Donnersbergkreis Mit so viel Glut wie Können
Grandios, wunderbar, ein Abend der Superlative, unvergesslich – Stefan Wasser führte Carl Maria von Webers „Freischütz“ in der fast ausverkauften Kiboer Stadthalle auf, mangels theatralischer Ressourcen konzertant, abgesehen von reizvollen Balletteinlagen.
Der Freischütz war mit „die“ erste deutsche Nationaloper, deren zündende Gassenhauer und schwarze Romantik die deutsche Seele mitten ins Herz trafen, schnell war sie international populär. Schwelgend in böhmisch-süffigem Musikantentum, volkstümlich ländlicher Idylle, Mannbarkeitsproben und verhängnisvollen Abgründen. Maxens Versagensängste und seine daraus resultierende Verführbarkeit durch das Böse bleiben austauschbar und zeitlos. Zweifellos war es ein Wagnis, bei einem derart auf märchenhafte Bilderbögen angelegten Musiktheater auf Bühneneffekte zu verzichten. Die Konzentration auf die mit so viel Glut wie Können dargebotene Musik setzte allerdings sehr schnell Fantasieprozesse frei – schon von den vielen reizvollen Melodiezitaten in der Ouvertüre, bis heute Ohrwürmer, ließ man sich gerne forttragen. Einfacher und wirkungsvoller Hintergrund war das Bühnenbild Ursula Reindells, ein uralter knorriger Baum, Sinnbild für den „deutschen Wald“. Ein vieldeutig mysteriöser Ort, heimatlich und dämonisch zugleich. Alles war bei dieser Version auf Opulenz angelegt (und die war auf zahlreiche Sponsoren angewiesen): ein riesiger Opernchor, der Sänger des Nordpfälzer Oratorienchors, der Konzertgesellschaft und der Liedertafel Bad Kreuznach und des Saulheimer Männerchors miteinander verknüpfte – dynamisch fein abgestimmt und klanggewaltig. Das professionelle, üppig besetzte Orchester der „Kammerphilharmonie Europa“ aus Köln bestach einmal mehr durch seine sinfonische Homogenität. Die Interaktion exzellenter Streicher und Bläser und viele packende Solo-Beiträge zu erleben, war reine Freude. Wasser hielt über 150 Musiker mit souverän gebündelter Leidenschaftlichkeit zusammen, dirigierte und inspirierte mit organischen Gesten. Ganz der Musik ergeben die innerlichen leisen Passagen malend. Und umso lodernder, ja bis zur Entfesselung, reizte er die Kontraste aus, die Klangpracht und Dramatik des Werkes. Für dieses Feuer und sein rückhaltloses Musizieren liebt man Wasser. Um den Gang der Handlung zu erklären und zu kommentieren, hatte er Zwischentexte verfasst, deren leicht patinierter feierlicher Ton den Bogen zum bald zweihundertjährigen Libretto J. F. Kinds schlug. Eindringlich und markant sprach sie der Schauspieler Patrick Braun, der auch in die Rolle des Samiel schlüpfte. Das Kiboer Ballett „Flex & Point“ brachte so etwas wie „kulinarisches Theater“ ins Spiel, brillant choreogaphiert von Kristine Uhl, Lisa und Nora Frölich. Sensibel auf die musikalische Szenerie bezogen, wirbelten geschliffene und dezent gedresste Ballerinen quer durch die Halle, etwa zum „Böhmischen Walzer“ und folkloristisch beschwingten Reigen. Oder sie setzten die jeweiligen Seelenzustände der Hauptdarsteller ausdruckstänzerisch um, mal elfenhaft schwebend in weißen flatternden Gewändern, später in schwarzen Trikots als hexen- und gespensterhafte Schimären am Urschreckensort Wolfsschlucht. Eindrucksvoll: die Gegenüberstellung eines tanzenden „alter ego“ zu Agathes großartiger Arie „Leise, leise, fromme Weise“. Ausnahmslose Glücksgriffe waren die (nebenbei auch durchgängig textverständlichen) Solisten: Christoph von Weitzel in der Doppelrolle des Kilian und als Ottokar von Böhmen, der über die Geschicke seiner Landeskinder selbstherrlich bestimmt – ein weittragender Bariton von Gottes Gnaden, mühelos auf größere Häuser angelegt. Und dies gilt genauso für alle anderen. Chao Deng, Bariton, füllt warm und voluminös die Partie des Kuno. Thomas Herberichs rußiger Bass gibt der zwielichtigen Gestalt des Kaspar buchstäbliche Tiefe und Brisanz. Johann Winzer singt den Max passioniert und ausdrucksstark, sein kraftvoller Tenor weist bereits heldische Züge auf. Marek Kalbus, ein opernhaft weiter und nach unten scheinbar unbegrenzter Bass, schlägt als Eremit prophetisch gemeißelte Töne an. Sie gehen unter die Haut. Bei aller Unterschiedlichkeit in Timbre und Ausstrahlung sind auch die beiden Soprane musikalisch einander ebenbürtig, sie scheinen einander hochzuschaukeln. Vanessa Lanch in der Rolle der Agathe bezaubert mit ihrer geschmeidigen, suggestiv anrührenden und weit leuchtenden Stimme, die zu großer Dramatik fähig ist und dabei weich bleibt. Gunda Baumgärtner spielt das Ännchen als mit allen Wassern gewaschenes Vollblutweib: kokett charmant bis zum Soubrettenhaften und in höchsten Koloraturen bravourös schillernd; mit zu den Höhepunkten zählt ihre Arietta „Kommt ein schlanker Bursch gegangen“. Viele Dauerbrenner klingen an diesem Abend nach – Maxens Arie „Durch die Wälder, durch die Auen“, der unverwüstliche „Jungfernkranz“, der „Jägerchor – Joho, trallala-“ als (leider oft missbrauchtes) viriles Schmankerl. Mit minutenlangem skandierendem Schlussapplaus im Stehen wird die Leistung Wassers und seines Riesensembles gefeiert; Zugabe ist der Eingangschor der Bauern, „Victoria“ emphatisch und sieghaft. Der Dirigent freut sich wie ein Kind und erzählt, dass Carl Maria von Weber mit Abbé Vogler Kibo bereiste, wenn auch nur für einen Tag. Einmal mehr schließt sich der Bogen zur „Kleinen Residenz“.