Donnersbergkreis „Man muss die Komfortzone verlassen“
«KIRCHHEIMBOLANDEN.» Am vierten Tag wollte Olaf Kern nur eines. Einknicken. Die Kraft versagte. Inmitten der felsigen Prärie stand er, irgendwo vor der portugiesischen Kleinstadt Ponte de Lima. Keine Menschenseele, karges Panorama, viel Grau. Kern war klatschnass. Seit vier Tagen goss es vom Himmel, der eisige Atlantikwind zog ihm in die Glieder. Immer weiter, ohne Unterlass. Es hätte die Suche nach dem Selbst werden sollen. An diesem miserablen Tag, da war Kern aber ganz weit weg davon. „Du stellst alles in Frage, vor allem dich selbst“, erinnert er sich an den kalten Nachmittag des 5. März 2014. „Ich war am Nullpunkt, hätte mich am liebsten hingelegt und geheult.“ Die Grenze, oder das, was Kern für seine Grenze hielt, war angekratzt… Warum machst du sowas? Wofür hast du das verdient? Den heute 53-jährigen Hessen, seit 2002 in der Pfalz, plagten Selbstzweifel. Und das 140 Kilometer vor Santiago de Compostela, der Pilgerstätte der Christenheit. Als Kern triefnass im Unwetter stand, traf er eine Entscheidung. Er wollte nicht aufgeben. Das mag nun kitschig klingen, doch genau in dem Moment, sagt er, brach die trübe Wolkendecke und die Sonne strahlte. Ein Aha-Erlebnis. „Das hat was von Qual und Überwindung. Wir sprechen ja nicht von einem Adventure im Himalaya, „nur“ vom Pilgern. Aber man muss seine Komfortzone verlassen“, betont der Kirchheimbolander. Paulo Coelho – Weltliterat, der selbst den Camino, übersetzt Straße, entlang pilgerte – sagte einst: „Eines Tages wirst du aufwachen und keine Zeit mehr für Dinge haben, die du immer wolltest.“ Wenn nicht jetzt, wann dann. Dachte sich auch Kern. Santiago de Compostela ist die Hauptstadt der nordwestspanischen Provinz Galicien. Es heißt in der Kathedrale liegen die Gebeine des Heiligen Jakobus, des spanischen Schutzpatrons. Kern pilgerte viermal zur Jakobus-Statue – zweimal den portugiesischen Weg, zweimal den Camino Francés, die bekannteste Route, von den Pyrenäen 800 Kilometer durch Spaniens Norden. Einen „wahnsinnigen Bewegungsdrang“ habe er verspürt, als ihn ein Herzinfarkt in die Knie zu zwingen versuchte. Geschichten wie diese sind es, die dem Camino, seinen Begegnungen, eine empathische Magie verleihen. Geschichten über Krankheiten, die Suche nach dem Sinn des Lebens, verflossene Lieben. „Der Weg gibt dir nicht das, was du willst, sondern das was du brauchst“, lautet eine alte Camino-Weisheit. Staubige Trampelpfade und Schotterwege, spartanische Herbergen, Einsamkeit, Blasen an den Füßen. Wer ernsthaft pilgert, kommt klar damit. „Man muss nur auf die Erfahrenen hören, dann ist das kein Problem“, rät Kern. In diesem Jahr lief er knapp 700 Kilometer ab Pamplona, im Schnitt 27 pro Tag – er gehört zu der Sorte Pilger, die sich die Meter nicht in die Beine prügeln, um sich mit der ausgestellten Pilger-Urkunde, der Compostela, zu rühmen. Denn der Weg leidet am Erfolg. Es gibt jene, die erst in Sarria einsteigen, 100 Kilometer vor Santiago, denn die braucht man für die Urkunde. Top gestylt lassen sie sich zu Luxus-Unterkünften karren, das Gepäck transportieren, tragen schicke Lederrucksäcke. Und es gibt jene wie Olaf Kern. 700 Kilometer hartes Gehen, Schlafen in klapprigen Betten und profanen Bauten, drei Wochen ohne Rasur. Fünf bis zehn Euro Pauschale pro Nacht. „Man will von Zwängen und Konditionen des Alltags loslassen. Man ist frei und bestimmt selbst, wie lange man geht, wo man Pause macht“, erzählt er. 1995 pilgerten 20.000 nach Santiago – 2005 waren es 100.000, im Rekordjahr 2017 über 300.000. Die Jakobsmuschel steht oft im Zeichen des Massentourismus. Hotels werden hochgezogen, die Gastronomie blüht. „Der Weg ist auch ein Geschäft“, weiß Kern. „Aber ich habe viele Gleichgesinnte getroffen, und meistens erfährt man Herzlichkeit.“ Kern klammert nicht an religiösen Dogmen, er bezeichnet sich als „konfessionslosen Christen“. „Jeder läuft mit seinen Problemen. Aber du merkst, dass du nicht der mit den größten bist“, beschreibt er, seit 2016 Regionalsprecher „Nordpfalz“ der Sankt-Jakobus-Gesellschaft. Denn Pilgerwege, die auf Santiago zulaufen, gibt es viele. Fast wie Jakobsmuscheln am Meer. Als Kern 2014 das erste Mal in Santiago einlief, den Heiligen Jakobus umarmte, seine Compostela abholte, veränderte ihn das. Er ist ruhiger, bedächtiger. 2015 traf Kern auf dem Camino eine Gruppe Schotten. Man unterhielt sich, verlor sich aus den Augen. Sechs Tage später das Wiedersehen. Einer drückte Kern ein Holzkreuz in die Hand, eigens für ihn geschnitzt. Seitdem trägt er es stets in der rechten Hosentasche.