nur seine Fähigkeiten aus der Zeit bei der Bundeswehr zum Tragen, er hat auch beruflich wieder mit seinem ehemaligen Arbeitgeber zu tun. „Ich denke, ich habe den Übergang geschafft und bin jetzt auch sehr stolz und glücklich mit dem, was ich tue“, sagt der Nordpfälzer zufrieden.

Info

Die Gedenkveranstaltung anlässlich des Volkstrauertages beginnt am Sonntag, 17. November, um 11.15 Uhr auf dem Göllheimer Friedhof. Im Anschluss an eine Gedenkstunde am Ehrenmal unter Mitwirkung der Kirchengemeinden, VdK und Musikverein wird Valerio U. von seiner Zeit bei der Bundeswehr und seinen Auslandseinsätzen berichten.

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